Neue App

Bin ich ein Notfall? Der Aargau geht in der Notfallversorgung neue Wege – und erst noch gratis

Ärzteverbands-Präsident Jürg Lareida, Barbara Hürlimann, Leiterin Gesundheit beim Kanton, Nadia Haller, Projektleiterin/Ärzteverbands- Geschäftsführerin und Andreas Meer, Geschäftsleiter In4Medicine (von links).

Ärzteverbands-Präsident Jürg Lareida, Barbara Hürlimann, Leiterin Gesundheit beim Kanton, Nadia Haller, Projektleiterin/Ärzteverbands- Geschäftsführerin und Andreas Meer, Geschäftsleiter In4Medicine (von links).

Eine neue Web-App hilft Aargauerinnen und Aargauern ihre gesundheitlichen Beschwerden besser einzuordnen. Damit soll verhindert werden, dass harmlose Fälle den Spital-Notfall verstopfen. Die App ist ab sofort online und kostenlos nutzbar.

Der «Medical Guide», ein medizinischer Online-Helfer auf www.medicalguide.ch, stellt keine Diagnose, sondern sagt, wie dringend sich jemand Hilfe holen und an wen er sich wenden soll. In einem automatischen Chat werden einem Fragen gestellt. Nicht nur zwei, drei – sondern je nach Krankheitsbild sehr viele. Der Kanton Aargau geht in der Notfallversorgung neue Wege.

Der Medical Guide kann Bettruhe empfehlen

Hat jemand Kopfweh, fragt der virtuelle Doktor, ob man an weiteren Beschwerden leide und listet Vorschläge auf. Danach will er wissen, wie lange, wie stark und wo der Kopf schmerzt und wie sich der Schmerz anfühlt. Leidet jemand an weiteren Beschwerden, werden auch dazu gleich detaillierte Fragen gestellt. Je nach Antwort gibt die Web-App eine Empfehlung ab, zum Beispiel: «Die medizinische Behandlung muss nicht sofort erfolgen, sollte aber nicht bis morgen oder über das Wochenende aufgeschoben werden.» Zudem sagt der Medical Guide, an wen man sich wenden soll: an den Hausarzt, an die Apothekerin oder an ein Spital. Es kann auch sein, dass er erst einmal einfach Bettruhe empfiehlt.

Die Initiative für eine solche Web-App kam vom Aargauischen Ärzteverband. Schnell hat sich auch das kantonale Gesundheitsdepartement für die Idee begeistern können und so wurde gemeinsam mit der Schweizer Firma In4Medicine vor rund zwei Jahren ein entsprechendes Projekt lanciert.

Deutschland kennt ein ähnliches Produkt

Andreas Meer, Geschäftsleiter von In4Medicine, ist Arzt und hat jahrelang auf Notfallstationen gearbeitet. Er fragte sich oft, warum gewisse Patientinnen zu spät auf den Notfall kommen und andere wiederum mit Beschwerden kommen, die eigentlich zu Hause mit Hausmittelchen behandelt werden könnten. Um dem entgegenzuwirken und die Eigenverantwortung jedes einzelnen zu fördern, hat er In4Medicine gegründet und zusammen mit Informatikern Softwarelösungen entwickelt.

So kann ein Symptom-Check durch den Medical Guide aussehen.

So kann ein Symptom-Check durch den Medical Guide aussehen.

In Deutschland ist ein ähnliches Produkt bereits seit zwei Jahren im Einsatz. Anders als der Medical Guide wird dieses Produkt aber von Mitarbeitenden genutzt, die Leute mit gesundheitlichen Beschwerden telefonisch beraten. «Mit dem Aargauer Produkt gehen wir nun einen Schritt weiter, indem Patientinnen und Patienten das Tool selbst nutzen», sagt Andreas Meer.

Patienten sollen sich an die richtige Stelle wenden

Für Barbara Hürlimann, die Leiterin der Abteilung Gesundheit, ist klar: «Als Kanton sind wir in der Pflicht, der Bevölkerung eine moderne und koordinierte Notfallversorgung bereitzustellen.» Dies beginne damit, dass sich Leute mit medizinischen Beschwerden an die richtige Stelle wenden. «Wir möchten die Eigenverantwortung fördern und verhindern, dass Leute mit leichten Beschwerden die Notfallaufnahmen der Spitäler verstopfen und solche mit ernsthaften Beschwerden sich keine Hilfe holen.»

Während des Lockdowns im Frühling habe sich das eindrücklich gezeigt. «Die Notfallstationen waren zum Teil leer. Auch ernsthaft erkrankte Personen, zum Beispiel mit Herzinfarkt oder Schlaganfall, trauten sich aus Angst vor Corona nicht ins Spital zu gehen.» Sie hofft, dass die Web-App dies ändert, indem sie Personen, die sie nutzen, aufzeigt, dass ihre Beschwerden ernst sind und sie Hilfe brauchen.

Ausserdem wolle der Kanton beim Thema eHealth Vorreiter sein, sagt Barbara Hürlimann. «Auch deshalb waren wir bereit, uns persönlich und finanziell am Projekt Medical Guide zu beteiligen.» Der Kanton habe von einem «speziellen Einführungspreis» profitieren können, sagt Hürlimann. Die Web-App wird über das Budget der Abteilung Gesundheit finanziert.

Entwickler sollen unabhängig sein

Aber kann man sich wirklich auf die Empfehlung verlassen? Pressiert es wirklich nicht, wenn mir das eine Web-App nach einem vielleicht 3-minütigen Chat sagt? «Ja», sagen die Verantwortlichen unisono. Denn im Gegensatz zu anderen, ähnlichen Applikationen handle es sich beim Medical Guide um ein zertifiziertes Medizinprodukt – ähnlich wie ein Defibrillator oder ein Blutdruckmessgerät. «Wir müssen entsprechend strenge Normen einhalten und werden regelmässig überprüft», sagt Andreas Meer. Wichtig war dem Ärzteverband und dem Kanton auch, dass der Entwickler des Produkts unabhängig ist und keine eigenen Interessen verfolgt. Bei In4Medicine sei das der Fall, sagt Nadia Haller, Projektleiterin und Geschäftsführerin des Aargauischen Ärzteverbandes. Es stehen weder Krankenkassen noch Ärzte oder Spitäler dahinter, die profitieren würden, wenn die Leute seltener beziehungsweise häufiger einen Arzt aufsuchen.

Der Medical Guide könnte noch weiterentwickelt werden

Die Web-App kann ab sofort genutzt werden. Dazu muss im Browser – sei es auf dem Computer, auf dem Tablet oder auf dem Smartphone – die Website www.medicalguide.ch aufgerufen werden. Eine Einschätzung des virtuellen Doktors – egal ob auf Deutsch, Englisch, Französisch oder Italienisch – ist gratis. Wer danach immer noch unschlüssig ist oder gerne noch mit einer medizinischen Fachperson sprechen will, dem wird zusammen mit der Empfehlung auch die – kostenpflichtige – Notrufnummer des Aargauischen Ärzteverbandes eingeblendet . Diese lautet 0900 401 501.

Für Jürg Lareida, Präsident des Aargauischen Ärzteverbandes, ist klar: «Der Medical Guide wie er jetzt ist, könnte in Zukunft noch weiterentwickelt werden.» Über verschiedene Schnittstellen wäre es zum Beispiel möglich, direkt über die Web-App einen Termin bei der Ärztin oder im Spital zu buchen. «So könnten die Patientinnen und Patienten besser über den Tag verteilt werden und es wären nicht zu viele Leute mit nicht-dringenden medizinischen Problemen gleichzeitig auf dem Notfall.»

Das ist indes noch Zukunftsmusik. Die Erfahrungen in Deutschland zeigten aber, dass das Bedürfnis der Bevölkerung genau in diese Richtung gehe, sagt Andreas Meer.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1