Am Sonntag hat er es doch noch getan. SVP-Nationalrat Andreas Glarner entschuldigte sich im «Sonntalk» auf TeleM1 bei der jungen Zürcher Lehrerin. Was er getan habe, sei nicht korrekt gewesen. Am Dienstag hatte er die Handynummer der Lehrerin auf Facebook veröffentlicht und dazu aufgerufen, ihr mitzuteilen, «was man davon hält». Die Lehrerin hatte Eltern darauf hingewiesen, dass für muslimische Kinder am Tag des Fastenbrechens schulfrei ist und sie dafür keinen Jokertag einsetzen müssen.

Diese Regelung hatte sich die Lehrerin nicht etwa selbst ausgedacht. Sie steht so im Zürcher Schulgesetz und auch in jenem des Kantons Aargau. Doch das interessierte den SVP-Nationalrat nicht beziehungsweise er wusste es gar nicht. «Ich konnte nicht annehmen, dass die Zürcher tatsächlich so eine Verordnung haben», sagte er im «Sonntalk».

«Es war ein Fehler»: Andreas Glarner bittet diffamierte Lehrerin um Entschuldigung

«Es war ein Fehler»: Andreas Glarner bittet diffamierte Lehrerin um Entschuldigung

  

Burgherr bricht sein Schweigen

Auffallend ist: Weder Parteichef Albert Rösti noch Thomas Burgherr, der Präsident der SVP Aargau, wollten sich letzte Woche zum Fall äussern. Zumindest Burgherr stand die letzten Tage aber in Kontakt mit Glarner und hat die Sache mit ihm besprochen, wie er nun auf Anfrage der AZ sagt. «Die Entschuldigung begrüsse ich sehr», sagt Burgherr. Die Frage, ob er Glarner eine öffentliche Entschuldigung nahegelegt habe, beantwortet er nicht. Er sagt: «Es war sicher nicht richtig, die Lehrerin in die Sache miteinzubeziehen.»

In der Sache gibt der Parteipräsident Glarner aber recht: «Er wollte die Bevölkerung wachrütteln und aufzeigen, dass heute andere Religionen zum Teil gegenüber dem Christentum bevorzugt werden.» Burgherr selber findet, «jedes motivierte Sonderrecht, das im Widerspruch zu unserer Rechtsordnung steht, sollte abgeschafft respektive abgelehnt werden». Stattdessen sollte die Gesellschaft wieder vermehrt zum «christlich-abendländischen Fundament unseres Staatswesens, unserer Rechtsordnung und unserer Kultur stehen». So habe er im Gespräch auch Glarners Anliegen verstanden.

Laut «SonntagsBlick» soll der Fall heute Dienstag auch Thema in der Fraktionssitzung im Bundeshaus sein. Dazu sagt Burgherr: «Am Donnerstag war noch nichts traktandiert.»

Der Austeiler muss einstecken

Vom öffentlichen Aufruf bis zur Entschuldigung verging fast eine Woche. Fast eine Woche, in der Glarner – der Austeiler – vor allem selber Kritik einstecken musste. Der Stadtzürcher Schulvorsteher Filippo Leutenegger (FDP) stellte sich hinter die Lehrerin und äusserte sein Befremden über Glarners Verhalten. Der Angriff sei «nicht nur ungerechtfertigt, sondern auch unhaltbar».

Die Zürcher Bildungsdirektorin Silvia Steiner (CVP) bezeichnete Glarners Verhalten als «inakzeptabel». Er überschreite «jegliche Form von politischem Anstand und Fairness». Die Bildungsdirektion werde die Lehrerin unterstützen falls sie rechtliche Schritte in Erwägung ziehe. Glarners Entschuldigung findet Steiner «eher halbherzig», wie sie gegenüber «Radio Top» sagte.

Selbst Parteikollegen griffen Glarner an. «Kein Politiker sollte öffentlich eine Lehrerin an den Pranger stellen, die einfach ihren Job macht», sagte der Zürcher Nationalrat Alfred Heer zum «SonntagsBlick».

Glarner selbst war sich lange keiner Schuld bewusst. Er redete sich raus und sogar seine Entschuldigung im «Sonntalk» war mit einem Aber verbunden. Der SVP-Nationalrat argumentierte, er habe nicht wissen können, dass es sich um die private Handynummer der Lehrerin gehandelt habe. Im Brief sei die Nummer als «Schulhandy» deklariert gewesen. Und dieses könne man nach Feierabend abschalten.

Auch gegen die Medien teilte Glarner aus. Sie würden die Affäre hochkochen, weil sie vom eigentlichen Problem ablenken wollten. Die Kinder seien während des Ramadans nicht konzentrationsfähig. Die Grundsatzfrage, die man nicht diskutieren wolle, laute: «Wie viel Schulbetrieb ordnen wir dem Islam unter?», so Glarner in der TV-Sendung.

Nicht der erste Problemfall

Glarner ist nicht der erste Aargauer Nationalrat, der im Wahljahr aus der Reihe tanzt und für negative Schlagzeilen sorgt. Angefangen hat es mit Urgestein Maximilian Reimann. Der 77-Jährige wurde aufgrund einer Altersregelung nicht mehr nominiert, entschloss sich aber, auf einer eigens geschaffenen Seniorenliste noch einmal anzutreten. Im März sorgte dann Luzi Stamm mit einem Kokainkauf sowie dem Transport eines Koffers voll Falschgeld für Irritationen im Bundeshaus. Dazu kommt, dass sich mit Martin Keller überraschend ein Kandidat aus der Politik zurückgezogen hat, dessen Name bereits auf der Nationalratsliste stand. Die SVP Aargau muss deshalb Ende Juni noch einen Kandidaten nachnominieren.