Corona-Debatte

Aargauer Unternehmer widerspricht Bäckermeister Kunz: «Bedrohte Kleinbetriebe sollten Direktzahlungen erhalten»

Thomas Stöckli fordert Direktzahlungen für gefährdete Betriebe.

Thomas Stöckli fordert Direktzahlungen für gefährdete Betriebe.

Thomas Stöckli ärgert sich über Aussagen, Betriebe hätten zu wenig Krisenvorsorge betrieben und seien gar nicht lebensfähig. Das hatte der Fricker alt Grossrat Markus Kunz gesagt.

Mit seinen Aussagen hat Bäckermeister und alt Grossrat Markus Kunz polarisiert. Es sei für ihn nicht nachvollziehbar, wie schnell Betriebe wegen der Coronakrise in finanzielle Schieflage geraten seien, sagte Kunz letzte Wochen gegenüber der AZ.

Da würden wohl etliche Unternehmen «von der Hand in den Mund» leben, mutmasste Kunz und forderte die Unternehmer auf, aus der Krise zu lernen und künftig eine Reserve für den Krisenfall zu bilden. Er selber, so Kunz, habe stets eine «Kriegskasse» gehabt, um in einer Krise während vier bis sechs Monate Mieten und Löhne zu zahlen.

Sauer aufgestossen sind die Aussagen Thomas Stöckli. Der Gartenbauunternehmer und alt FDP-Gemeinderat aus Frick sass wie Kunz 16 Jahre im Vorstand des Aargauischen Gewerbeverbandes. Seine Branche ist ebenfalls hart von der Coronakrise getroffen; das Frühlingsgeschäft ist das wichtigste im Jahr.

Was er in letzter Zeit – nicht nur von Kunz – gelesen habe, habe ihn traurig gestimmt, sagt Stöckli. «Man sprach von unternehmerischem Risiko, von fehlenden Reserven, ja sogar vom sinnvollen Sterben von zu wenig ertragsstarken Firmen.» Fakt sei jedoch, dass die erzwungene Betriebsschliessung kein unternehmerischer Entscheid der Inhaber sei, sondern eine behördliche Massnahme zum Schutze aller.

«Profitieren können wir alle, aber den Preis dieser Massnahme sollen einige wenige bezahlen.» Dagegen wehre er sich. «Wer profitiert, soll auch bezahlen. Und bezahlen heisst für Stöckli in diesem Fall: «Direktzahlungen an alle von der Schliessung betroffenen Betriebe.» Nur so könnten sie überleben.

Direktzahlungen «für eine ­vielfältige Gewerbelandschaft»

Er höre bereits das Gezeter, dass dies unbezahlbar sei, fügt Stöckli an. Dem widerspricht er. «Die Schweiz ist reich. Und die Schweiz ist stolz darauf, sich um die Schwächsten zu kümmern.» Dies müsse auch jetzt gelten, die schwächsten Unternehmungen dürften nicht den Preis dieser Gesundheitsmassnahme bezahlen.

Stöckli erinnert daran, dass die Schweiz das Instrument der Direktzahlungen seit Jahren kenne und die Steuerzahler die Direktzahlungen immer brav finanzieren würden – zu Gunsten der Landwirtschaft. «Genau so sollten wir es jetzt mit den bedrohten Kleinbetrieben halten.» Direktzahlungen «für eine kleingliedrige, vielfältige, umweltschonende und persönliche Gewerbelandschaft.»

Kein Rezept findet Stöckli hingegen die «hochgelobten Sofortkredite». Sie könnten kurzfristige Liquiditätsengpässe beseitigen, nicht aber das Überleben einer Kleinfirma sichern. Denn «wie soll eine angeschlagene Firma einen Kredit innert fünf bis sieben Jahren zurückzahlen können?», fragt Stöckli rhetorisch.

Auch die von Kunz geforderte Reservenbildung hinterfragt Stöckli. Eine kleine und oft noch junge Firma müsse alles Geld in den Betrieb investieren, nur so komme sie voran. «Als ich im Alter von 24 Jahren den Betrieb meines Vaters kaufte, erging es mir genauso», erinnert sich Stöckli. «Ich investierte, sanierte, vergrösserte und konnte mit oft nicht mal den ganzen Lohn aus­bezahlen.»

Besonders bedenklich findet Stöckli die weitverbreitete Meinung, dass viele Kleinbetriebe ohnehin keine wirtschaftliche Berechtigung hätten, da sie zu ertragsschwach seien. Er schüttelt den Kopf. «Als wäre in unserer Gesellschaft der finanzielle Ertrag das Mass aller Dinge», sagt er und fragt: «Sind Werte wie Vielfalt, persönliche Bedienung, Tradition, persönlicher Stil, Nähe plötzlich nicht mehr gefragt?»

Bis jetzt sei man in der Schweiz immer Stolz auf die Vielfalt der Gewerbelandschaft gewesen. Auch Stöckli weiss dabei, dass die Ertragskraft in vielen nun geschlossenen Branchen eher schwach ist. Verantwortlich für diese unbefriedigende Situation sei jedoch nicht der Unternehmer, sondern der Kunde. «Er will für diese Produkte und Dienstleistungen nicht mehr bezahlen.»

Autor

Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

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