Berufswahl

Der Lehrlingslohn sollte nicht entscheidend sein – trotzdem eine Rangliste

Warum ein Maurer-Stift mehr verdient als ein KV-Lehrling – und wie Firmen mit höheren Löhnen um Lernende werben.

Tausende Aargauer Jugendliche beschäftigen sich zurzeit mit der Berufswahl, über 200 Berufe stehen zur Auswahl. Spielt die Höhe des Lehrlingslohnes bei der Entscheidung für oder gegen einen Beruf eine Rolle? «Natürlich interessiert es die Jugendlichen, wie viel sie während der Berufslehre verdienen.

Aber die Höhe des Lehrlingslohns ist kaum ein entscheidendes Kriterium für die Wahl des Berufes», sagt Susanna Häberlin, Leiterin Kommunikation bei ask!, dem Beratungsdienst für Ausbildung und Berufe des Kantons. Roni Brunner, Koordinator Nachwuchsförderung beim Baumeister-Verband Aargau, sagt hingegen, die täglich rund 500 bis 700 Schüler am Stand an der Berufsschau würden durchaus danach fragen, wie hoch der Lehrlingslohn auf dem Bau sei.

Grosse Unterschiede

Ein Blick auf die Tabelle der Lehrlingslöhne (siehe unten) macht deutlich: Die Löhne unterscheiden sich je nach Branche recht deutlich. Die Dentalassistentin beginnt mit 550 Franken pro Monat, der Kochlehrling bereits mit 1020 Franken. Lohnunterschiede hängen nicht nur von Beruf und Branche ab, es gibt weitere Faktoren, die mitwirken. Einer davon ist die Betriebsgrösse.

Im Durchschnitt verdienen Lehrlinge in KMU’ weniger als in Grossbetrieben; kunsthandwerkliche Nischenberufe wie Goldschmied oder Keramikerin werden schlecht entlöhnt: Die Keramikerin erhält im 4. Lehrjahr nur gerade 650 Franken, der Goldschmied 800. Zum Vergleich: Der Maurerlehrling kassiert im 3. Lehrjahr mit 1750 Franken schon mehr als doppelt so viel.

Susanna Häberlin liefert eine weitere Erklärung für die Lohnunterschiede: «In Berufen, in denen die Arbeit der Lernenden dem Kunden verrechnet werden kann, sind die Löhne im dritten Lehrjahr höher.» Zudem versuchen einzelne Verbände, mit höheren Lehrlingslöhnen weniger begehrte Berufe attraktiver zu machen. Funktioniert das? «Ich glaube nicht, dass weniger gefragte Berufe bloss durch einen besseren Lehrlingslohn attraktiver werden», sagt Häberlin.

Auf den ersten Blick mag erstaunen, dass spätere Hochlohnberufe nur durchschnittliche Lehrlingslöhne aufweisen. So gilt das KV als Basis für eine erfolgreiche Karriere in vielen Bereichen; der Lehrlingslohn aber übersteigt auch im dritten Lehrjahr die Tausendermarke nur knapp. Grund dafür ist, dass die Lehrbetriebe viel Zeit brauchen, um den Lernenden die notwendigen Kompetenzen zu vermitteln, die Lernenden kosten viel und bringen dem Unternehmen vorerst wenig.

Deshalb ist der Lehrlingslohn auch eher bescheiden. Auf das spätere Berufsleben bezogen, ist diese Einbusse während der Lehrzeit gut verkraftbar, denn die rund 12 000 Franken, die ein kaufmännischer Angestellter während der Lehrzeit weniger verdient als ein Restaurationsfachmann, hat er nach der Lehre aufgrund des in der Regel höheren Lohnes in kurzer Zeit wieder aufgeholt. Dieses Beispiel macht auch deutlich, dass es sehr kurzsichtig wäre, sich alleine aufgrund des Lehrlingslohnes für oder gegen eine Berufsausbildung zu entscheiden.

Kein Mindestlohn für Lernende

Die Höhe des Lehrlingslohnes hängt aber auch vom Arbeitsort ab. In den Städten werden höhere Saläre bezahlt als in ländlichen Gebieten. Schliesslich spielt auch die Konkurrenzsituation eine Rolle. Firmen, die im lokalen Arbeitsmarkt in Konkurrenz zu anderen Lehrbetrieben stehen, die Lernende für die gleichen Berufe suchen, versuchen in der Regel mit höheren Löhnen die Lernenden für sich zu gewinnen.

Grundsätzlich können die Lehrlingslöhne zwischen Betrieb und Lernenden ausgehandelt werden. Das Gesetz schreibt keine Mindestlöhne vor. Hingegen geben die Berufsverbände Empfehlungen ab, die von den Lehrbetrieben in der Regel auch berücksichtigt werden.
Sieht Susanna Häberlin bei den Löhnen für Lernende im Aargau Handlungsbedarf? «Meiner Meinung nach besteht bei den Löhnen in den Pflegeberufen schon noch etwas Luft nach oben. Bei den Lernenden könnte man ansetzen, aber vor allem dann auch bei den Löhnen für die ausgelernten Pflegerinnen und Pfleger», sagt Häberlin.

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Autor

Jörg Meier

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