Ehe für alle

Der Aargauer Kirchenrat unterstützt die Homo-Ehe einstimmig — ausgerechnet Zürcher Pfarrer protestieren

Der Kirchenrat der Kirchenrat der Reformierten Landeskirche Aargau ist einstimmig für die “Ehe für alle". (Symbolbild)

Der Kirchenrat der Kirchenrat der Reformierten Landeskirche Aargau ist einstimmig für die “Ehe für alle". (Symbolbild)

Die «Ehe für alle» spaltet die Reformierten. Kurz vor der Abstimmung im Kirchenbund formiert sich Widerstand. Auch einige Aargauer Pfarrer sind dagegen — nicht so aber der Kirchenrat: «Die Zeit ist reif, die Ehe auch gleichgeschlechtlichen Paaren zugänglich zu machen.»

Bis anhin gehörte die Kirche stets zu den grössten Gegnern der «Ehe für alle». Seit jeher definierten die Gläubigen die Ehe als Bund zwischen Mann und Frau. Begründet wurde diese Argumentation stets basierend auf der klaren Interpretation der Bibel.

Aber auch die Kirche unterliegt dem Wandel der Zeit: Mittlerweile hat sie sich geöffnet, der Mensch steht im Vordergrund, nicht mehr länger nur das geschriebene Wort. Vielerorts wird die Ehe auch für gleichgeschlechtliche Paare unterstützt. Erst vor drei Tagen trat in Nordirland ein entsprechender Beschluss in Kraft, der Homo-Ehen erlaubt.

Auch in der Schweiz erhalten Homosexuelle Zuspruch von Gläubigen: so etwa vom Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK), Gottfried Locher. Er hatte sich im Sommer für die «Ehe für alle» ausgesprochen. Obwohl die Mehrheit der Reformierten laut Beobachtern zwar Lochers Meinung teilt, konnten sich die Abgeordneten der Kantonalkirchen bisher aber nicht auf eine gemeinsame Position einigen. Das will die Abgeordnetenversammlung am 4. November nachholen.

Erklärung gegen die «Ehe für alle»

Kurz vor der Abstimmung formiert sich nun aber Widerstand: Rund 60 reformierte Pfarrer und Theologen haben diese Woche in Zürich eine Erklärung gegen die «Ehe für alle» verabschiedet. Ausgerechnet in dem Kanton, der die erste eingetragene Partnerschaft zwischen gleichgeschlechtlichen Paaren registrieren liess.

Auch im Welschland ging ein ähnliches Manifest mit diversen Unterschriften ein. Die Unterzeichnenden werden sich weigern, homosexuellen Paaren den Ehesegen zuzusprechen. Unter den Gegnern befinden sich auch einige Aargauer. Sie positionieren sich damit entgegen der Meinung ihres Oberhaupts.

Der siebenköpfige Kirchenrat der Reformierten Landeskirche Aargau teilte nämlich vor rund einem Monat mit, die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare auf zivilrechtlicher Ebene zu befürworten. «Die Diskussionen zu diesem Thema waren zwar innerhalb des Kirchenrates rege, aber einstimmig», sagt Kirchenratspräsident Christoph Weber-Berg. Er selbst stehe zu 100 Prozent hinter dieser Entscheidung.

Bibel in den Kontext der heutigen Zeit setzen

«Wir vertreten eine Auslegung der Bibel im historisch-kritischen Kontext», sagt Weber-Berg. Die Bibel wird nicht Wort für Wort interpretiert, sondern die Abschnitte werden in der heutigen Zeit gedeutet. «Wir erachten die Liebe als Geschenk Gottes», sagt Weber-Berg. «Wenn zwei Menschen ihr Leben miteinander teilen und Verantwortung dafür tragen wollen, ist das ein Grund, dankbar zu sein und um Gottes Segen zu bitten.»

Für den Präsidenten sei Homosexualität weder eine Krankheit noch gegen den Willen Gottes. «Die sexuelle Orientierung kann sich schliesslich kein Mensch aussuchen.» Zudem habe die Verurteilung homosexueller Menschen aufgrund einer heute überholten Moral während Jahrhunderten sehr viel Leid und von den Kirchen mitverantwortetes Unrecht verursacht. «Deshalb ist die Zeit nun reif, die Ehe auch gleichgeschlechtlichen Paaren zugänglich zu machen.»

Viele Reaktionen auf öffentliche Stellungnahme

Dass der Kirchenrat diese Meinung vertritt, passt nicht allen in der Kirche: «Auf unser öffentliches Statement haben wir zahlreiche Reaktionen erhalten», sagt Weber-Berg. «Positive wie auch negative.» Er schätze den Dialog, der daraus entstanden ist. «Viele der Gegner sind nah am einzelnen Wort der Bibel», begründet er den Widerstand. Deshalb widersprechen sie dem Kirchenrat. «Unserer Meinung nach reichen aber die Argumente der Bibeltreue nicht, um die heutigen Fragen abschliessend zu beantworten.»

Viele der Reaktionen wenden sich auch gegen die Haltung des Kirchenrats: «Einige vertreten die Meinung, wir hätten uns nicht öffentlich äussern dürfen, ohne vorab alle Positionen innerhalb der Kirche einzuholen», sagt Weber-Berg. Der Kirchenrat habe sich bei seiner Stellungnahme auch auf die Empfehlung des SEK gestützt, der die «Ehe für alle» befürworte. Die öffentliche Mitteilung hält der Präsident deswegen für vertretbar.

Wenn ein einzelner Pfarrer die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare aber nicht mit seinem Glauben vereinbaren könne, habe das für ihn keine Konsequenzen. «Die Kirche toleriert in dieser Frage unterschiedliche Haltungen», sagt Weber-Berg. Das werde auch in Zukunft so bleiben, sollte die «Ehe für Alle» gesetzlich verankert werden. «Schliesslich müssen wir nicht alle derselben Meinung sein.»

Das Wichtigste zur «Ehe für alle» in Kürze

  • Seit dem 1. Januar 2007 gibt es für gleichgeschlechtliche Paare die Möglichkeit der eingetragenen Partnerschaft. Diese ist aber nicht mit denselben Rechten und Pflichten verbunden wie eine Ehe. Unterschiede gibt es beispielsweise bei den Einbürgerungsvoraussetzungen. Zudem besteht in eingetragenen Partnerschaften kein Recht auf die gemeinschaftliche Adoption von Kindern.
  • Eingereicht wurde die Initative «Ehe für alle» im Dezember 2013 von der Grünliberalen Fraktion. Sie fordert, alle rechtlich geregelten Lebensgemeinschaften für alle Paare zu öffnen, ungeachtet ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung. Auch gleichgeschlechtliche Paare sollten heiraten können, und ungleichgeschlechtliche Paare sollten eine eingetragene Partnerschaft begründen können.
  • Noch ist die Initiative im Parlament nicht behandelt. In diesem Sommer entschied der Nationalrat über eine Fristverlängerung bis zur Sommersession 2021. Grund dafür ist vor allem die gesetzliche Anpassung im Adoptionsrecht und in der Fortpflanzungsmedizin. Weil es zudem um eine Verfassungsänderung geht, wird das Stimmvolk das letzte Wort haben. Laut repräsentativen Umfragen befürwortet eine klare Mehrheit der Bevölkerung die «Ehe für alle».
  • Gleichgeschlechtliche Paare haben bislang keinen Zugang zur Fortpflanzungsmedizin. Es steht jedoch zur Diskussion, mit einer Änderung des Zivilgesetzbuches die Samenspende auch miteinander verheirateten Frauen zu ermöglichen. Die Gegnerinnen und Gegner argumentieren, dies würde zu einer Ungleichbehandlung zwischen lesbischen und schwulen Ehepaaren führen, da Eizellenspende und Leihmutterschaft verboten blieben. Eine Umfrage der AZ im März 2019 zeigt, dass die Mehrheit der Leser für einen Zugang zur Fortpflanzungsmedizin für homosexuelle Paare sind.
  • Derzeit erlauben weltweit 28 Länder gleichgeschlechtlichen Paaren die Eheschliessung: Argentinien, Australien, Belgien, Brasilien, Costa Rica, Dänemark, Deutschland, Ecuador, Finnland, Frankreich, Irland, Island, Kanada, Kolumbien, Luxemburg, Malta, Neuseeland, Niederlande, Norwegen, Österreich, Portugal, Schweden, Spanien, Südafrika, Taiwan, Vereinigte Staaten, Uruguay und Vereinigtes Königreich.

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