Kahlschlag

Birr ist wütend auf General Electric: «Wir haben noch nie so eins ans Bein bekommen»

2014 arbeiteten 1500 Menschen für GE in Birr, jetzt sind es noch rund 400. Die Hallen sind zu gross für GE allein.

2014 arbeiteten 1500 Menschen für GE in Birr, jetzt sind es noch rund 400. Die Hallen sind zu gross für GE allein.

Eigentlich wollte GE fast 500 Stellen aus Oberentfelden nach Birr zügeln. Jetzt werden die Jobs wohl gestrichen. In Birr ist man irritiert.

Um 11 Uhr am Freitagvormittag werden die Mitarbeitenden von General Electric in Oberentfelden in die nüchternen Eventräume des Palmas Bistro gebeten. Hier offenbaren ihnen die Manager in den folgenden Minuten, dass der Standort geschlossen und ihre Stellen zu einem grossen Teil abgebaut würden. 57 Stellen sollen erhalten bleiben, 436 stehen vor dem Aus. Noch sei das Verfahren nicht abgeschlossen. Bis Ende Jahr soll Klarheit herrschen, wohin genau die Produktion von gasisolierten Schaltanlagen verlegt wird. Von Frankreich und Indien war die Rede, auch China und allenfalls Italien.

Der Stellenabbau im Aargau ist ein Schock. Wohl deshalb das Sicherheitspersonal bei der Mitarbeiterinformation. Man hat wohl mit Handgreiflichkeiten gerechnet. So weit kam es nicht. Es ändert nichts daran, dass die neue Beurteilung für alle überraschend kam. Denn eigentlich war nicht die Streichung der Stellen geplant, sondern ein Umzug. Nach Birr, keine 20 Kilometer nordwestlich von Oberentfelden. So hat man das Mitte 2018 entschieden.

2014 hatte GE in Birr noch 1500 Mitarbeiter, heute sind es noch 400

Im Dezember 2019 verkaufte GE dann das Gelände in Oberentfelden an das Transportunternehmen Dreier AG mit Sitz in Suhr. Kurz vorher hat man bei der Gemeinde Birr erste Baugesuche eingereicht, um die für den Umzug notwendigen Umbauten in den Fabrikhallen bei den Bahngeleisen voranzutreiben. Im Frühling, «so Ende April, Anfang Mai», habe er die ersten Bewilligungen erteilen können, erinnert sich René Grütter, der parteilose Gemeindeammann von Birr. Im Juli, also noch ein wenig später, hat GE den Mitarbeitenden in Oberentfelden gesagt, dass sie nach Birr wechseln könnten. Zwei Monate später ist alles anders.

Im Februar 2020 wurde der Umzug aufgeschoben, weil man derart viele Aufträge hatte. Von einem Wegzug war damals nicht die Rede. Und auch für Gemeindeammann Grütter kam alles aus heiterem Himmel. Er sagt: «Wissen Sie, früher wurden wir vorzeitig über gewichtige Entscheidungen informiert. Doch der Vorlauf wurde immer kürzer und jetzt erfahren wir von solchen Entscheiden erst im Nachhinein durch die Presse.» Dabei sei das Einvernehmen mit Werksleiter Falk-Ingo Jaeger eigentlich bestens, so Grütter. Er vermutet, dass die GE-Konzernleitung Jaeger nun einen Maulkorb verpasst hat. Ansonsten wäre die Gemeinde mit Sicherheit vorgängig informiert worden. «So extrem haben wir noch nie eins ans Bein bekommen», sagt er enttäuscht.

Die grosse Frage ist nun, welche Konsequenzen dieser Stellenabbau für Birr hat. GE betont auf Nachfrage die grosse Bedeutung der verbleibenden Standorte in Baden und Birr. Mit ihren Innovationszentren würden sie das Geschäft weltweit unterstützen. In Birr sei man zudem auf der Suche nach externen Unternehmen, die den freigewordenen Platz in den Fabrikhallen übernehmen.

Als GE im Jahr 2014 das Gasturbinengeschäft in Birr von der Alstom übernahm, arbeiteten noch rund 1500 Menschen in den Hallen. Jetzt sind es noch zwischen 400 und 450, genauer kann es selbst Grütter nicht sagen. Bis Freitag dachte er, dass bald wieder fast 1000 Menschen in der Halle arbeiten würden, die von der BBC zwischen 1960 und 1962 gebaut wurden.

GE ist ein «Unsicherheitsfaktor», aber es gibt Hoffnung für Birr

Als die damals grössten Fabrikhallen Europas fertig gestellt waren, kam Grütter gerade in die Primarschule in Birr. «Nach der Eröffnung des Werkes wuchs unsere Gemeinde innert zweier Jahre rasant an, die Einwohnzahl schnellte von 600 auf über 1800 Einwohner hoch», erzählt er. Das war eine Herausforderung für das Dorfleben, Grütter spricht gar von einer Art Schock. Doch er weiss, wie stark Birr von der Industrie profitierte. Die BBC war ein hervorragender Steuerzahler. Die Schulhäuser seien zu zwei Dritteln von der GE-Vorgängerfirma finanziert worden.

Die goldene Ära für die Eigenämter Gemeinde dauerte an, bis die BBC 1988 mit der schwedischen ASEA zur ABB fusioniert wurde. «Da kam es zu einem ersten Knick», so Grütter. Danach ging es runter. Mal langsamer, mal schneller. Mit einem Ausbau rechnet er längst nicht mehr. Aber er nimmt dieses Schicksal mit einer gewissen Gelassenheit. GE ist längst nicht mehr so zentral für Birr wie einst die BBC. Trotz des Stellenabbaus der letzten Jahre ist die Gemeinde in den letzten zwei Jahren um 300 Einwohner grösser geworden. Zudem haben sich in den Jahrzehnten seit dem Aufkommen der Industrie in Birr bis heute über 80 Unternehmen in der Gemeinde angesiedelt. Vor allem kleines und mittleres Gewerbe, etliche Handwerksbetriebe.

Das Vertrauen hat unter all den Richtungswechseln gelitten

Es sollen weitere dazu kommen. Das Areal rund um die GE-Fabrikhallen gehört heute noch immer der ABB. Es ist Teil eines Entwicklungsschwerpunktes im Kanton. Dort soll moderne Industrie angesiedelt werden. Forschung und Entwicklung, 24-Stunden-Betriebe. «Wir rechnen damit, dass auf diesem Gebiet in den nächsten 30 Jahren 3000 bis 3500 Arbeitsplätze entstehen», sagt Grütter.

Ob GE dann noch in Birr ist, bleibt abzuwarten. Für den Gemeindeammann ist das US-Unternehmen ein
Unsicherheitsfaktor. Er sagt: «Ich bin guter Hoffnung, dass wir neben GE noch ein paar verlässliche Firmen ins Dorf bekommen.» Das Vertrauen hat unter all den Richtungswechseln der letzten Monate und Jahre gelitten. Auch wenn Grütter nachvollziehen kann, dass das Geschäft mit gasisolierten Schaltstellen gelitten hat. Die Preise sollen laut GE in den letzten zwölf Jahren um 40 Prozent gefallen sein. Und dann kam Corona hinzu. Die Aussichten haben sich massiv verschlechtert. GE rechnet 2021 mit einem Auftragsrückgang von 30 Prozent.

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