Interview

Brack-Gründer: «Es macht nicht stolz, in einer Krise zu gewinnen» – so half der Onlinehändler notleidenden Betrieben

Roland Brack ist Inhaber von brack.ch, dem grössten unabhängigen Online-Händler der Schweiz. Der Fricktaler profitierte bisher stark von der Coronakrise. Er half mit dem Verkauf von subventionierten Gutscheinen aber auch darbenden Branchen. Im Interview verrät er ausserdem, warum er fast Kampfjetpilot wurde.

Er ist der Schweizer Jeff Bezos: Roland Brack ist Inhaber der Competec-Gruppe, welche mit Brack.ch den grössten unabhängigen Schweizer Online- Händler besitzt. Was vor 26 Jahren in der Dachstube eines Fricktaler Bauernhauses anfing, hat sich zum Grossunternehmen entwickelt mit geschätztem 1,5 Milliarden Umsatz und bald 1000 Mitarbeitenden.

Während des Lockdowns im Frühling blieb die Schweiz stehen, in den Willisauer Logistikhallen von Brack lief der Sturm: Die Bestellmenge verdreifachten sich teilweise; die Krise hat den Trend zum Online-Handel deutlich beschleunigt. Roland Brack, der mit der TV-24-Sendung «Die Höhle der Löwen» zum Haushaltnamen wurde, zeigt sich im Interview als bodenständiger Fricktaler und reflektiert über die Coronakrise, die Konkurrenz im Online-Handel und über den eigenen Anspruch, seinen Wurzeln treu zu bleiben.

Herr Brack, die Kantonsärztin sagte, in Logistikcentern im Aargau habe es mehrere Coronafälle gegeben – wie ist das bei Brack?

Gut, unser Logistikzentrum ist im Kanton Luzern in Willisau. Aber bei mehr als dreihundert Mitarbeitenden ist es fast unvermeidlich, dass es Fälle gibt. Die Frage ist nicht mehr, wie es verhindert werden kann, sondern wie wir damit umgehen.

Wie gehen Sie damit um?

Wir tun alles, was wir können. Wir arbeiten in Schichten. Einerseits, um das Personal zu trennen, sodass nicht alle gleichzeitig erkranken, aber auch, weil die Bestellungszahlen explodiert sind. Seit Ende der Sommerferien gilt eine allgemeine Maskenpflicht in der Logistik. Vergangene Woche haben wir allen Mitarbeitenden in der Logistik ein Starter-Paket mit Masken und Desinfektionsmittel gegeben für zu Hause.

Warum?

Um ein kleines Zeichen zu setzen und auch, um klar hervorzuheben: Es muss ein Ruck durch die Reihen gehen. Es muss allen bewusst werden: Die Situation verschlimmert sich. Intern haben wir auch ein eigenes Contact-Tracing entwickelt, um auch die Behörden dabei zu unterstützen.

Wie viele Fälle hatten Sie denn?

Bisher vier. Bei tausend Mitarbeitenden ist das sensationell wenig. Unsere Leute haben sich geschützt, und das nicht nur weil das Unternehmen daran interessiert war. Viele von uns motivierte die Tatsache, während einer Notsituation zur Versorgung des Landes beitragen zu dürfen. Das hat viele dazu bewegt, bis an die Grenzen zu gehen und während des Lockdowns viele Überstunden zu arbeiten.

Sie mussten Leute temporär einstellen. Wie viele denn?

Das ist schwierig zu sagen, da alles sehr chaotisch zu- und herging. In der Logistik haben wir aber unser Personal fast verdoppelt, von 250 Mitarbeitenden auf etwa 450, wobei 10 bis 15 Prozent der bestehenden Leute nicht mehr arbeiten durften, weil sie zur Risikogruppe gehörten. Das war heftig in so kurzer Zeit. Bei der Verpackung war es relativ einfach, Leute einzustellen. Es war schwieriger, Fachpersonal für Anlagenführung und technische Wartung zu finden und einzuarbeiten. Wir mussten von heute auf morgen auf Zwei-Schichten-Arbeitsrhythmus umstellen und hatten plötzlich einen grösseren Bedarf an Fachkräften.

Mit den steigenden Fallzahlen prüft der Bundesrat einen zweiten «Mini-Lockdown». Das bedeutet für Sie wieder bewegte Zeiten.

Entsprechend sind wir froh, dass sich die Lage im Sommer etwas entspannt hat. Zwar blieben die Bestellungen auf einem deutlich höheren Niveau als vor der Pandemie, aber es gab uns Zeit, uns an eine neue Normalität zu gewöhnen.

Der Trend ist also anhaltend?

Die Krise hat das Wachstum der Branche um ein bis zwei Jahre beschleunigt, sagen wir oft.

Haben Sie ein schlechtes Gewissen, von einer Krisensituation zu profitieren?

Gewinner einer Krisensituation zu sein, macht nicht besonders stolz. Klar, wir haben vielleicht schnell reagiert, aber wir hatten in erster Linie Glück, im Online-Handel tätig zu sein, weshalb wir nicht von der Ladenschliessung betroffen waren. Das war auch der Grund, weshalb wir Aktionen anboten, um besonders betroffene Branchen zu unterstützen.

Was haben Sie gemacht?

Wir haben beispielsweise Gutscheine verkauft, etwa für Gastrogeschäfte, Kinos und Hotels. Wir verkauften Gutscheine zum halben Preis; der Kunde bezahlte also für einen 100-FrankenGutschein nur 50 Franken, den Rest subventionierten wir. Insgesamt Gutscheine für eine halbe Million Franken. In Anbetracht des Gesamtschadens mag das zwar nur ein Tropfen auf den heissen Stein sein, aber für uns war es eine stolze Summe und es war uns wichtig, ein Zeichen zu setzen.

Sehen Sie sich auch, wie der Chef der Stiftung Logistik Schweiz Andreas König sagt, als systemrelevant?

Es fühlte sich so an, das trieb uns auch an. So schnell auf neue Bedürfnisse zu reagieren, das kann wahrscheinlich der Online-Handel am einfachsten. Wir sparen uns bei neuen Sortimenten viele Prozesse wie Regalplanung, Transport in die Filialen etc.

Bereits vor Corona nahmen Online-Händler zu, immer mehr stationäre Geschäfte schliessen. Sehen Sie das als unumgänglichen Gesellschaftswandel?

Manchmal wird argumentiert, dass wir durch unser Angebot den stationären Handel kaputtmachen. Wir erfüllen aber primär ein Kundenbedürfnis. Dass wir dabei versuchen, es möglichst gut zu machen, liegt im Wesen eines jeden Unternehmens, das von Leidenschaft angetrieben ist und sich am Wunsch der Kunden ausrichtet. Als ich vor mehr als 20 Jahren anfing, gab es das Internet in dieser Form nicht. Wir versuchten lediglich, die aufkommenden Möglichkeiten zu nutzen, um unsere Kunden besser zu bedienen. So sind wir zum Online-Händler geworden.

Man könnte auch sagen, Sie haben vor 20 Jahren den Trend erkannt und andere nicht.

Ich glaube, das wäre übertrieben. Ich bin Ingenieur und Techniker. Wenn neue Technologien verfügbar sind, um Prozesse zu optimieren und Kundenzufriedenheit dadurch zu erhöhen, war es naheliegend, das zu probieren. Im Nachhinein zu behaupten, ich hätte damals die Vision gehabt, dass wir uns so entwickeln, ist übertrieben. Ich könnte auch die Frage nicht beantworten, wo wir in zehn Jahren stehen.

Sie sehen sich also nicht als Konkurrent zum stationären Handel?

Nein. Die meisten von uns sind sowohl in der digitalen als auch in der analogen Welt unterwegs. Wir beobachten zum Beispiel, dass unsere Kunden durchschnittlich teurere Geräte einkaufen als im stationären Handel.

Sie haben wohl im Vergleich zu anderen Plattformen ein spezialisiertes Publikum, das selber recherchiert.

Vielleicht, aber es bricht das Image, im Internet gäbe es nur «Schnäpplijäger».

Böse Zungen könnten entgegnen, dass es daran liegt, dass man sich im Laden beraten lässt, um das Produkt dann im Internet zu bestellen.

Ich glaube es nicht. Das ist ein alter Zankapfel: Wir Online-Händler haben als Gegenargument, dass der gegenteilige Trend immer noch viel grösser ist. Man recherchiert im Internet, um danach im Laden einkaufen zu gehen. Wobei ich zum Beispiel bei Werkzeugsets, die wir seit zwei Jahren anbieten, oft feststelle: Es ist im Laden gar nicht so einfach, gute Werkzeuge zu finden. Dabei sind Baumärkte voll mit Aktionsangeboten.

Kommt es im Schweizer Online-Handel mittelfristig zu einer Marktkonsolidierung, um den grossen Unternehmen wie Amazon und Alibaba die Stirn zu bieten?

Global beobachtet wachsen grosse Online-Händler schnell, die kleineren, spezialisierten auch, für mittelgrosse ist es schwierig, technisch mitzuhalten. Das bedingt, vorausschauend grosse Investitionen in der Logistik vorzunehmen. Diese kann sich nur ein Unternehmen mit einer gewissen Grösse leisten.

Um Skaleneffekte zu nutzen?

Genau. Die Zukunft liegt in digitalen Schnittstellen. Im Kontext der Globalisierung muss der Schweizer Handel enger zusammenarbeiten. Das ist der Grund, weshalb wir mehr als die Hälfte unseres Umsatzes indirekt erzielen: Wir beliefern die meisten anderen Onlineanbieter. Ich glaube, dass wir mit vereinten Kräften bessere Chancen haben gegen globale Anbieter. Das muss nicht heissen, dass alle fusionieren sollen. Vor zwanzig Jahren kam die Konkurrenz noch von der anderen Strassenseite. Mittlerweile sitzt sie in Seattle und Hangzhou und es schwächt uns, wenn wir uns gegenseitig bekämpfen.

Ist es noch ein freier Markt, wenn sich Schweizer Firmen zusammenschliessen?

Bei einem globalen Markt ergibt sich der freie Markt von selbst. Darum glaube ich, dass wir als Schweizer gefordert sind, uns darauf einzustellen.

Man munkelt in Fachkreisen, dass Sie ein Angebot von Amazon abgelehnt haben, stimmt es?

Wissen Sie, die Gerüchte… Dass es Anfragen gibt, ist normal. Viel häufiger kommt es vor, dass wir angefragt werden, Firmen zu übernehmen, was wir oft machten. Das gehört zum unternehmerischen Alltag.

Sie werden als bescheidener Mensch beschrieben, der im Dachgeschoss seiner Eltern im Fricktal anfing und nun ein Milliardenunternehmen führt. Verrät man, was man war, wenn man zu gross wird?

Ich hoffe es nicht. Meine Vorbilder sind allesamt Menschen, die es geschafft haben, trotz Erfolg auf dem Boden zu bleiben. Das gehört zur schweizerischen Kultur: Wir tragen nicht dick auf. So bin ich erzogen worden. Ich bin froh, habe ich kein eigenes Schiff, und schon gar keine Jacht. Besitz belastet auch.

Man vergleicht Sie mit Jeff Bezos von Amazon. Ihre Entstehungsgeschichte erinnert an jene von Bill Gates. Sind das Vorbilder für Sie?

Meine Vorbilder findet man eher in der Schweiz. Da bin ich einfach sehr verwurzelt. Ich reise gerne und halte ein Auge offen für das, was global passiert. Aber ich orientiere mich mehr an Menschen hier. Die Leute, die mich inspirieren, sind nicht leuchtende Idole.

Fühlen Sie sich auch mit Ihrem Heimatkanton verbunden?

Total. Ich bin im Fricktal aufgewachsen, wohne immer noch dort, in der Sonnenstube des Aargaus. Ich bin ein reines Aargauer Produkt: Bei der ABB die Lehre gemacht, in Brugg-Windisch studiert, und wir hätten auch gerne unsere Logistik im Aargau aufgebaut. Wir fanden leider kein Bauland und haben uns in Willisau niedergelassen, wo wir heute auch sehr glücklich sind.

Man spürt, dass Sie gerne lieber über unternehmerische Themen sprechen als über sich selbst.

Ja, ich rede nicht gerne über mich.

Sie wären fast Kampfjetpilot geworden. Die «Bilanz» schrieb, die Vernunft siegte. Weshalb?

Ich hatte Freude am Fliegen und habe mit 16 Jahren die fliegerischen Vorschulungen gemacht. Ich habe dort schon gemerkt, dass das Militärische nicht so meins ist. Wahrscheinlich lasse ich mir nicht gern etwas vorschreiben.

Sind Sie deswegen Chef geworden?

(lacht). Kann sein. Damals hatte ich keinen bestimmten Plan, wohin der Weg führen würde. Ich war ein einfacher Bub aus einer einfachen Familie und versuchte, mir möglichst viele Optionen offen zu halten. Ich habe während des Studiums die Firma gegründet, und nach dem Abschluss, als ich mich entschied, dieses Geschäft weiterzuverfolgen, wurde ich von meinen Mitstudenten belächelt.

Weshalb denn?

Als Elektroingenieur einen Fachhandel zu eröffnen, war nicht der riesige Karriereschritt. Dass ich 20 Jahre später hier stehen würde und Teil einer Fernsehsendung bin, mit dem hat niemand gerechnet. Das hätte ich auch am wenigsten erwartet.

Es klingt etwas widersprüchlich: Sie geben nicht gerne etwas von sich preis, zugleich exponieren Sie sich vor der Kamera. Warum haben Sie diesen Schritt gemacht?

Ich bin angefragt worden. Zufällig war ich Fan der deutschen Show, auch wenn ich sonst nicht viel fernsehe. Man spürt es, ich bin weniger der Konzernmensch und habe schon vorher einige Start-ups begleitet. Von dem her war es einfach, mich zu überzeugen.

Der Auftritt, die Bekanntheit, macht Ihnen das Angst?

Das habe ich mir natürlich überlegt, da besteht ein Risiko. Vielleicht wäre ich unsympathisch dahergekommen oder belächelt worden. Intern sorgte der Entscheid ebenfalls für Diskussionen.

Sie sagen oft, in Start-ups zu investieren, sei eine Art, der Gesellschaft etwas zurückzugeben und mitzuwirken. Was entgegnen Sie dem Vorwurf, dass es eigennützig ist, weil Sie vom Erfolg der Start-ups als Investor profitieren?

Dem muss man nichts entgegnen. Natürlich hofft man, ein Investment nicht zu verlieren. Darüber hinaus geht es mir darum, Unternehmertum zu fördern, gerade bei jungen Zielgruppen. Das war eine Motivation, bei der Sendung mitzumachen. Zurück zur Frage: Nicht jedes Jungunternehmen muss durch die Decke gehen und die Welt erobern. Ich habe nicht den Anspruch, dass 100 Prozent der Firmen, in die ich investiere, Erfolg haben und Rendite einbringen. Wäre die Erfolgsquote so hoch, hat man zu wenig riskiert.

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