Wer die Adresse gefunden hat, kann nicht mehr falsch gehen: In grossen Lettern steht der Name der Besucherin, die Renate Maag aus Oberrohrdorf für diese Nacht empfängt, auf einem Zettel an der Tür. Doch nicht alle kommen so weit: Ihre Besucher aus aller Welt, aus China, Indien oder Kanada, haben oft wenig Sinn für Schweizer Anschriften. «Zumeist schicke ich den Link für den Fahrplan der SBB und den Namen der Bushaltestelle, das hat sich als einfachste Lösung herausgestellt», erklärt Renate Maag lachend. Dort holt sie ihre Gäste ab.

Maag ist ein sogenannter «Superhost» bei Airbnb und vermietet regelmässig ein Zimmer mit Bad in ihrem Haus. «Superhost» wird nur, wer zahlreiche gute Bewertungen erhält. Renate Maag hat aktuell 115 Bewertungen und insgesamt 5 Sterne. Nur bei der Lage ist es ein halber Stern weniger, was aber immer noch sehr gut ist, bedenkt man ihren Wohnort: Oberrohrdorf. Doch warum kommen so viele Menschen zu ihr ins Dorf? Maag ist selbst überrascht, wie gut es läuft, und erklärt es so: «Wenn du von China aus nach einer Übernachtungsmöglichkeit suchst, ist Oberrohrdorf natürlich sehr nah bei Zürich und anderen Schweizer Grossstädten.»

Airbnb Oberrohrdorf – Was Renate bieten will und warum Bettina immer wieder kommt

Was Renate bieten will und warum Bettina immer wieder kommt.

Ansonsten schreibt sie es dem Umstand zu, dass sie ihr Haus auf Airbnb gut vermarktet. So erscheint als Hauptbild auf der Website die atemberaubende Aussicht auf das Reusstal, die man von ihrer Terrasse aus hat. Ihr Inserat trägt den Titel «Amazing view close to Baden» – fantastische Aussicht nah bei Baden. Zudem: «Ich bin einfach authentisch, ich glaube, das mögen die Menschen.»

Stammgäste, die wiederkommen

Das kann ihr aktueller Gast, Bettina Hofmann aus Braunschweig, nur bestätigen. Die pensionierte Lehrerin ist bereits zum zweiten Mal bei Renate Maag. Das erste Mal hatte sie sich auf der Hinreise ein Knöchelchen beim Ellbogen gebrochen und Maag fuhr sie nach Waldshut ins Spital. «Sie hat dort Stunden mit mir gewartet», erinnert sich Bettina dankbar. «Das war wirklich sehr gastfreundlich. Und der Ausblick hier ist einfach grossartig. Deshalb war für mich klar, dass ich wiederkomme.»

Die Deutsche ist 2011 in die Schweiz gezogen, um als Primarlehrerin, zuerst in Wettingen, dann in Fislisbach, zu arbeiten. Nach ihrer Pension musste sie aus finanziellen Gründen wieder in ihre Heimatstadt zurückkehren. «Trotzdem möchte ich meine alten Freunde weiterhin besuchen», erklärt sie den Grund, wieso sie bei Renate Maag gelandet ist, «und mit Airbnb habe ich einen günstigen Weg gefunden, mir das zu ermöglichen.»

Viele Geschichten zu erzählen

Renate Maag startete 2016 mit Airbnb, weil sie ihr Haus für sich alleine zu gross fand und Kontakt nach aussen suchte. Seither hat sie 156 Gäste begrüsst. Diese dürfen alles mit benutzen, Küche, Wohnzimmer und natürlich auch die Terrasse mit dem fantastischen Ausblick. Diesen Sommer ist sie bereits ausgebucht. Sie geht aber nicht weg und lässt die Gäste alleine, sondern bleibt hier: «So verstehe ich das Prinzip von Airbnb, die Menschen wollen doch etwas von unserer Kultur mitbekommen.» Trotzdem halte sie sich eher im Hintergrund: «Wer mich braucht, kann mich fragen, ansonsten lebe ich mein Leben weiter.»

Schlechte Erfahrungen hat sie noch keine gemacht, kann aber spezielle Geschichten erzählen. So wie die vom spanischen Professor, der sich erst wieder seiner Familie, die im Aargau wohnte, annähern musste und deshalb einige Tage bei Renate Maag verbrachte. Er hatte viel zu erzählen: «Das war dann doch etwas anstrengend, ich bin ja keine Therapeutin.»

Gastgeberin führte früher ein Pub in England

Trotz der vielen Buchungen sei Airbnb für sie ein Nullsummenspiel, sagt Maag, wenn sie putzen, waschen und die Stunden dazurechne, die sie aufwende, um Fragen zu beantworten. Das macht ihr aber nichts aus: «Dank Airbnb hat sich für mich eine völlig neue Welt aufgetan.» Und das passt zu ihr. Ihr Lebenslauf ist kein alltäglicher: War sie vor langer Zeit einmal Kindergärtnerin und Hortleiterin in Bern, so ging sie nach dem Tod ihres Lebenspartners nach England, genauer nach Oxford, wo sie ein Pub führte. «Als 2011 dann die Rezession kam, habe ich das Pub an die Brauerei zurückgegeben und mich mit anderen Jobs durchgeschlagen.»

2014 kehrte sie wegen eines Stellenangebots in die Schweiz zurück. Sie suchte sich ein bezahlbares Haus und wurde in Oberrohrdorf fündig: «Ich habe das Dorf vorher überhaupt nicht gekannt», sagt sie lachend. «Aber als ich dieses Haus besichtigte, und die speziellen Tapeten überall im Haus sah, musste ich lachen: Das ist einfach England pur, voll retro!» Sie fühlte sich wie zu Hause angekommen und griff zu. Und nun teilt sie ihr Zuhause mit der Welt.

Claudia Laube