Digitalisierung

Appell an Unternehmer: Keine Angst vor dem Schreckgespenst!

Christoph Piotrowski, Projektleiter Unternehmensentwicklung bei Meier Tobler, nimmt von Veranstalter Philippe Ramseier (rechts) den «Swiss Industry 4.0»-Award entgegen. Der Preis ist mit 10 000 Franken dotiert.

Christoph Piotrowski, Projektleiter Unternehmensentwicklung bei Meier Tobler, nimmt von Veranstalter Philippe Ramseier (rechts) den «Swiss Industry 4.0»-Award entgegen. Der Preis ist mit 10 000 Franken dotiert.

In Sachen Digitalisierung hat die Schweizer Industrie grossen Nachholbedarf. Es ist beängstigend. Zugleich gibt es Unternehmen, die dem Schreckgespenst ins Auge blicken. Wie die gestern in Baden mit dem «Swiss Industry 4.0 Award» ausgezeichnete Meier Tobler AG.

Ein Gespenst geht um in der Schweizer Industrie, das Gespenst der Digitalisierung. Nein, das wird kein Marx-Exkurs, aber ähnlich wie einst der Kommunismus verheisst die digitale Revolution heute Ungemach. Künstliche Intelligenz, Big Data, Algorithmen – wir kennen sie alle, die Schlagworte dieser so schwer fassbaren und zugleich so tiefgreifenden Veränderung. Jan Marco Leimeister, Professor für Wirtschaftsinformatik an der Universität St.Gallen, sagt: «Heute verkauft man nicht mehr Lokomotiven, sondern Geschwindigkeit.»

Alles klar? Aber genau vor solchen Herausforderungen sehen sich alteingesessene Wirtschaftszweige. Was also heisst dieser Umbruch für ein Industrie-Unternehmen? Wie verändert die Digitalisierung eine Branche? Was bedeutet es, wenn man plötzlich nicht mehr Produkte, sondern deren Nutzen verkauft? Wie produziert man den?

Solche Fragen beschäftigen Geschäftsführer in der ganzen Schweiz. Auch das wurde gestern klar bei der Branchen-Konferenz «Swiss Industry 4.0». Es gibt nicht eine Antwort auf diese Fragen, es gibt kein Patentrezept. Und die Schweizer Industrie, so Leimeister, sei vielerorts erst auf «Entdeckungstour».

Digitalisierung als Chance nutzen

Zugleich verschieben die neuen Giganten, die Tech-Riesen, die Grenzen immer weiter. Sie machen Daten zu Geld, kassieren Milliarden mit ihnen. In einer einzigen Minute wird weltweit 1,4 Millionen Mal ein Tinder-Profil geswipt, werden 188 Millionen E-Mails versendet oder fast eine Million Dollar online ausgegeben. Die Dimensionen sind gewaltig, ja, für viele sind sie furchteinflössend.

Genau dagegen will «Swiss Industry 4.0» ein Zeichen setzen. «Wir möchten den Unternehmern eine positive Perspektive vermitteln, die Digitalisierung als Herausforderung, aber auch als Chance verstanden wissen», sagt Veranstalter Philippe Ramseier. Deshalb wolle man bei einem solchen Anlass den Praxisbezug herstellen, anhand von konkreten Beispielen zeigen, wie Nutzen entstehen kann.

Deshalb stand die Award-Verleihung im Zentrum der Veranstaltung. Das Ziel? Ein Unternehmen, eine Organisation oder ein Projekt auszuzeichnen, das in der praktischen Umsetzung von Digitalisierungslösungen einen bemerkenswerten Beitrag zum Fortschritt der Schweizer Wirtschaft geleistet hat oder leistet. Der Gewinner? Die Meier Tobler AG aus Luzern. Hinter dem Namen versteckt sich der grösste Händler für Haustechnik der Schweiz, ein Unternehmen mit 1400 Mitarbeitenden. Von Heizungen über Lüftungen und Sanitäranlagen bis hin zu Kühlsystemen gibt es alles bei Meier Tobler.

Momentan verdienen die Innerschweizer ihr Geld vor allem noch mit dem Verkauf und Unterhalt von Öl- und Gasheizungen. Die Energiewende wird dazu führen, dass dieser Geschäftszweig rasant an Bedeutung verlieren wird. Deshalb haben sich Projektleiter Unternehmensentwicklung Christoph Piotrowski und sein Team auf den Bereich Wärmepumpen fokussiert. Auf die Serviceleistungen dafür, um ganz genau zu sein. Die Lösung fanden sie im Internet der Dinge.

Warum sich das Vernetzen von Wärmepumpen lohnt

Smart-Guard verbindet die Wärmepumpen über eine sichere Leitung, sie sendet Daten der Anlage direkt zu den Servicetechnikern. Der Effekt: Bei bis heute 1400 Anlagen spart Meier Tobler derzeit 80 Autofahrten pro Monat ein, die Garantiekosten sind um 15 Prozent gesunken. Die Haushalte profitieren davon, dass die Heizung für sie während den Ferien heruntergefahren wird, die Anlage hält länger, sie sparen dabei Energie. Sie profitieren so sehr, dass offenbar zahlreiche die ersten, jetzt auslaufenden Garantien durch eine von Meier Tobler angeboten Versicherung fortführen wollen.

Auch die Luzerner Gewinner stehen erst am Anfang dieser Umwälzung. Sie rechnen damit, dass ein Haushalt in zehn Jahren fast komplett vernetzt sein wird. Aber eine erste Lösung haben sie gefunden. Das Gespenst verliert so seinen Schrecken. Wer sich fürchtet und tatenlos bleibt, wird wohl ähnlich enden wie der Kommunismus. Denn im Gegensatz zu diesem ist die Digitalisierung keine Vision, keine Prognose. Sie geschieht. Jetzt.

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