Aarau

Das Kantonsspital probt für den Ernstfall – Bilder und Video der Gross-Übung

Bei einer Dekontaminations-Übung in Aarau üben Notfallteams und Feuerwehr das Vorgehen bei einem Chemieunfall.

Es ist 18.00 Uhr. Am Bahnhof Aarau warten Hunderte Pendler, als ein Zisternenwagen umkippt. Der Inhalt – hochgiftige Ameisensäure – läuft aus. 33 Menschen werden teilweise schwer verletzt, erleiden Verätzungen und haben Atemwegsprobleme. Zu Fuss machen sie sich auf den Weg ins nahegelegene Kantonsspital Aarau.

Dieses Horrorszenario nutzen das Team des Zentrums für Notfallmedizin und die Betriebsfeuerwehr des Kantonsspitals Aarau (KSA) am Mittwochabend, um den gemeinsamen Einsatz bei Chemieunfällen zu proben.

Rund 220 Personen wohnen der Grossübung bei, darunter zahlreiche Mitglieder der Feuerwehren Küttigen und Erlinsbach, die auch die Statisten für die Opfer des Chemieunfalls stellen. Innerhalb von 30 Minuten ab Meldungseingang bauten die Helfer eine Dekontaminationsstrasse auf.

«Duschen, duschen, duschen!»: Filmreife Dekontaminations-Übung der Rettungskräfte in Aarau

«Duschen, duschen, duschen!»: die Filmreife Übung im Video.

Es sei es durchaus möglich, dass im Einzugsgebiet des Kantonsspitals Aarau ein Chemieunfall passieren könne, sagt Ulrich Bürgi, Chefarzt des Zentrums für Notfallmedizin. Deshalb wird diese Übung einmal im Jahr durchgeführt: «Wir haben grossen Respekt vor einem Chemieunfall. Bis jetzt wurden wir verschont. Der Bahnhof Aarau ist aber ein Durchgangsort für eine Million Tonnen chemische Substanzen pro Jahr.»

Verwirrte und Verletzte Patienten treffen im Spital ein

Die stöhnenden Patienten trudeln gestaffelt ein, ihre Läsionen – Verätzungen, Schnittwunden und offene Brüche – sehen täuschend echt aus. Die Wunden wurden von einem fünfköpfigen Team präpariert. «Ich war vor ihm da, wieso helft ihr mir nicht?», schreit ein Figurant, bevor er ins Dekontaminationszelt eintritt. Die meisten bleiben in der Rolle, ohne zu schmunzeln.

Im ersten Zelt werden die Patienten – in diesem Fall bis auf die Unterwäsche – ausgezogen. Männer in gelben Sicherheitsanzügen schleusen die Opfer des Chemieunfalls durch die erste Dusche. «Die Kleider sind voller toxischer Substanzen. Die müssen möglichst rasch weg», erklärt Ulrich Bürgi, der die Übung gemeinsam mit Roland Joho, Kommandant Betriebsfeuerwehr KSA, leitet.

«Im ersten Zelt findet die Grobdekontamination statt, im zweiten die Feinsäuberung, wo man sämtliche Rückstände des Giftes an verdeckten Stellen wie Ohren, Nase, Achselhöhlen, Haaren und so weiter aufwendig entfernt», so Bürgi. Das sei auch wichtig, damit das Gift nicht weiter in den Körper eindringe.

«Können Sie laufen?», wird ein verletzter Mann von einem Feuerwehrmann gefragt. Ein Rollstuhl steht bereit. Nach der Feinsäuberung werden die Patienten in die Notaufnahme begleitet. Für die Übung wird die echte Notaufnahme des KSA benutzt, der Spitalbetrieb läuft parallel dazu ungestört weiter.

«Es ist das höchste Gebot, dass keine kontaminierten Personen ins Spital reinkommen», sagt Bürgi. «Sonst würden sie das ganze Spital kontaminieren. Das heisst, Mitarbeitende und Patienten kämen in Kontakt und die giftige Substanz würde im ganzen Gebäude verteilt.»

Patienten werden nach Dringlichkeit farblich codiert

Im Gang der Notaufnahme steht eine Tafel, auf der die Opfer des Chemieunfalls erfasst werden. Hier wird die Triage gemacht. Patientinnen und Patienten werden nach Schwere ihrer Verletzungen und ihres Zustands farblich codiert und nach entsprechender Dringlichkeit behandelt. «Die, die giftige Dämpfe inhaliert haben, Atemnot und Kreislaufprobleme sowie Verletzungen und grosse Wunden aufweisen, kommen als Erste dran», sagt Bürgi.

«Wo ist mein Mann? Ist er auch hier angekommen?», fragt eine der Figurantinnen. Sie spielt eine verwirrte Patientin. Eine Mitarbeiterin der Notaufnahme füllt einen Zettel aus und vergibt der Patientin eine Nummer, die sie ihr mit schwarzen Filzstift auch auf die Hand schreibt.

Grossereignisse verliefen anfänglich immer chaotisch, sagt Bürgi. Im Spital sei der Erstkontakt mit vielen Patienten eines Grossereignisses ein Knackpunkt. «Dieses Patientenleitsystem hilft, die Patientenaufnahme zu strukturieren, und gibt den Schwerverletzten die grösstmögliche Chance zum Überleben.» Wichtig sei auch, dass die grosse Anzahl von Namen, Blutresultaten und Röntgenbildern nicht verwechselt würden.

Für einen Chemieunfall vorbereitet zu sein, sei für das KSA wichtiger, als für einen Unfall im Atomkraftwerk zu trainieren, sagt Bürgi: «Ich habe vor einem Unfall im AKW Gösgen auch Respekt, aber ein solcher wird geregelt ablaufen, weil das Betriebspersonal auf Störfälle trainiert ist. Ein Atomkraftwerk explodiert nicht innerhalb von Minuten.»

In einem solchen Fall könne sich das KSA noch vorbereiten. «Wenn aber ein Güterzug mit Tausenden von Litern Säure im Bahnhof Aarau brennt und Hunderte Personen mit der Substanz in Kontakt kommen, ist es für uns ein GAU», so Bürgi. Dann wären viel mehr Patienten schnell im KSA als bei einem AKW-Unfall. «Deshalb trainieren wir dieses Szenario.»

Nach eineinhalb Stunden ist die Übung vorbei. Diese war ein Erfolg, wie Bürgi sagt: «Es hat sich im Notfallzentrum gezeigt, dass die Aufnahmeprozesse auch bei 33 Patienten in 40 Minuten funktionieren.»

Meistgesehen

Artboard 1