Es ist ja eigentlich nur ein halbes Jubiläum. 1891, also vor 125 Jahren, gründeten Charles Brown und Walter Boveri die BBC. Die schwedische Asea, mit der die BBC 1988 zur heutigen ABB fusionierte, ist derweil bereits acht Jahre älter. Egal, aus Schweizer Sicht ist 2016 ein Jubiläumsjahr.

1901 läuft die erste Dampfturbine auf dem Prüfstand. Die gesamte Firmenleitung ist anwesend. Von links: Eric, Charles und Sidney Brown, Walter Boveri, Konstrukteur Albert Aichele, Finanzchef Fritz Funk sowie drei Monteure.

1901 läuft die erste Dampfturbine auf dem Prüfstand. Die gesamte Firmenleitung ist anwesend. Von links: Eric, Charles und Sidney Brown, Walter Boveri, Konstrukteur Albert Aichele, Finanzchef Fritz Funk sowie drei Monteure.

Und dass die Schweiz für den Weltkonzern mit seinen 135 000 Angestellten in rund 100 Ländern nicht nur wegen des Hauptsitzes in Zürich Oerlikon nach wie vor eine spezielle Bedeutung hat, versucht ABB anlässlich des Jubiläumsjahrs mit der «Swiss Icon Tour» aufzuzeigen. Diese führte diese Woche gut 20 Journalisten aus Deutschland und der Schweiz durch den Aargau.

Denn hier, genauer in Baden, begann die Geschichte im 19. Jahrhundert mit dem Bau von Generatoren für ein Flusskraftwerk.

Charles Brown, der Sohn eines englischen Ingenieurs, war ein genialer Konstrukteur, während der in Deutschland geborene Walter Boveri als besonnener und technisch versierter Projektleiter galt. Beide sahen sie den «Strom als Schrittmacher für ein neues Zeitalter», wie es in einer Firmenbroschüre heisst.

Die ABB-Gründerväter hatten natürlich recht. Und von seiner Aktualität und den damit verbundenen Hoffnungen – Stichwort Tesla – hat der Strom ja bis heute nichts eingebüsst.

ABB leidet zwar unter dem tiefen Ölpreis, weil der Konzern Komponenten für Förderanlagen liefert. Gleichzeitig kann er aber auch von Investitionen in die Energiewende profitieren.

Zum Beispiel in Lenzburg. Hier werden Halbleiter produziert, die für die Einspeisung von Strom aus Wind- und Photovoltaikanlagen ins elektrische Netz gebraucht werden. Oder für die Übertragung von Strom über grosse Distanzen mittels Hochspannungs-Gleichstrom.

Mit dieser Technologie, die ABB seit den 50er-Jahren entwickelt, kann heute über einen einzigen Korridor eine Leistung von 10 Gigawatt übertragen werden – mehr als der Bedarf der ganzen Schweiz.

Die «Swiss Icon Tour» startet in Lenzburg, wo ABB seit 1981 Leistungshalbleiter produziert. Es ist ruhig hier, sicher ruhiger als in der damaligen Badener Fabrik von Brown und Boveri. Und es ist unvorstellbar sauber.

In den Reinräumen – insgesamt erstrecken sich diese in Lenzburg über eine Fläche von 8000 Quadratmetern – werden pro Kubikmeter Luft maximal 10 Partikel mit mehr als 0,0005 Millimeter Durchmesser toleriert.

Die Fabriktour ist also gezwungenermassen eine «Fenster-Tour». Hinter den Glasscheiben hantieren bis auf die Augen in Schutzbekleidung eingepackte Arbeiter mit den reinsten auf dem Markt erhältlichen Silizium-Wavern, durch die später riesige Strom-Mengen fliessen werden.

Das Silizium: Es ist sozusagen der Stoff, auf dem das Leistungselektronik-Dreieck zwischen Baden-Dättwil, Lenzburg und Turgi gebaut ist.

Zumindest noch. Denn in Baden-Dättwil, dem grössten von sieben globalen Konzernforschungszentren, wird bereits mit neuen Materialien an der nächsten Generation von Leistungshalbleitern geforscht.

Stromsteuerung dank Silizium

Aber was ist das eigentlich, ein Leistungshalbleiter? «Nichts anders als ein Schalter, der den Strom sperren und leiten kann. Damit kann man jede Form von Frequenzen umwandeln», erklärt der Lenzburger Fabrikleiter Manfred Kraxenberger.

Auf der Medienreise durch den Aargau werden sich noch weitere ABBler an die Erklärung des Begriffs wagen.

Denn klar ist: So gross die Bedeutung der kleinen, mit Dotierungselementen für die Stromsteuerung ausgestatteten Silizium-Platten, so klein deren Bekanntheit.

Spüren kann man sie etwa auf jeder Zugfahrt. «Vor Jahrzehnten hat es beim Anfahren gerumpelt», sagt Kraxenberger. Mittlerweile gehe das sehr sanft – eben dank den Halbleitern, die den Strom stufenlos hochfahren können.

Natürlich tun sie das nicht ganz allein. In Turgi, mit 1100 Mitarbeitern der grösste Aargauer ABB-Standort, werden die Leistungshalbleiter in Frequenzumrichter eingebaut.

Die Fahrt von Lenzburg nach Turgi macht die Reisegruppe übrigens in einem klassischen Car.

Aber auch der ist für einen Vergleich gut: Ein Leistungshalbleiter, so eine Erklärung, sei wie ein Gaspedal. Statt der Leistung eines Verbrennungsmotors regelt er halt einfach die Drehzahl eines Elektromotors.

Und von denen gibt es viele: Etwa 40 Prozent der weltweit konsumierten Energie verbraucht die Industrie und wiederum zwei Drittel davon Elektromotoren.

«Mit den Antriebssystemen, die wir hier bauen, können wir bis zu 50 Prozent dieser Energie einsparen», sagt Arthur Eckert, Bereichsleiter am Standort Turgi.

Die grössten, mehrere dutzend Meter langen Frequenzumrichter aus Turgi regeln zum Beispiel die Frequenz von Motoren in Bleiwalzanlagen.

Neue Umrichter für die SBB

Das für den Standort Turgi derzeit wichtigste Projekt ist aber wohl die Nachrüstung der Lok 2000 der SBB. Eine der roten Lokomotiven ist bereits mit neuen Traktionsumrichtern ausgestattet und in der Zulassungsphase. 118 weitere werden folgen, wenn diese abgeschlossen ist. Dank des technologischen Fortschritts könne durch die Nachrüstung jährlich der Energieverbrauch von 6750 Haushalten eingespart werden, so die ABB.

Nicht um Mobilität, aber ebenfalls ums Energiesparen geht es in Lupfig, der dritten Aargauer Station auf der «Swiss Icon Tour».

Green betreibt hier das grösste kommerzielle Rechenzentrum der Schweiz – mit Elektrifizierungsanlagen der ABB. Und hier wird es zum ersten Mal auf dieser Tour richtig laut. Und windig. Der Grund: Um eine unterbrechungsfreie Stromversorgung für die hochsensiblen Datenserver gewährleisten zu können, stehen in solchen Anlagen für den Fall eines Stromunterbruchs Batterien bereit.

Um diese anschliessen zu können, muss der Wechselstrom jedoch in Gleichstrom umgewandelt werden, was Umwandlungsverluste in Form von Wärme verursacht und eine entsprechend starke und eben laute Kühlung nötig macht.

Die Anlage wurde 2011 in Betrieb genommen. Nur drei Jahre später schaltete Green bereits ein weiteres Datacenter-Modul auf – mit einer neuen, unter anderem in Lenzburg entwickelten ABB-Elektrifizierungsanlage.

Diese sei 10 Prozent billiger und benötige 30 Prozent weniger Platz, sagen die Beteiligten.

Brown und Boveri wären von diesem Innovationstempo vermutlich schwer beeindruckt gewesen. Aber zu ihrer Zeit war die Belegschaft ja auch noch etwas kleiner.