Abschied

Alice Mondelli hatte 45 Jahre lang alles im Griff

Mit 19 Jahren begann Alice Mondelli als Sekretärin beim «Aargauer Tagblatt», heute ist ihr letzter Arbeitstag.

Mit 19 Jahren begann Alice Mondelli als Sekretärin beim «Aargauer Tagblatt», heute ist ihr letzter Arbeitstag.

So lange hat Alice Mondelli in der Redaktion der Aargauer Zeitung für Disziplin und Zusammenhalt gesorgt – nun geht sie.

Das Herz von Alice Mondelli schlug nicht höher, als sie im Februar 1971 an den Frauen vorbeiging, die ihr neu gewonnenes Stimmrecht feierten. Was sie da sah, hatte wenig mit ihrem eigenen Leben zu tun.

Und trotzdem: Alice Mondelli prägte. Das Bild einer starken Frau, obwohl sie damals keine Fahne schwenkte. Diese Zeitung, obwohl sie nie einen Artikel schrieb.

Vor 45 Jahren hat sie als Sekretärin beim «Aargauer Tagblatt» begonnen. Heute ist ihr letzter Arbeitstag. Seit Wochen wird dieser Tag in der Redaktion vorbereitet – auch im Geheimen. Flau im Magen sei es ihr, sagt Mondelli. Sie sagte das auch schon vor drei Wochen. Und auch: «Ganz ehrlich. Ich wäre froh, wenn heute schon mein letzter Arbeitstag wäre.»

Der Anfang

An ihrem ersten Arbeitstag bestand die Redaktion aus einem Dutzend älterer Herren. Akademiker, die einander siezten und gierig an ihren Zigarren zogen. Mittendrin das Fräulein von Ah, 19 Jahre alt, im Jupe mit turmhoher Frisur, täglich das Chaos bekämpfend. Sie sei konservativ gewesen, sicher kein Hippiekind, sagt sie. Und das Fräulein, das forderte Disziplin – zumindest so viel Disziplin, wie sich jeder Redaktor abringen konnte.

Wo es sein musste, half sie nach. Wer um neun Uhr noch nicht zur Arbeit erschienen war, den klingelte sie aus dem Bett, und wer nachmittags um vier Uhr noch immer in der Beiz hockte, den holte sie in die Redaktion zurück. Zugleich kontrollierte sie die Spesenabrechnung, fand jede Unstimmigkeit und servierte den Herren morgens den Kaffee ans Pult.

Und obwohl der Weg die Redaktoren oft nur an die nächste Pressekonferenz führte, gab es bestimmt diesen Moment, diese paar Schritte am Pult der hübschen Sekretärin vorbei, bei dem sich die Männer ein klein bisschen wichtiger fühlten, als sie es in Wirklichkeit waren.

Heute besteht die Redaktion aus mehr als 150 Personen und Alice Mondelli ist längst nicht mehr die einzige Frau – aber bis zum Schluss die wichtigste geblieben.

Wer neu in die Redaktion eintrat, spürte das. Nicht, weil Mondelli das ganze Redaktions-Budget im Griff hatte und nie vergass, einem kranken Mitarbeiter einen Blumenstrauss ins Spital zu senden. Denn was Mondelli alles tat, das wusste keiner nach seiner ersten Arbeitswoche. Aber jeder spürte den Respekt, den alle im Unternehmen vor dieser Frau haben. Diese Frau, die immer freitags mit der Spritzkanne von Orchidee zu Orchidee schritt.

Ein Redaktor sagt es andersrum: «Alice war die personifizierte Verantwortung. Wenn sie auf mich zukam, versuchte ich immer herauszufinden, was ich jetzt wieder vergessen hatte.» Sie habe sich oft gesorgt um ihre Redaktoren. «Alice hatte Angst, dass wir über unseren Schuhbändel stürcheln oder kein Nastuch dabeihaben.»

Der Wandel

Ende 90er-Jahre war Mondelli nicht mehr die Chefsekretärin, sondern die Leiterin der redaktionellen Assistenz. Chefsekretärin – das war plötzlich ein Begriff aus einer anderen Zeit. Einer Zeit, als Frauen in der Berufswelt aufpassen mussten, wenn sie Zähne zeigten und dabei nicht lächelten. Schnell hiess es sonst: «Die braucht wohl wieder einmal einen Mann.» Mondelli war auf der Hut. Denn Zähne zeigen, das musste sie – sonst wäre sie untergegangen. «Es war eine andere Zeit», sagt sie.

Das bezieht Mondelli auch auf das, was am Feierabend passiert. Früher sei viel häufiger gefestet worden als heute, davon ist Mondelli überzeugt. Grundlos, dafür umso ausdauernder. Und Mondelli mittendrin. Sie schaffte den Spagat zwischen loyaler Assistentin und vertrauensvoller Kollegin. Das ist, was ein ehemaliger Chefredaktor an ihr ganz besonders bewundert. Obwohl sie mittlerweile ruhiger geworden sei, kann es auch heute noch vorkommen, dass sie, eingehakt bei einer Kollegin, erst heimkommt, wenn die Vögel zwitschern.

Ihr Handyklingelton ist ein bekannter Schlager. Darin singt ein junger Bursche: «Und daun frogst du mi, mogst mid mir danzen gehn.» Tanzen gehn, das tut Mondelli gern, tat sie immer gern.

Sie mag auch ein Glas Wein. Sie isst gern. Am liebsten in Gesellschaft von Freunden. Und Mondelli, die jung heiratete, es aber nicht ewig blieb, sie hat ihre Freizeit im Griff, wie ihre Zeitung. «Alice ist keine, die zu Hause die Füsse hochlegt und sich eine Schnulze anschaut.» Sie hat viele Freunde, reist gern. «Alice hat immer etwas los», sagt ein langjähriger Kollege.

Der Abschied

Alice Mondelli hat acht Chefredaktoren erlebt. Sie kannte deren Zahnarzttermine und wusste von der Fusion von «Aargauer Tagblattt» und «Badener Tagblatt», lange bevor es ihre Kollegen in der Redaktion erfuhren. Diese Zeitung, das war ihr Leben – nicht das ganze, aber mehr als das halbe. Alice Mondelli hat alles gegeben. Nun geht sie. Sie freue sich, nun einmal nichts mehr machen zu müssen. Nur noch zu tun, was sie wolle.

Am vergangenen Samstagmorgen hat sie ihr Pult geputzt.

Man sagt über Alice Mondelli, dass sie perfekt sei. Sie vergesse nie etwas, mache keine Fehler. Ein Redaktor sagt: «Alice zeigt einem seine eigene Fehlbarkeit.» In ihrer Wohnung mit den vielen Blumen auf der Terrasse, nur fünf Minuten von der Redaktion entfernt, sagt die Perfekte: «Ich habe mich so oft ganz und gar nicht perfekt gefühlt.»

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1