Schweizweit wurden im letzten halben Jahr schon mehr Fälle registriert als im ganzen Jahr zuvor: 82 Masernausbrüche gegenüber 66 im Jahr 2012.
Der Aargau ist bis jetzt so gut wie nicht betroffen.

Es wurden nur zwei Fälle registriert. Einer gleich zu Jahresbeginn, die zweite Meldung ist am 1. Juli beim kantonsärztlichen Dienst eingetroffen. In beiden Fällen seien Erwachsene betroffen gewesen, wie die stellvertretende Kantonsärztin Maria Inés Carvajal erklärt.

«Sie sehen, noch ist es ruhig an der Masernfront im Aargau», so Carvajal. Noch. Die Innerschweiz, auf die sich das gehäufte Auftreten von Masern in den letzten Wochen konzentriert hat, ist nah.

Meist blieben solche Ausbrüche zwar lokal begrenzt, sagt Carvajal. Ob das aber auch jetzt so bleibt oder ob mit einer grösseren Ausbreitung von Masern-Ansteckungen gerechnet werden muss: Das sei schlicht nicht abzuschätzen.

Quarantäne für nicht Geimpfte

Fest steht: Erreichen die Masern den Aargau, wird hier gleich verfahren wie in Schwyz und Uri, wo die konsequente Umsetzung der neuen Richtlinien des Bundesamts für Gesundheit für Aufsehen sorgte.

Wer keinen Impfschutz nachweisen konnte, wurde vom Gymnasium Theresianum in Ingenbohl vorzeitig in die Ferien geschickt.

Und auch in Uri gilt: Ungeimpfte Kinder und Lehrpersonen werden bei einem Masernausbruch drei Wochen von der Schule ausgeschlossen.

Für die stellvertretende Aargauer Kantonsärztin Maria Inés Carvajal gibt es da kaum Ermessensspielraum.

«Bund und Kantone treffen die nötigen Massnahmen, um übertragbare Krankheiten des Menschen zu bekämpfen», heisst es im Epidemiegesetz, und zwar bereits in der geltenden, nicht in der von Impfgegnern kritisierten Revision.

Und: «Bund und Kantone treffen die nötigen Massnahmen, um den Menschen vor Erregern zu schützen.»

Damit ist für Carvajal klar: Wenn das Bundesamt für Gesundheit einen Schulausschluss ungeimpfter Kinder und Lehrpersonen für angezeigt hält, um eine Verbreitung der Masern zu verhindern, dann ist das so gut wie verbindlich, auch wenn es formaljuristisch nicht so ist.

Sollte nach den Ferien in einer Aargauer Schulklasse ein Masernfall auftreten (die Krankheit ist meldepflichtig), würde wie folgt verfahren: Der kantonsärztliche Dienst überprüft den Impfschutz von Kindern und Lehrpersonen.

Wer nicht gegen Masern immun ist, hat nach dem Kontakt mit einer erkrankten Person 72 Stunden Zeit, um sich impfen zu lasen. Wer sich nicht impfen lässt, wird für 21 Tage von der Schule ausgeschlossen, so lange dauert die Inkubationszeit.

Sollten in mehreren Klassen Masernfälle auftreten, kann die Massnahme auf eine ganze Schule ausgedehnt werden. Genau gleich würde übrigens auch bei Institutionen der familienexternen Kinderbetreuung, in Krippen und Tagesstätten verfahren.

In der Innerschweiz, wo das Szenario in den letzten Wochen zum Tragen kam, führte das zu Kritik.

Heutzutage verpasse ein Kind bei einem dreiwöchigen Schulausschluss schon sehr viel und es sei für berufstätige Eltern auch nicht einfach, die Betreuung zu Hause zu organisieren, führte der Verein Schule und Elternhaus ins Feld. Daher sei die Präventionsmassnahme faktisch ein Impfzwang.

Schutz vor Impfmuffeln

Dieser Argumentation kann Maria Inés Carvajal nicht viel abgewinnen. «Niemand wird gegen seinen Willen geimpft», so die stellvertretende Kantonsärztin.

Der Schulausschluss sei hingegen eine zu rechtfertigende Massnahme zum Schutz von Personen, die sich aus medizinischen Gründen nicht impfen lassen können, selbst wenn sie wollten. Für solche Leute, zum Beispiel Krebspatienten, könne eine Masernansteckung sehr gefährlich sein.


Komplikationen bei Masern-Erkrankungen sind etwa Lungenentzündungen. Dass die Krankheit nicht zu unterschätzen ist, zeigt sich am Aufwand, mit dem der Bund das Ziel verfolgt, die Schweiz bis 2015 masernfrei zu machen:

Im Herbst startet eine 6 Millionen teure Präventionskampagne, wie die «SonntagsZeitung» gestern berichtete. Für einen kompletten Schutz braucht es eine Impfung mit zwei Dosen.

Erst wenn die Rate der mit zwei Dosen Geimpften 95 Prozent der Bevölkerung beträgt, kann eine Verbreitung der Masern ausgeschlossen werden. Davon ist man noch ein gutes Stück entfernt.

Mit einer Impfrate von 89 Prozent liegt der Aargau hinter Genf an der Spitze, im Landesmittel liegt die Impfrate bei 86 Prozent.