Vor einer Woche musste das Kantonsspital Aarau einräumen, dass ein Chefarzt das Abrechnungs- und Erfassungssystem für medizinische Leistungen manipuliert und unrechtmässig Honorare bezogen hat. Der fehlbare Chefarzt habe den ganzen Betrag, dessen Höhe das Spital nicht nennt, inzwischen zurückgezahlt. Ausserdem habe die Spitalleitung eine personalrechtliche Massnahme getroffen – auch dazu beantwortete Sprecherin Andrea Rüegg keine weiteren Fragen.

Nun zeigen Recherchen: Der Vorgang in Aarau ist offenbar kein Einzelfall. Der AZ liegen Informationen und Dokumente vor, die den Verdacht nahelegen, dass ein Chefarzt im Kantonsspital Baden über Jahre hinweg systematisch Operationen verrechnet hat, die er gar nicht selber vorgenommen hat. Demnach war der Arzt auf den Operationsberichten aufgeführt, obwohl die Eingriffe zum Teil von anderen Ärzten ausgeführt wurden.

Spital: «Ohne böse Absicht»

Omar Gisler, der Mediensprecher des Kantonsspitals Baden, sagt auf Anfrage der AZ, das Spital habe Ende letzter Woche anonyme Hinweise auf ein angebliches Fehlverhalten eines Arztes bei der Abrechnung von Eingriffen erhalten. Gisler sagt, die Geschäftsleitung des Kantonsspitals Baden sei diesen Vorwürfen danach umgehend nachgegangen. «Erste Abklärungen haben ergeben, dass es tatsächlich zu unkorrekten Fakturierungen kam», räumt er ein. In vereinzelten Fällen rechnete der Arzt demnach zu viel, in anderen wiederum zu wenig ab.

Omar Gisler betont: «Das Kantonsspital Baden geht – Stand heute – davon aus, dass er ohne böse Absicht handelte.» Um definitive Gewissheit zu erhalten, würden weitere Abklärungen getroffen. Die betreffenden Fälle werden laut Gisler umgehend rückabgewickelt. «Zugleich wird geprüft, wie das interne Controlling-System verbessert werden kann», ergänzt der Spitalsprecher. Und er hält fest, bis der Sachverhalt vollständig klar sei, gelte die Unschuldsvermutung.

Was darf ein Arzt verrechnen?

Anders beurteilte das Universitätsspital Basel im Herbst 2014 einen ähnlichen Fall. Das Spital entliess Victor Valderrabano, den Chefarzt der Orthopädie, und stellte ihn per sofort frei. Der Vorwurf war derselbe wie nun in Baden: Valderrabano wurde angelastet, er habe für Operationen Honorare bezogen, bei denen er nicht am OP-Tisch stand. Gegenüber der «Basler Zeitung» sagte der Arzt damals: «Paralleloperationen sind in der Spitalpraxis gang und gäbe.» Chirurgen könnten mehrere Operationen zugleich abwickeln und zwischen den Sälen pendeln.

Dazu kommt die Möglichkeit der Instruktionsdelegation: Am Universitätsspital Basel galt laut dem Reglement zur Zeit des Falls Valderrabano eine Leistung als in eigenem Namen erbracht, wenn sie vom Arzt selber ausgeführt, von ihm instruiert oder überwacht wird. Wo sich der Arzt für die Überwachung einer Operation aufhalten muss, wird in jedem Spital anders gehandhabt. In der Schweiz gebe es keine einheitlichen Regeln zur Instruktionsdelegation, sagte der Rechtsanwalt von Victor Valderrabano damals der «bz Basel». Im Juni 2016 stellte die Staatsanwaltschaft das Verfahren gegen Valderrabano ein, zuvor hatten sich der Arzt und das Spital auf einen Vergleich geeinigt.

Ehrenkodex am Kantonsspital

Auf die Frage, wie Paralleloperationen und Instruktionsdelegation am Kantonsspital Baden geregelt sind, verweist Gisler auf den Ehrenkodex der Schweizerischen Gesellschaft für Chirurgie. Dieser gelte bei der Honorarabrechnung für halbprivat- und privat versicherte Patienten und besage unter anderem, dass Eingriffe vom Operateur persönlich durchgeführt werden.

«Dies bedeutet, dass der Operateur alle wesentlichen und kritischen Schritte selbst durchführt oder in lehrender Funktion persönlich anwesend assistiert», heisst es im Kodex. Zu diesen wichtigen Schritten gehören demnach «alle vor, während und nach dem Eingriff zu treffenden Indikationen und Entscheidungen mit unmittelbaren Auswirkungen auf das Vorgehen und die von der Erfahrung und der Fähigkeit des Operateurs abhängigen technischen Schritte».

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Ausnahmen nur im Notfall

Das heisst im Klartext: Wenn ein Chefarzt am Kantonsspital Baden ein Honorar verrechnen will, muss er bei einem Eingriff im Operationssaal anwesend sein. Ausnahmen sieht der Ehrenkodex, der in Baden zur Anwendung kommt, nur in Notfällen vor. «Wird der Operateur während der Operation zu einem Notfall oder einem Problem in einen anderen Operationssaal gerufen, kann die Weiterführung einem Oberarzt oder einem erfahrenen Assistenten für die Dauer der Abwesenheit delegiert werden», ist darin nachzulesen. Der Operateur bleibe allerdings auch während solcher Ausnahmesituationen persönlich verantwortlich.

Ob es bei den Vorwürfen gegen einen Badener Chefarzt nur um falsche Rechnungen geht, oder ob er nicht bei allen Operationen anwesend war, ist offen. Am einfachsten liesse sich dies herausfinden, indem die anderen Ärzte befragt werden, die bei den Operationen mitwirkten. Gisler hält sich bei dieser Frage bedeckt: «Die Abklärungen sind noch im Gang, deshalb machen wir zum konkreten Vorgehen derzeit keine Angaben.»