Atomstrom
AKW Beznau: Reaktor 2 geht Ende Dezember wieder ans Netz

Seit dem Sommer 2015 sind die beiden Reaktoren des weltweit ältesten Kernkraftwerkes vom Netz. Nun soll Ende dieses Jahres der zweite Reaktor wieder angeschaltet werden – Reaktor 1 soll planmässig nächsten Sommer folgen.

Hans Lüthi
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Atomkraftwerk Beznau mit dem grünen Neubau ganz links für die grossen Notstromdiesel auf der Nordseite.

Atomkraftwerk Beznau mit dem grünen Neubau ganz links für die grossen Notstromdiesel auf der Nordseite.

Sandra Ardizzone

Für die ältesten Schweizer Atomkraftwerke auf der Beznau-Halbinsel hat der Axpo-Konzern eine gute und eine schlechte Nachricht. Bei Block 2 gab es keine auffälligen Resultate, deshalb kann er gemäss Terminplan am 24. Dezember wieder ans Netz und Strom sowie Fernwärme für die Refuna produzieren. Das ist möglich, wenn alles rund läuft und die Aufsichtsbehörde Ensi die nötige Freigabe erteilt.

«Jetzt haben wir der Aufsichtsbehörde Ensi eine Roadmap eingereicht. Damit wollen wir belegen, dass wir die Anlage sicher weiterbetreiben können»: Andy Heiz, Leiter Produktion und Netze, Mitglied der Axpo-Konzernleitung.

«Jetzt haben wir der Aufsichtsbehörde Ensi eine Roadmap eingereicht. Damit wollen wir belegen, dass wir die Anlage sicher weiterbetreiben können»: Andy Heiz, Leiter Produktion und Netze, Mitglied der Axpo-Konzernleitung.

Keystone/Walter Bieri

Davon sind die Axpo- und Beznau-Verantwortlichen fest überzeugt. Am Montag informierten sie die örtlichen Behörden, die Medien und am Abend auch die Bevölkerung. Die Region ist dankbar, wenn Beznau 2 Ende Jahr wieder produziert, weil das grosse Fernwärmenetz seit Mitte August mit Heizöl betrieben werden muss. Bis zu 100'000 Liter müssen dafür täglich verbrannt werden.

Verzögerung für Beznau 1

Der 24. Dezember ist natürlich reiner Zufall, denn Glaube oder Aberglaube hat den Technokraten in einem Kernkraftwerk keinen grossen Stellenwert. Sonst hätten sie Beznau 1 nicht an einem Freitag, dem 13. (März) abgeschaltet. Statt einer langen Rekord-Revision von vier Monaten steht der Block noch immer still. Das Anfahren wurde verschoben, erst auf den Oktober, dann auf Februar 2016.

«Jetzt haben wir der Aufsichtsbehörde Ensi eine Roadmap eingereicht. Damit wollen wir belegen, dass wir die Anlage sicher weiterbetreiben können», sagte Andy Heiz, Mitglied der Axpo-Konzernleitung. Aber weitere Messungen und die komplexen Analysen erforderten so viel Zeit, dass man nicht vor Ende Juli 2016 mit grünem Licht des Ensi rechne.

Mitte Dezember wolle man die Roadmap besprechen und Ende Mai bis Anfang Juni die letzten Dokumente an die Aufsichtsbehörde liefern.

Michael Dost, designierter Leiter Kernkraftwerk Beznau: «Die belgischen KKW produzieren trotz zehnmal mehr Einschlüssen wieder Strom.»

Michael Dost, designierter Leiter Kernkraftwerk Beznau: «Die belgischen KKW produzieren trotz zehnmal mehr Einschlüssen wieder Strom.»

Keystone/Walter Bieri

Einschlüsse im Druckbehälter

Trotz Einbau von vielen neuen Komponenten (siehe Box) wäre Beznau 1 Ende Juli startbereit gewesen. Doch wegen Herstellungsfehlern in den belgischen Atomkraftwerken Doel 3 und Tihange 2 verlangte das Ensi zusätzliche Ultraschallmessungen am Reaktordruckbehälter.

Dieses Herzstück aus rostfreiem Stahl ist 8,6 Meter hoch, hat 3,6 Meter Durchmesser und eine Wandstärke von 170 Millimetern. Entdeckt wurden im mittleren Bereich 900 bis 1000 kleine Unregelmässigkeiten in der Grösse von 5 Millimetern. «Das sind keine Risse oder Löcher», versicherte Heiz.

Nach neuesten Erkenntnissen gehe man davon aus, dass es sich um völlig harmlose Oxydeinschlüsse handle. Die Betreiber sind froh, die belgischen Kollegen an Bord zu haben, und wollen zusätzlich ein dort entwickeltes Prüfverfahren einsetzen.

Optimistisch ist die Beznauer Führung auch, weil die belgischen KKW trotz zehnmal mehr Einschlüssen wieder Strom produzieren, wie der designierte Kraftwerkleiter Michael Dost betonte.

«Jede einzelne dieser Massnahmen hätte die Folgen von Fukushima verhindern können», sagte Stephan W. Döhler, Leiter der Division Kernenergie bei der Axpo.

«Jede einzelne dieser Massnahmen hätte die Folgen von Fukushima verhindern können», sagte Stephan W. Döhler, Leiter der Division Kernenergie bei der Axpo.

Keystone/Walter Bieri

Durch den langen Stillstand hat die Axpo für Beznau schon 100 Millionen Franken abgeschrieben. Die monatelange Analyse- und Prüfphase koste jetzt nochmals eine zwei- bis dreistellige Millionensumme. «Das ist zwar ärgerlich, aber die Sicherheit geht vor», beteuerte Andy Heiz.

Genau darum geht es auch bei den während der Revision eingebauten Komponenten: «Jede einzelne dieser Massnahmen hätte die Folgen von Fukushima verhindern können», sagte Stephan W. Döhler, Leiter der Division Kernenergie bei der Axpo.

Dabei schilderte er den riesigen Aufwand, der für die autarke Notstromversorgung, die neuen Deckel für die Reaktordruckbehälter und den Umbau des Simulators samt neuem Info-System betrieben wird. Zu den eigenen 530 Mitarbeitenden waren und sind über 1000 externe Fachkräfte aus dem In- und Ausland im Einsatz.

Stillstand der Kraftwerke heisst also nicht, die Angestellten könnten eine ruhige Kugel schieben, im Gegenteil: Sie seien zu 120 oder mehr Prozent ausgelastet, von einem Abbau des Personals könne darum keine Rede sein.

700 Millionen für mehr Sicherheit

Der Bau der AKW Beznau 1 und 2 hat Ende der Siebzigerjahre total 600 Millionen Franken gekostet. Seither hat die Axpo 1,6 Milliarden Franken investiert. Die laufende Nachrüstung verschlingt ohne die Stillstandskosten weitere 700 Millionen Franken. Zur Hauptsache für die zusätzliche Notstromversorgung Autanove; die je zwei gigantischen Dieselaggregate sind in gebunkerten Gebäuden und gegen Erdbeben, Überflutungen und Flugzeugabstürze geschützt. Je 100 Millionen Franken kosten die erneuerten Deckel für die Reaktordruckbehälter und ein neues Anlageinformationssystem samt Umbau des Simulators.

Die Investitionen wurden laut Axpo «zur weiteren Erhöhung der Sicherheit und Zuverlässigkeit» während der viermonatigen Revision ausgeführt. Die Planung begann vor 2008, als die Branche eine Stromlücke befürchtete und sich niemand eine Stromschwemme vorstellen konnte. Die beiden Blöcke Beznau 1 und 2 haben im Vollbetrieb je 365 Megawatt elektrische Leistung. Das Fernwärmenetz Refuna benötigt im Winter 70 bis 80 Megawatt Wärme-Auskopplung. Dafür genügt eines der beiden AKW. (Lü)

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