100-Franken-Challenge (2)

Begegnung mit der ältesten Linde und dem höchsten Wasserfall im Aargau

Eine Woche auf dem E-Bike mit nur 100 Franken durch den Aargau – am Tag 2 geht es über Aarau zum mächtigsten Baum im Kanton.

Intensives Vogelgezwitscher im Wald nahe beim Heitern-Platz in Zofingen holt mich aus dem Schlaf und damit aus der Hängematte. Ich braue einen Kaffee und packe meine Siebensachen zusammen. Das war vor 50 Jahren nicht anders, allerdings ohne Hängematte.

Wir schliefen, wenn es das Wetter zuliess, unter einem Baum oder sonst unter dem Vordach eines Schopfs oder in einem Heustock. Damals waren die Knochen eben noch belastbarer.

Eine Sorge von heute hatten wir noch nicht: Strom. Das Handy zeigt mir an, dass es welchen nötig hat. Und auch der Akku des Velos braucht Zuladung, um bis am nächsten Tag durchzuhalten. In Aarau hält das AEW eine Ladestation bereit, die nicht nur elektrische Autos mit Strom versorgt, sondern auch eine normale Steckdose anbietet.

Ich habe jedoch die Möglichkeit, hier privat zu laden. Während der Strom fliesst, nutze ich die Zeit für einen Stadtbummel. Hier scheint, ausser WLAN, ohne Geld nicht viel machbar zu sein: Obwohl die Museumseintritte mit 17 Franken ins Kunsthaus oder mit 11 beziehungsweise 8 Franken ins Naturama oder Stadtmuseum moderat sind, sprengen sie auf dieser Reise mein Tagesbudget. Das ist insofern gleichgültig, weil alle am Montag ohnehin geschlossen sind.

Der Aargau für 100 Franken, Folge 2: Von Vögeln und Linden

Der Aargau für 100 Franken, Folge 2: Von Vögeln und Linden

Burg ging für 50 Franken an den Heimatschutz

Ich fahre weiter nach Thalheim. Schon von weitem ist die Ruine Schenkenberg zu sehen. Sie wurde im 13. Jahrhundert im Auftrag der Habsburger gebaut. Im 18. Jahrhundert verfiel sie immer mehr und wurde eine Zeit lang von den Bauern der Umgebung als Steinbruch genutzt. 1798 gelangte sie in den Besitz des neu geschaffenen Kantons Aargau, wurde 1837 an einen «Herrn von Schenkenberg» verkauft, der jedoch spurlos verschwand. Die Burg wurde als herrenlos eingestuft und 1918 versteigert. Sie ging für symbolische 50 Franken an den Aargauer Heimatschutz und ist heute als Baudenkmal von nationaler Bedeutung eingestuft.

800-jähriger Baum mit elf Metern Stammumfang

Die im Mai zugeschickte Jubiläumsausgabe «Fokus Linn» des Vereins Pro Linn verfehlte ihre Wirkung nicht: Linn muss man gesehen haben, Linn ist Kulturerbe, erfahre ich in dem aufwendig gestalteten, neugierig machenden Heft, eines von 24 Dörfern im Aargau mit einem Ortsbild von nationaler Bedeutung.

Ich radle auf Umwegen und einer Militärstrasse zur berühmten über 800-jährigen Linde. Mit einer Höhe von 25 Metern und einem Stammumfang von elf Metern gilt sie als der mächtigste Baum des Aargaus. «Ablösung kommt», sagt eine Frau zu ihren Kindern, als ich auf den Platz fahre. Es ist gleichzeitig die Aufforderung, das Zvierisäcklein zusammenzupacken und ebenfalls mit dem Velo weiterzufahren.

Unter den weit ausladenden Ästen der Linde gönne ich mir eine ausgiebige Pause. Der Baum könnte viel erzählen, wenn er reden könnte, denke ich. Und dass es wohl besser ist, dass er es nicht kann.

Linn wartet noch mit einer weiteren Bestmarke auf: Der Wasserfall des Linnerbachs im Sagenmülitäli ist mit seinen 5,4 Metern der höchste des Kantons Aargau. Er liegt am Natur- und Kulturweg Linn, der auf 14 Tafeln die Natur- und Kulturlandschaft des Aargauer Juras im Gebiet Linn vorstellt. Der Weg ist der Beitrag des Natur- und Vogelschutzclubs Bözberg zum Fest «700 Jahre Linn» im Jahre 2006.

Linn ist ein guter Ort zum Bleiben über die Nacht, denke ich, zumal dunkle Wolken am Himmel hängen. Dem Auffüllen der Wasserflaschen an den Dorfbrunnen stehen allerdings Hinweise entgegen, dass kein Trinkwasser aus den Röhren fliesst. Ein Anwohner im Garten versorgt mich per Gartenschlauch.

Die Linner Linde  ist Anziehungspunkt für viele Besucherinnen und  Besucher.

Die Linner Linde ist Anziehungspunkt für viele Besucherinnen und Besucher.

Fürs Essen – 2 Tomaten, 2 Cervelats, 4 Kartoffeln festkochend, Risotto mit Pilzen Anna’s Best und Brot vom Vortag – gebe ich an diesem Tag total Fr. 9.05 aus und erhalte dazu einen Gutschein beim nächsten Einkauf für 40 Cumulus-Punkte auf alle Kabis, Wirz und Federkohl.

Vor dem Schlafengehen recherchiere ich auf dem Handy, was in der Schweiz Minimalstandards sind. Der errechnete Grundbedarf liegt bei 986 Franken pro Monat für eine Einzelperson. Für Nahrungsmittel, Getränke und Tabakwaren sind dafür 355 Franken reserviert, also knapp 12 Franken pro Tag. Mit meinen Fr. 16.50 pro Tag bin ich 37,5 Prozent über diesem Ansatz – und trotzdem knapp dran.

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