Wahlen

Der Aargau im Nationalrat: Weiblicher, jünger und politisch stärker eingemittet

Nach dem Rechtsrutsch 2015 schlägt das Pendel bei den Nationalratswahlen auf die andere Seite aus: SVP und FDP verlieren Wähleranteile und je einen Sitz, die SP holt ihr drittes Mandat zurück. Grüne und GLP legen wählermässig stark zu, gewinnen aber keine zusätzlichen Sitze. Diese gehen an die CVP, die von einer Listenverbindung profitiert, und an die EVP, welche die BDP überholt.

Die Aargauer Delegation im Nationalrat ist jünger, weiblicher und politisch stärker eingemittet als bisher. Vor vier Jahren lag der Altersschnitt der 16 Mitgliedern der grossen Parlamentskammer bei 53 Jahren und 7 Monaten, nun sind es 49 Jahre und 3 Monate. Hauptgrund dafür ist der Generationenwechsel bei der SVP: Nicht mehr im Nationalrat vertreten sind Maximilian Reimann (77-jährig, Abwahl), Luzi Stamm (67, Abwahl), Ueli Giezendanner (65, Rücktritt) und Sylvia Flückiger (67, Rücktritt).

Ersetzt werden die langjährigen Parlamentarier durch Benjamin Giezendanner (37), Martina Bircher (35) und Jean-Pierre Gallati (53). Den vierten frei werdenden Sitz konnte die SVP nicht verteidigen, obwohl ihr Parteisekretär Pascal Furer am Mittag optimistisch war: «Wir werden die Wahlen klar gewinnen und unsere sieben Sitze halten», sagte er im AZ-Videointerview. Rund fünf Stunden später war klar: Die SVP büsste beim Wähleranteil 6,5 Prozentpunkte ein und verlor ein Mandat. «Das tut weh, wir sind enttäuscht», sagte Parteipräsident Thomas Burgherr.

"Das tut weh"

Thomas Burgherr über den happigen Wählerverlust der SVP: «Das tut weh.»

  

Zu den Verlierern gehört auch die FDP, der es nicht gelang, den Sitz der zurücktretenden Corina Eichenberger zu verteidigen. Bestätigt wurden nur die bisherigen Thierry Burkart und Matthias Jauslin, mit einem Minus von 1,6 Prozent beim Wähleranteil ging der dritte Sitz verloren.

«Vor vier Jahren haben wir aufgrund der Listen verbindung mit der CVP ein Mandat gewonnen, jetzt ging es wohl wieder zurück», sagte FDP-Präsident Lukas Pfisterer. Ob die Klimadebatte und die Schwenker der Freisinnigen dabei eine Rolle gespielt hätten, liess Pfisterer offen. «Klar ist aber, dass unsere Themen, wie Wirtschaft und Europa, in diesem Wahlkampf praktisch keine Rolle gespielt haben», erklärte er.

Marianne Binder: «Es war ein gemeinsames Engagement»

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Die Präsidentin der CVP Aargau, Marianne Binder, darf sich gleich doppelt freuen: Die CVP Aargau gewinnt einen zweiten Sitz und sie selbst wurde gewählt.

Suter, Binder, Studer: Drei Frauen neu gewählt

Weiblicher ist die neue Aargauer Delegation im Nationalrat aufgrund der Resultate im Mitte-Links-Lager: Mit Gabriela Suter (SP), Marianne Binder (CVP) und Lilian Studer (EVP) wurden gleich drei Frauen neu ins Parlament gewählt. Bei allen drei sind die Umstände, die zur Wahl geführt haben, ziemlich aussergewöhnlich. Die SP gewann beim Wähleranteil nur 0,4 Prozentpunkte dazu, holte aber trotzdem den dritten Sitz zurück, den sie vor vier Jahren verloren hatte.

Ausschlaggebend dafür war das starke Plus der Grünen, die mit der SP eine Listenverbindung eingegangen waren und die nötigen Wählerprozente für den Sitzgewinn lieferten. «Die SP hat im Aargau, im Vergleich zu anderen Kantonen, stark mobilisiert und sehr gut abgeschnitten», sagte Suter. Ihre Partei arbeite seit vielen Jahren gut mit den Grünen zusammen, dass der zusätzliche Sitz im linken Lager nun an die SP gehe, sei aufgrund der Konstellation zu erwarten gewesen.

Grünen-Präsident Daniel Hölzle sagte schon vor dem Mittag, bevor die ersten Resultate eintrafen: «Ich gehe davon aus, dass wir beim Wähleranteil zulegen werden, für einen zweiten Sitz dürfte es aber kaum reichen.» Hölzle und Suter bedauerten beide, dass sich die Grünliberalen nicht für eine Klimaallianz mit SP und Grünen, sondern für eine Listenverbindung mit der CVP entschieden hatten. Dies führte dazu, dass die CVP, die zuletzt im Aargau im Niedergang war, erstmals wieder zu den Siegern gehörte.

«Ich danke der GLP, dass sie mit uns eine Listenverbindung eingegangen ist», sagte CVP-Präsidentin Marianne Binder. Die Grünliberalen trugen mit ihrem Plus von 3,3 Prozent beim Wähleranteil ihren Teil zum Sitzgewinn der CVP bei. Doch auch Binders Partei, die mit neun Listen und 144 Kandidierenden angetreten war, legte selber um 1,3 Prozentpunkte zu: «Wir haben unsere Basis mobilisiert und gezeigt, dass die CVP im Aargau lebt und kämpft», freute sich Binder.

Infogram: Nationalratswahlen AG

Frauenanteil im Nationalrat könnte noch weiter steigen

Die Rechnung der GLP ging indes nicht auf: Die Grünliberalen hatten gehofft, die CVP beim Wähleranteil zu überholen und einen zweiten Sitz zu gewinnen. Dieser wäre an Grossrätin Barbara Portmann gegangen, die trotzdem nicht von einer falschen Strategie sprechen wollte. «Bei einer Klimaallianz wäre der zusätzliche Sitz an die Grünen gegangen, nicht an uns», gab sie zu bedenken.

Lilian Studer: «Das wird nicht mein Markenzeichen»

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Lilian Studer wird für die EVP in den Nationalrat gewählt. Damit tritt sie in die politischen Fussstapfen ihres Vaters. Modetechnisch bleibt sie allerdings lieber bei ihrem eigenen Stil.

Richtig spekuliert hat die EVP, die mit Lilian Studer nach zwölf Jahren wieder eine Nationalrätin stellt. Damals war ihr Vater Heiner Studer abgewählt worden, nun profitierte seine Tochter davon, dass BDP-Nationalrat Bernhard Guhl dasselbe widerfuhr. «Ich freue mich riesig über die Wahl, den Support, den ich erhalten habe, und das Plus beim Wähleranteil», sagte Studer. Die EVP legte um 0,3 Prozentpunkte zu und überholte Listenpartnerin BDP, die noch auf einen Wähleranteil von gut 3 Prozent kam.

Die EVP ist neu für den Aargau im Nationalrat – für Lilian Studer gab es von den Parteikollegen im Bullingerhaus in Aarau Standing Ovations

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Bernhard Guhl, der nach acht Jahren seinen Platz in Bern räumen muss, hat nicht mit seiner Abwahl gerechnet. «Ich war immer optimistisch und habe mich voll eingesetzt, um den Sitz zu verteidigen», sagte er. 

Bernhard Guhl (BDP) abgewählt: «Damit haben wir nicht gerechnet»

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Je nach Ausgang des zweiten Wahlgangs für den Regierungs- und Ständerat, könnte der Frauenanteil im Nationalrat weiter steigen: Bei der FDP steht Maja Riniker auf dem ersten Ersatzplatz, sie könnte von einer Wahl von Thierry Burkart in den Ständerat profitieren. Bei der SVP wartet Stefanie Heimgartner, die bei einer Wahl von Hansjörg Knecht in den Ständerat, oder Jean-Pierre Gallati in den Regierungsrat profitieren würden. Bei der SP sind es Simona Brizzi, die nachrücken würde, wenn Cédric Wermuth Ständerat, oder Yvonne Feri Regierungsrätin wird.

Diese 16 hat der Aargau in den Nationalrat gewählt:

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