Schwupps, hat das neue Brotmesser nicht nur das Zwirbelbrot, sondern auch den Finger durchsäbelt. Es blutet, der Verband trieft bald in leuchtendem Rot. Was tun? Klar: auf in die Notaufnahme!

Der Gedanke an den Hausarzt, den bis vor einigen Jahren die meisten Leute sofort angerufen hätten, ist weit weg. Da ist es kein Wunder, dass die Zahlen der Notfallpatienten seit Jahren steigen. Eine Entwicklung, die grosse wie kleine Spitäler gleichermassen kennen.

«Die Notfallzahlen steigen kontinuierlich an», sagt Marco Beng, CEO des Spitals Muri. «Vor fünf Jahren verzeichnete unsere Notfallstation rund 9700 Konsultationen. 2014 waren es bereits knapp 18'000 und auch dieses Jahr wird die prozentuale Steigerung wieder deutlich ausfallen.»

In Leuggern wird ebenfalls ein deutlicher Anstieg registriert: von 5000 (2003) auf 8000 (2014) Notfallpatienten jährlich. Und auch die beiden grössten Aargauer Spitäler beobachten den gleichen Trend. Das Kantonsspital Aarau (KSA) meldet für das laufende Jahr 44'000 Patienten – 5000 mehr als 2013.

Und auch im Kantonsspital Baden (KSB) zeigt sich der Trend deutlich: 2014 waren es noch 46'313 Notfallpatienten, ein Jahr später wird nach Hochrechnungen bereits die 48'000er-Grenze geknackt. In den letzten vier Jahren sei die Zahl im KSB um 23 Prozent gestiegen, seit 1997 habe sie sich sogar verdreifacht.

Dann, wenn der Patient Zeit hat

Drei Hauptgründe nennen die angefragten Spitäler als Erklärung für diesen Trend. Erstens trägt das Bevölkerungswachstum dazu bei: Mehr Menschen bedeutet auch mehr kranke Menschen. Dazu kommt die demografische Veränderung – die Leute werden älter und damit anfälliger für gesundheitliche Probleme. Allein damit lässt sich die massive Zunahme bei den Notfallpatienten allerdings nicht erklären.

Die Rede ist zweitens von einem gesellschaftlichen Wandel. René Huber, Spitaldirektor in Leuggern, fasst zusammen: «Der Patient will dann zum Arzt, wenn er Zeit hat. Ob das nun am späten Abend, am frühen Morgen oder am Wochenende ist.»

Und auch Ulrich Bürgi, Chefarzt Zentrum für Notfallmedizin am KSA, sagt: «Der heutige Patient erwartet eine rasche Beurteilung seines Problems. Wenn abends und an Wochenenden die Hausarztpraxis geschlossen ist oder die Wartefrist drei Tage beträgt, wendet er sich ans Spital.»

Die Patienten werden zu sogenannten Walk-In-Patienten, also jenen, die ohne ärztliche Einweisung in die Notaufnahme kommen. Zudem ist die Notaufnahme auch abends und am Wochenende geöffnet und man benötigt keinen Termin. Dabei müssten längst nicht alle Patienten ins Krankenhaus.

«Der Anteil an ‹Boboli› nimmt laufend zu», sagt Marco Beng, CEO des Spitals Muri. «Also Einfachstverletzungen, die man früher selber zu Hause versorgt hat, heute aber doch zeigen möchte, um sicher zu sein, dass es doch nichts Schlimmeres ist.» Den Trend beschleunigt hätten Gesundheitssendungen sowie die vielen Informationen im Internet.

Drittens haben längst nicht mehr alle Aargauerinnen und Aargauer einen Hausarzt – gerade bei jüngeren Menschen und Ausländern, die das Hausarztsystem gar nicht kennen, ist dies verbreitet. Doch auch jene, die einen Hausarzt möchten, werden nicht immer fündig.

Der Hausärztemangel erschwert die Suche. «Gemäss Daten des aargauischen Ärzteverbands von 2013 nehmen zur Zeit 26 Prozent aller Hausärzte keine neuen Patienten auf», sagt Marco Bellafiore, Mediensprecher des KSB. Das beobachtet auch Marco Beng: «Im Freiamt ist es schwierig geworden, überhaupt noch einen Hausarzt zu finden, der Neupatienten aufnimmt.»

Mit der Bevölkerung altern auch die Ärzte. Marco Bellafiore: «In fünf Jahren werden 35 Prozent aller Hausärzte im Kanton Aargau über 65 Jahre alt sein, in zehn Jahren mehr als 50 Prozent.» Der Mangel an Hausärzten dürfte sich demnach weiter verschärfen – und die Belastung für die Notfallstationen erhöhen.

Das «Badener Modell»

Kleine Spitäler wie jenes in Leuggern kommen durch die vielen Notfallpatienten an ihre Grenzen – räumlich und personell. René Huber hält fest: «Unsere Notaufnahme ist zu klein, vor allem in Stosszeiten.»

Anders tönt es beim Kantonsspital Baden. Auf die Frage, ob Bagatellfälle die Notaufnahme verstopfen, antwortet Chefarzt Markus Schwendinger vom KSB: «Nein.»

Wie kann das sein? Die Antwort: das «Badener Modell», das mittlerweile als Vorbild für die ganze Schweiz dient. Denn gerade weil die Bagatellfälle und somit die Wartezeiten in den Notaufnahmen stetig zunahmen, hat das KSB in Kooperation mit den Bezirksarztverbänden Baden und Brugg 2007 die Notfallpraxis eröffnet.

Tagsüber arbeiten hier Spitalärzte, abends und am Wochenende sind es Hausärzte. Diese versorgen die weniger schlimmen Fälle, während sie nur noch Patienten mit potenziell bedrohlichen Erkrankungen oder Verletzungen in die Notaufnahme ins Spital weiterleiten. Und das mit sichtbarem Erfolg: Die Wartezeiten verkürzen sich, die Behandlungen werden kostengünstiger.

Die Vorteile einer Notfallpraxis liegen daher auf der Hand: «Die Patienten lassen sich nicht dazu umerziehen, in Notfällen vermehrt den Hausarzt zu konsultieren. Die Ärzte aus der Region Baden haben deshalb gehandelt und sich entschieden, dorthin zu gehen, wo die Patienten sind», drückte es Margot Enz, Vizepräsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin, 2009 gegenüber der Zeitschrift «Saldo» treffend aus.

Bald überall Notfallstationen?

Durch die Schaffung der Notfallpraxis konnten Synergien genutzt und die Zusammenarbeit zwischen Spital und Hausärzten verbessert werden. Bellafiore erklärt: «Aktuell wird diskutiert, ob dieses Modell der Zentralisierung gegebenenfalls im ganzen Kanton systematisch eingeführt wird, um auch langfristig die notfallmässige Grundversorgung sicherstellen zu können.»

Denn «so werden nur noch Patienten mit potenziell bedrohlichen Erkrankungen und Verletzungen im Notfall behandelt. Patienten mit leichteren Erkrankungen und Verletzungen werden direkt in der Notfallpraxis behandelt.»

Spitaldirektor René Huber könnte sich das «Badener Modell» auch für Leuggern vorstellen. «Allerdings funktioniert das nur, wenn genügend Hausärzte mitmachen und das Einzugsgebiet gross genug ist.»

Das KSA hat ebenfalls einen Weg gefunden, um sein Notfallzentrum von den hausärztlichen Patienten zu entlasten: mit zwei Notfallpraxen – die eine am Bahnhof, die andere im Spital. In der Notfallpraxis am KSA arbeiten jeweils am Freitag- und Samstagabend Hausärzte aus dem Bezirk Lenzburg.