Reportage

Beck, Beiz, Badeferien – so beeinflusst der Corona-Virus unseren Alltag in der Region

Auch wer keine Nachrichten hört, kommt um das Thema Corona-Virus nicht herum. Hysterie ist bei der Aargauer Bevölkerung aber nicht zu spüren. Zwei Autoren schildern ihren Alltag im Corona-Zeitalter.

Dominic Kobelt: Als der Radiowecker um 6 Uhr anspringt, verkündet die monotone Stimme von Donald Trump aus Richtung Nachttisch, dass die Europäische Union schuld an der Ausbreitung des Corona-Virus in den USA sei. Ich frage mich, ob ich am Montag meine Karibik-Ferien antreten kann, oder ob sich die Situation bis dahin weiter verschlimmern wird. “Positiv denken”, sage ich mir und sehe mich vor meinem geistigen Auge am Strand sitzen, die Füsse im Wasser, ein Corona in der Hand. Nach Dusche und Kaffee setzte ich mich ins Auto, und bin froh, nicht mit den ÖV zur Arbeit zu müssen – so kurz vor den Ferien möchte ich nicht krank werden, egal ob Grippe oder Corona. In Aarau angekommen desinfiziere ich zuerst mein Pult, nicht aus Angst vor Viren, sondern aus Gewohnheit. Im Ressort Online haben wir wechselnde Arbeitsplätze und sind uns diese Massnahme bereits gewohnt.

Stefania Telesca: Der Klang des Maileingangs auf meinem Handy unterbricht für kurze Zeit die Musik auf meinen Kopfhörern. Auf dem morgendlichen Weg an den Bahnhof bekomme ich die Stornierungsbestätigung eines Hotels im Westen der USA. Der anstehende Roadtrip ist abgesagt. Im Kaffee in der Bahnhofsunterführung bestelle ich einen Cappuccino und ein Gipfeli zum Mitnehmen. Die Leute in der Schlange halten mehr Abstand als gewohnt. Die Barista legt das Rückgeld auf den Tresen. Unsere Hände berühren sich nicht.

Der Zug nach Aarau scheint leerer als sonst. In den Viererabteilen sitzen trotz Rushhour maximal zwei Personen. Obwohl es freie Sitzplätze hat, bleiben manche Pendler nach dem Einsteigen gleich im Gang stehen. Die Menschen verzichten auf die Nähe zu Fremden noch mehr als gewohnt. So, wie es empfohlen wurde. Zu husten oder die Nase mit einem Taschentuch zu putzen traut sich in den öffentlichen Verkehrsmitteln fast niemand mehr, die misstrauischen Blicke kommen. Ob unfreiwillig oder nicht.

Ich komme in Aarau an und eine Frau, die aus dem Coop läuft, reibt sich die Hände. Beim Ausgang gleich nach den Check-out-Kassen hat der Lebensmittelhändler Desinfektionsmittel bereitgestellt. Ich renne auf den Bus und schaffe es knapp, bei der zweiten Türe einzusteigen – die erste gleich beim Chauffeur ist seit einigen Tagen geschlossen. Ein Schild, das bei den vorderen Plätzen während der Fahrt hin und her schwingt, erinnert die Fahrgäste daran, Abstand zu halten. Damit die Fahrer weiterhin gesund bleiben.

Die Chauffeure werden durch zusätzlichen Abstand geschützt.

Die Chauffeure werden durch zusätzlichen Abstand geschützt.

Die einzigen Pendler, die die Empfehlungen des Bundes nicht gross zu kümmern scheinen, sind Kinder: Eine Gruppe farbig gekleideter Schülerinnen und Schüler spricht und lacht laut. Die ganze Aufregung um den grassierenden Virus scheint zumindest den kleinsten unter uns ihre Unbeschwertheit nicht genommen zu haben. Telli Aarau. Ein Mann in einer Türkisgrünen Windjacke stülpt das Ende seines Ärmels schützend über seine Hand. Den rechteckigen roten Halteknopf will fast niemand mehr berühren.  

Im Bus fassen manche Passagiere den Knopf nicht mehr mit blosser Hand an.

Im Bus fassen manche Passagiere den Knopf nicht mehr mit blosser Hand an.

Weniger Mittagessen wegen Home-Office

Dominic: Mittagspause. Im Migros Restaurant in Aarau scheint es nicht weniger Gäste als an anderen Tagen zu haben, beim Anstehen schwatzen die Leute miteinander und kommen sich dabei mitunter auch ziemlich nahe. Die beiden Kassiererinnen haben zwischen sich eine Flasche Desinfektionsmittel, mit der sie abwechslungsweise auf ihren Händen, dem Kassendisplay und dem Kartenlesegerät die Bakterien abtöten. Als ich mir nach dem Mittagessen einen Kaffee aus dem Automaten lasse, entlockt mir die Aufschrift ein Schmunzeln: “Bitte Bildschirm berühren.” 

Stefania: Am Mittag begebe ich mich in die Stadt an meinen Lieblings-Essensstand. Ein kleiner Japanischer Foodtruck in der Igelweid in Aarau. Der Besitzer freut sich: „Ah schon lange nicht mehr gesehen“, sagt der zierliche Mann. Zwischen einer Bestellung und der anderen desinfiziert er sich die Hände. Auch er bemerke die Folgen des Corona-Virus: „Viele Leute machen Homeoffice“, sagt er. Ich frage ihn nach seiner Familie in Japan. „Alles gut“, antwortet er gewohnt lächelnd.

Der japanische Foodtruck verkauft weniger Mitagessen, weil viele Leute von zuhause aus arbeiten.

Der japanische Foodtruck verkauft weniger Mitagessen, weil viele Leute von zuhause aus arbeiten.

Ich nehme auf einem Bänkli Platz und beobachte die vorbeilaufenden Menschen. Trotz der steigenden Unsicherheit und den sich täglich überschlagenden Nachrichten scheinen die Menschen grösstenteils weiterhin die Ruhe zu bewahren. Während meiner Mittagspause sehe ich eine einzige Dame, die eine Schutzmaske trägt. Gewappnet mit einem Einkaufskorb auf Rädern zieht die etwas ältere Frau in Richtung Altstadt.  

Bevor ich mich auf den Weg zurück in die Redaktion mache, laufe ich noch eine Runde durch die Altstadt. Ich schaue in die Apotheke Göldin hinein und frage mich, wie es mittlerweile um die Desinfektionsmittel steht. Vor zwei Wochen waren die kleinen Fläschchen mit dem begehrten Inhalt plötzlich überall vergriffen. Bevor ich überhaupt bei der Apothekerin an der Theke aus Gwunder nachfrage, sehe ich an der Kasse ein Regal mit kleinen weissen Fläschchen und dem Hinweis: „Bitte maximal zwei Fläschli Desinfektionsmittel pro Einkauf.“ Die Apothekerin lächelt und bestätigt: „Die Nachfrage ist immer noch sehr gross“, deshalb die Rationierung.

Die Nachfrage nach Desinfektionsmittel ist nach wie vor gross.

Die Nachfrage nach Desinfektionsmittel ist nach wie vor gross.

Weniger Kunden, kein Probieren

Dominic: Am Nachmittag nutze ich die Pause, um  für den Abend Kinotickets zu reservieren. “Aufgrund der aktuellen Ausnahmesituation werden ab sofort einige Plätze im Saal frei gelassen. Somit wird genügend Abstand generiert, um Ihre Sicherheit weiterhin zu gewährleisten”, heisst es auf der Startseite. Ich buche eine “Kuschelbank”.

Stefania: Dominic und ich treffen uns am Nachmittag im Telli-Einkaufszentrum. In der Tiefgarage werden auf einem Plakat die vier aktuellen Wochenaktionen beworben. Und auch diese wiederspiegeln gewissermassen die aktuelle Lage: Günstiger gibt es Taschentücher, Kosmetiktücher und WC-Papier. Das einzig nicht-papierige unter den Rabattangeboten ist ein Sechserpack Wasser. Einmal oben angekommen sichten wir gleich die leckeren Berliner in der Jaislibeck-Vitrine. Die freundliche Verkäuferin bestätigt das Vermutete: Momentan gibt es hier ganz wenige Kunden.

Auch der Jaislibeck verzeichnet weniger Kundschaft.

Auch der Jaislibeck verzeichnet weniger Kundschaft.

Dominic: Auf dem Nachhauseweg halte ich beim Vapsmoke in Bremgarten. Der Shop hat ein grosses Sortiment an E-Zigaretten und Liquids. Mir fällt sofort auf, dass vor jedem Liquid ein kleines Loch ist, in dem sonst Verdampferköpfe stehen, damit man die verschiedenen Geschmacksrichtungen probieren kann. Wurden diese bereits weggeräumt, weil der Laden in ein paar Minuten schliesst? “Nein”, erklärt die Verkäuferin. “Bis die ganze Geschichte mit dem Corona-Virus vorbei ist, stellen wir keine Testgeräte mehr zur Verfügung.” Zwar bekomme jeder Kunde immer ein eigenes Plastik-Mundstück, trotzdem sei es möglich, dass eine Übertragung des Corona-Virus durch Husten oder Speicheltröpfchen auf dem Vaporiser stattfinden könnte. “Wir möchten kein Risiko eingehen, und die Kunden zeigen Verständnis für die Massnahme.”

Im Vapsmoke kann man keine Liquids mehr probieren.

Im Vapsmoke kann man keine Liquids mehr probieren.

Stefania: Meine Arbeit für heute ist getan. Auf einem Tisch in unserem Ressort stehen eine Papierrolle und ein mintgrüner Spender mit Desinfektionsmittel. Die Nutzung der desinfizierenden Flüssigkeit stieg diese Tage im Büro schon fast inflationär. Aus einer präventiven Massnahme wird schnell Gewohnheit, denke ich. Von der häufigen Nutzung werde uns die Haut abfallen, scherzen wir zwischendurch. Auch dafür ist noch Platz. Auf meinem Mobiltelefon geht wieder ein Mail ein - eine weitere Stornierungsbestätigung aus dem Westen. Geld gibt es nicht zurück, das Datum meiner Annullation liegt zu Nahe an der Reise. Ich mache mich auf den Nachhauseweg. Wie gewohnt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Eine Busfahrt, eine Zugfahrt und einmal kurz Gemüse fürs Znacht kaufen. Das esse ich immer. Viren hin- oder Her. 

Ein Corona zum Feierabend

Dominic: Feierabendbier im Hardys in Bremgarten. Das Pub ist gut gefüllt, genau wie die Biergläser, Rauch hängt in der Luft. Die Angst vor einer Corona-Ansteckung ist hier kaum vorhanden. “Die Massnahmen sind doch völlig übertrieben”, sagt einer, und knallt frustriert einen Dartpfeil auf die Scheibe. Die Fans aller Couleur sind sich einig: Dass in diesem Jahr im Eishockey keine Playoffs gespielt werden, ist unschön. Wobei die meisten Gäste deftigere Worte verwenden, um die Situation zu beschreiben. 

Auch an meinem Tisch ist Corona ein Gesprächsthema. Eine Kollegin erzählt mir, dass ihre Mutter – eine starke Raucherin – als sie im Zug zur Arbeit fuhr, angestrengt einen Hustenreiz unterdrückte, um die anderen Passagiere nicht zu verunsichern.“ Als sie ausstieg, musste sie dann doch husten, und wurde prompt von einer Frau abgekanzelt, was ihr eigentlich einfalle, in diesem Zustand überhaupt noch mit den ÖV zu fahren”, erzählt sie mir. Ich bestelle ein Corona.

Meistgesehen

Artboard 1