Zofingen

Auf Unfall folgt Debatte ums Kinderfest: «Wir haben bei uns keine Kadettenfrage»

Die Debatte rund um das Gefecht am Nachmittag flammt immer wieder auf. Im Bild Kadetten während des Kinderfests 2019. Bild: lbr

Die Debatte rund um das Gefecht am Nachmittag flammt immer wieder auf. Im Bild Kadetten während des Kinderfests 2019. Bild: lbr

Die Debatte ums «Gfächt» am Kinderfest Zofingen zwischen Freischaren und Kadetten ist mindestens 100 Jahre alt.

Der Kanonenunfall am vorletzten Freitag auf dem Heitern hat sofort wieder den Streit aufflammen lassen, wie zeitgemäss das traditionelle Gefecht im Rahmen des Kinderfestes Zofingen noch ist. Schon ein kurzer Blick auf die Historie zeigt: Die Debatte ist fast so alt wie das Fest selbst.

Die «Kadettenfrage» wurde schon vor 100 Jahren intensiv diskutiert – und sorgte für Leserbriefe, wie eine Notiz im «Oltner Tagblatt» (OT) aus dem Jahr 1919 zeigt. Der Erste Weltkrieg war erst vor kurzem zu Ende gegangen und pazifistische Kreise machten sich für eine Aufhebung des Kadettenunterrichts stark. Das war wohl auch dem namentlich nicht genannten Autor bekannt, der im OT nicht ohne einen gewissen Stolz berichtet, dass Zofingen so etwas wie eine Trutzburg sei: «Wir haben bei uns keine Kadettenfrage», heisst es da apodiktisch. «Wer an einem Mittwochnachmittag das Städtchen betritt, der trifft ganz wie vor dem Kriege muntere uniformierte Knaben an, die zu den Übungen gehen.» Die Knaben hätten Freude am Betrieb, «und die Instruktion weiss die Begeisterung durch geschickte Arbeit noch zu heben».

Der unbekannte Autor unterstreicht den disziplinarischen Wert des vormilitärischen Drills: «Eigentümlich ist, dass gerade die grosse Disziplin, die im Korps herrscht, den Kleinen Freude macht.» Man möge über den Kadettenunterricht denken wie man wolle, eines sei sicher: «Er besitzt (...) seine erzieherischen Werte.» Die Notiz im OT zeigt, wie heftig das «Gfächt» schon damals verteidigt wurde. Das Drehbuch, nach dem dieses abläuft, scheint indes nicht in Stein gemeisselt zu sein; das zumindest legt die Lektüre des «Zofinger Tagblatts» (ZT) vom 5. Juli 1968 nahe. Am Tag zuvor ging es noch einiges martialischer zu und her als heute. «Hin und her flitzte ein mit einem Maschinengewehr bestückter Jeep», hält der Chronist fest.

So richtig entflammte die Debatte ums «Gfächt» erst viele Jahre später, im April 2002. Am 21. April dieses Jahres berichtete das ZT erstmals über die «Bewegung gegen das Gefecht» (BgG) und zitierte aus einem Flugblatt: Die von Schülern gegründete BgG setze sich gegen das alljährliche Gefecht am Zofinger Kinderfest ein. Man sehe ja täglich, dass auf der Welt Unrecht und Armut durch Krieg und Zerstörung entstehe – deshalb könne man nicht begreifen, warum immer noch ein Kriegsschauplatz nachgestellt werde.

Der Schuss ging für die Aktivisten nach hinten los. Als Reaktion wurde die Volksinitiative «Ja zum traditionellen Zofinger Kinderfest» lanciert. Am 27. November 2005 stimmten die Stimmberechtigten dem Begehren mit einem Ja-Anteil von 58 Prozent deutlich zu. Seither sind der Zapfenstreich, der Umzug, das historische Gefecht und der Fackelzug in der Gemeindeordnung verankert. Befürworter sagen, es sei ein Sieg des Volkes gewesen: der Gegenvorschlag von Einwohnerrat, Stadtrat und Schulpflege, die allesamt nichts von einer Verankerung dieser vier Elemente in der Gemeindeverfassung wissen wollten, scheiterte.

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