Wahlen im Aargau

Bibbern und bangen mit CVP-Präsidentin Binder: «Das ist ein historisches Resultat»

Marianne Binder verschanzt sich in der CVP-Kommandozentrale. Um 16.30 Uhr die Erlösung, sie ist Nationalrätin. Völlig überraschend.

Ein Hauch von Euphorie liegt in der Luft, als Michael Kaufmann, Co-Präsident der jungen CVP, kurz nach 13.30 Uhr beim Restaurant Rathausgarten eintrifft. «Wenn die Vorhersagen stimmen, dann öffnen wir heute nicht nur eine Flasche Wein», ruft er Richtung Balkon. Alles deutet zu diesem Zeitpunkt darauf hin, dass die Christdemokraten im Kanton Aargau einen zweiten Nationalratssitz holen. Aber Parteipräsidentin Marianne Binder wiegelt ab: «Prognosen sind Prognosen.» Dann zieht sie sich wieder zurück in die Kommandozentrale der Partei in einem Saal des Restaurants im ersten Stock.

Vor vier Jahren stand Binder schon mit einem Bein im Nationalrat. Ihr Mann Andreas erinnert sich: «Am Samstag vor der Wahl gingen wir in Baden essen. Da kamen schon etliche Leute und gratulierten ihr zur Wahl.» Es kam anders. Die CVP tauchte, stürzte auf 8,59 Prozent ab. Der Nationalratssitz ging an die FDP. Zusammen mit den Freisinnigen und der SVP ging die CVP damals eine Listenverbindung ein. Zum eigenen Leidwesen.

Marianne Binder: «Es war ein gemeinsames Engagement»

Marianne Binder: «Es war ein gemeinsames Engagement»

Die Präsidentin der CVP Aargau, Marianne Binder, darf sich gleich doppelt freuen: Die CVP Aargau gewinnt einen zweiten Sitz und sie selbst wurde gewählt.

Es ist kurz nach 14 Uhr, als die ersten Leute von der CVP-Basis im Rathausgarten eintrudeln. Verhaltener Optimismus im Raum und ein stilles Wasser in der Hand. Käse, Bündnerfleisch, Schinken und Kürbissuppe hinten auf dem Buffet. Der Weisswein badet im Eiswasser, daneben ein paar Flaschen Feldschlösschen. Alles ist angerichtet, aber Binder lässt sich nicht blicken. Noch immer ist sie im Raum nebenan. Zu gross die Ungewissheit, es scheint eng zu werden bei der Frage, wer den zweiten Sitz macht: Die CVP oder die Grünliberalen.

Wahlkampfleiter André Rotzetter hält ein alkoholfreies Bier in der Hand, sagt: «Nach unseren eigenen Hochrechnungen wird es immer knapper.» Die offiziellen Angaben deuten alle auf einen Sitzgewinn hin. Aber er traut der Sache nicht. Und CVP-Nationalrätin Ruth Humbel sagt: «Wenn wir den zweiten Sitz jetzt nicht holen, dann schaffen wir es nicht mehr.»

CVP-Wahlkampfleiter: «Man hat eine Energie gespürt wie seit 20 Jahren nicht mehr»

CVP-Wahlkampfleiter: «Man hat eine Energie gespürt wie seit 20 Jahren nicht mehr»

Mit einem Comeback der CVP hat niemand gerechnet. Nach den letzten Nationalratswahlen ging es noch weiter bergab. Die Umfragen deuteten auf einen weiteren Verlust von 0,8 Prozentpunkten hin. Intern aber habe man daran geglaubt, dass es klappen könnte. Weil man die Basis mobilisiert habe wie lange nicht mehr. Unter anderem mit neun CVP-Listen. «Das hat es wohl in der Schweiz noch gar nie gegeben», sagt Parteisekretärin Barbara Totzke. Man wollte den Leuten Köpfe zeigen, die sie kennen, erzählt Chefstratege Rotzetter. Nähe schaffen. Deshalb auch der Risottobus, mit dem die Partei durch den Kanton fuhr. Der zweite grosse Coup, das zeigt sich später: die Listenverbindung mit den Grünliberalen.

Es ist kurz nach 16 Uhr, als Rotzetter Richtung Buffet läuft und sagt: «Jetzt gönne ich mir ein Glas Wein.» Offiziell ist noch nichts. Alle starren gebannt auf ihre Smartphones. Aber laut eigenen Auszählungen hätten sie 40 000 Stimmen Vorsprung auf Listenpartnerin GLP bei noch fünf ausstehenden Gemeinden, so Rotzetter. Das garantiert der CVP den zweiten Sitz.

Wahlfeier der CVP Aargau während der Eidgenösisschen Wahlen vom 20.10.2019. Aufgenommen im Rest. Rathausgarten, Aarau. - Feiern den unerwarteten Gewinn des zweiten Nationalratssitzes, von links: Markus Dieth (Regierungsrat), André Rotzetter (Wahlkampfleiter), Marianne Binder (Parteipräsidentin und Nationalrätin neu), Ruth Humbel (Nationalrätin bisher), Alfons Kaufmann (Vizepräsident).

Die beiden Aargauer CVP-Nationalrätinnen Marianne Binder (Mitte) und Ruth Humbel (2.v.r.) stossen auf das gute Ergebnis der Kantonalpartei an.

Wahlfeier der CVP Aargau während der Eidgenösisschen Wahlen vom 20.10.2019. Aufgenommen im Rest. Rathausgarten, Aarau. - Feiern den unerwarteten Gewinn des zweiten Nationalratssitzes, von links: Markus Dieth (Regierungsrat), André Rotzetter (Wahlkampfleiter), Marianne Binder (Parteipräsidentin und Nationalrätin neu), Ruth Humbel (Nationalrätin bisher), Alfons Kaufmann (Vizepräsident).

Binder bleibt unsichtbar. Alfons Kaufmann, Vizepräsident der CVP Aargau, sagt: «Wir haben uns auch schon zu früh gefreut.» Doch die Stimmung wird ausgelassener, das Glück greifbar. 16.26 Uhr: Die Basis geht ans Buffet, Weingläser klirren. 16.30 Uhr: Endlich, es ist offiziell. «Wir holen den zweiten Sitz, Ruth Humbel und Marianne Binder gehen für uns nach Bern», ruft Kaufmann in die Runde. Applaus, Pfiffe, Jubelschreie. Wenig später wird die neugewählte Nationalrätin selbst sagen: «Das ist ein historisches Resultat. Wir haben seit 20 Jahren nicht mehr Stimmen dazu gewonnen.» Sie wird danach nicht müde, die Basis für ihren grossen Einsatz zu loben. Und zu danken. Vor allem auch der GLP, ihrer grossen ausserparteilichen Wahlhilfe.

Wahlfeier der CVP Aargau während der Eidgenösisschen Wahlen vom 20.10.2019. Aufgenommen im Rest. Rathausgarten, Aarau. - Feiern den unerwarteten Gewinn des zweiten Nationalratssitzes, von links: Markus Dieth (Regierungsrat), André Rotzetter (Wahlkampfleiter), Marianne Binder (Parteipräsidentin und Nationalrätin neu), Ruth Humbel (Nationalrätin bisher), Alfons Kaufmann (Vizepräsident).

Neu-Nationalrätin Binder spricht von einem «historischen Erfolg».

Wahlfeier der CVP Aargau während der Eidgenösisschen Wahlen vom 20.10.2019. Aufgenommen im Rest. Rathausgarten, Aarau. - Feiern den unerwarteten Gewinn des zweiten Nationalratssitzes, von links: Markus Dieth (Regierungsrat), André Rotzetter (Wahlkampfleiter), Marianne Binder (Parteipräsidentin und Nationalrätin neu), Ruth Humbel (Nationalrätin bisher), Alfons Kaufmann (Vizepräsident).

Dann verschwindet Marianne Binder Richtung Grossratsgebäude. Zur Elefantenrunde der kantonalen Parteipräsidenten beim Regional-TV. Ihr Mann Andreas erfährt derweil, dass auch für die Feier alles klar ist. «Wir haben vorgängig nichts organisiert nach der Erfahrung vor vier Jahren. Aber eben habe ich erfahren, dass wir im Lemon in Baden feiern werden.» Es dürfte eine lange Nacht geworden sein für die Familie Binder und die CVP.

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