Coronapandemie
Die Hürden für Sexarbeiterinnen sind oft zu hoch: Härtefallmassnahmen greifen in der Erotikbranche kaum

Erst fünf Aargauer Erotikbetriebe haben beim Kanton ein Gesuch für Fixkostenunterstützung eingereicht. Für die betroffenen Sexarbeitenden ist es noch schwieriger an staatliche Unterstützung zu kommen.

Noemi Lea Landolt
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Bund und Kantonen ist es ein Anliegen, den wirtschaftlichen Schaden abzufedern, den die Coronapandemie verursacht. Betriebe haben die Möglichkeit, Kurzarbeit anzumelden oder können Gesuche für Fixkostenbeiträge oder Liquiditätshilfe stellen. Selbstständige können bei der SVA Aargau Erwerbsausfallentschädigung beantragen.

Die Erotikbetriebe wie das «Gebi Wellness» in Gebenstorf sind wegen Corona geschlossen.

Die Erotikbetriebe wie das «Gebi Wellness» in Gebenstorf sind wegen Corona geschlossen.

Sandra Ardizzone

Fixkosten: Erotikbetriebe wurden bisher mit 74'300 Franken unterstützt

Im Aargau haben seit dem 25. Januar fünf Erotikbetriebe ein Gesuch für Fixkostenunterstützung eingereicht (Stand: 11.2.). Drei Gesuche sind noch in Abklärung. Insgesamt sind 74'300 Franken an Erotikbetriebe ausbezahlt worden.

Den Menschen, die in der Sexarbeit tätig sind, helfen die Härtefallmassnahmen allerdings nur bedingt. Die Aargauer SP-Nationalrätin Yvonne Feri wies bereits im Mai in einer Interpellation darauf hin. Sie schrieb:

«Es muss davon ausgegangen werden, dass nur eine Minderheit der Betroffenen Kurzarbeit oder Erwerbsersatzentschädigung beantragt.»

Die Hürden seien für viele Sexarbeitende zu hoch. Sie würden das Schweizer Sozialversicherungssystem nicht kennen, ihnen fehlten die nötigen Deutschkenntnisse, ihr arbeitsrechtlicher Status sei nicht geklärt oder sie verfügten über gar keinen sicheren Aufenthaltsstatus.

Die Folge: «Es fehlt ihnen an Lebensmitteln, Hygieneartikeln, medizinischer Betreuung und teilweise auch einem Dach über dem Kopf», schrieb Feri.

Kaum Gesuche bei der SVA Aargau

Ihre Befürchtungen haben sich bewahrheitet. Das Departement Volkswirtschaft und Inneres teilt auf Anfrage mit, Frauen im Erotikgewerbe gälten als Selbständigerwerbende. Mediensprecher Samuel Helbling verweist auf die SVA Aargau.

Die SVA Aargau kann keine Zahlen nennen. Mediensprecherin Linda Keller sagt:

«Der Anteil an Corona-Anmeldungen von Personen, die in der Sexarbeit tätig sind, ist erfahrungsgemäss sehr klein.»

Das deckt sich mit den Erfahrungen von Lelia Hunziker, SP-Grossrätin und Geschäftsführerin der Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration (FIZ) in Zürich. Sie sagt, die beschlossenen Härtefallmassnahmen würden in vielen Fällen nicht greifen.

SP-Grossrätin Lelia Hunziker.

SP-Grossrätin Lelia Hunziker.

zvg

Kurzarbeit falle weg, weil viele Sexarbeiterinnen nicht in einem Angestelltenverhältnis arbeiteten, sagt sie. «Aber selbst wo sie faktisch in einem Angestelltenverhältnis arbeiten, sind Arbeitsverträge unüblich und Arbeitgeberpflichten werden häufig nicht eingehalten.»

Und auch mit dem Erwerbsausfallsersatz für die selbstständig erwerbenden Sexarbeiterinnen sei es schwierig, sagt Hunziker. Viele Frauen, die im Sexgewerbe arbeiten, wohnen nicht in der Schweiz. Sie arbeiten im 90-Tage-Meldeverfahren oder ohne Arbeitsbewilligung. «Diese Frauen fallen durch die Maschen», sagt Hunziker. Sie kritisiert:

«Wenn Bund oder Kanton ein Berufsverbot für Sexarbeitende verhängen, dann müssen sie die Betroffenen auch unterstützen.»

Dazu gehört für die SP-Grossrätin nicht nur die finanzielle Unterstützung, sondern auch eine gute Beratung.

Viele Sexarbeiterinnen wollen sich nicht ans Sozialamt wenden

Sexarbeitende mit Wohnsitz in der Schweiz haben ein Recht auf Sozialhilfe. Viele würden den Gang aufs Sozialamt jedoch scheuen, sagt Hunziker. «Sei es, weil sie sich in ihrer Wohngemeinde nicht als Sexarbeiterin outen möchten oder weil sie ausländerrechtliche Konsequenzen befürchten.»

Um den Betroffenen mit dem Notwendigsten versorgen zu können, hat Prokore, der nationale Zusammenschluss der Beratungsstellen für Sexarbeitende, im Frühling einen Notfonds für Sexarbeitende errichtet. Durch Spendenaufrufe und mit der Unterstützung von Stiftungen und der Glückskette. Das Geld ist inzwischen aufgebraucht.

Vielen Betroffenen bleibt wegen der erneuten Schliessung nur noch der Weg in die Illegalität. Deshalb hofft Lelia Hunziker, dass die Erotikbetriebe im März wieder öffnen dürfen. «Auch aus gesundheitlicher Perspektive ist für die Betroffenen ein Verbot viel gefährlicher als offene Betriebe mit funktionierenden Schutzkonzepten.»