Eigentlich dachte man, Krankheiten wie die Masern seien dank Impfung überwunden. Doch jüngst schreckten zwei Todesfälle auf. Auch im Aargau nimmt die Zahl der Fälle zu – wenn auch auf tiefem Niveau (vgl. Box). Doch die Krankheit ist wieder da. Das zeigen auch Daten des Bundesamtes für Gesundheit (BAG), die die «SonntagsZeitung» publizierte. Seit Jahresbeginn wurden schweizweit 168 Fälle registriert, allein im Aargau bis gestern 16 (die Krankheit ist meldepflichtig).

Die Weltgesundheitsorganisation WHO strebt eine Impfrate von 95 Prozent an. Ist sie erreicht, kann man eine Krankheit als besiegt betrachten. Die Schweiz liegt nur bei 92 Prozent – der Aargau allerdings steht gut da. Laut der stellvertretenden Kantonsärztin Silvia Dehler sind im Aargau 96 Prozent der 16-Jährigen mit zwei Dosen geimpft (sie haben also bereits den vollen Impfschutz). Eine Impfdosis haben gar schon 99 Prozent in dieser Altersgruppe. Diese Daten stammen allerdings von 2015. Sie werden nämlich nur alle drei bis vier Jahre erhoben. Derzeit findet gerade eine neue Bestandesaufnahme statt. Dehler erwartet wiederum gute Zahlen, und zwar «dank der guten Zusammenarbeit zwischen dem Impfdienst der Lungenliga, Schulärztinnen und Schulärzten sowie den Schulen».

Zutritt nur noch für Geimpfte?

Die hohe Durchimpfung dürfte massgeblich dazu beigetragen haben, dass es im Aargau in diesem Jahr bisher in keiner Schule zu einem Masernausbruch gekommen ist. Dem kantonsärztlichen Dienst wurden in den ersten Monaten dieses Jahres aber bereits 16 Fälle gemeldet. Einige Patienten mussten hospitalisiert werden. Dehler warnt, die Masern seien nicht einfach harmlos. Mehrere Komplikationen seien möglich: Es bestehe etwa auch die Gefahr einer Hirnhautentzündung.

Masern brechen im Aargau bei noch nicht geimpften Kleinkindern oder bei nicht geimpften jungen und älteren Erwachsenen aus. Dehler: «Hier rächt sich, dass die Impfbemühungen nicht immer so intensiv waren wie heute. Ich bezeichne diese Erwachsenen impfmässig als die vergessene Generation. Bei Erwachsenen kann die Krankheit zudem schwerwiegender verlaufen als bei einem Kind.»

Schutz auch für andere

Darum haben die praktizierenden Ärztinnen und Ärzte vom Kanton unlängst ein Schreiben bekommen. Sie werden gebeten, ihre Patienten anzusprechen, ob sie geimpft sind. Fürs Impfen sei es nämlich nie zu spät, so Dehler. Dabei geht es nicht nur um die Masern. Es gibt jeweils eine kombinierte Impfung auch gegen Mumps und Röteln. Geldmangel ist kein Grund, auf die Impfung zu verzichten. Sie ist eine Pflichtleistung der Krankenkasse.

Silvia Dehler empfiehlt eine Impfung unbedingt. Sie habe kaum Nebenwirkungen, sei aber auch ein Schutz für andere: «Wenn jemand mit Masern im Wartezimmer einer Arztpraxis sitzt und in Kontakt mit einem Schwerkranken kommt, kann das für diesen lebensgefährlich werden. Masern sind hochansteckend. Ich kenne eine Praxis, die ungeimpfte Personen nicht ins Wartezimmer lässt.»

Kontakt: 21 Tage ausser Gefecht

14 Masernfälle klingt nicht nach viel. Doch Dehler beobachtet auch im Aargau eine Zunahme. In den Vorjahren wurden nämlich je nur einzelne Fälle gemeldet. Wenn ein Fall bekannt wird, läuft zudem jeweils eine grosse Maschinerie an. Dann werden alle Menschen kontaktiert, die vier Tage vor Auftreten des roten Hautausschlags (ansteckend sind die Masern schon vier Tage davor) und bis vier Tage danach mit dem Patienten Kontakt hatten. Wer nicht geimpft ist und die Masern noch nicht durchgemacht hat, bekommt Zwangsurlaub. Kinder dürfen dann 21 Tage nicht zur Schule, Erwachsene so lange nicht zur Arbeit gehen, weil erst nach drei Wochen die Gefahr gebannt ist, andere anstecken zu können. Sie werden deshalb so lange offiziell krankgeschrieben.

Herauszufinden, wer betroffen sein könnte, erfordert bei den Behörden oft detektivischen Spürsinn. Etwa wenn ein Masernpatient eben erst mit dem Flugzeug in die Schweiz gekommen ist. Dann melden die Bundesbehörden jedem Kanton «seine» Mitreisenden jenes Fluges, die man finden, kontaktieren und gegebenenfalls unter Quarantäne stellen muss.

Das sagen Politiker und Ärzte:

«Nichtimpfen ist asozial»

Zahlen des Bundesamtes für Gesundheit (BAG), die kürzlich von der «SonntagsZeitung» publiziert wurden, zeigen eine Zunahme der Masernfälle. Darob alarmiert ist die Aargauer CVPNationalrätin und Gesundheitspolitikerin Ruth Humbel. Sie stört sich sehr daran, dass die Impfrate als Folge des Föderalismus sehr unterschiedlich ist: «In Genf und der Waadt sowie im Aargau ist diese Rate bei Jugendlichen erfreulich hoch, in der Inner- und Ostschweiz zu tief.» Es sei asozial und verantwortungslos, sich dieser Impfung zu entziehen, sagt Humbel: «Es kommt zunehmend vor, dass nicht geimpfte Touristen aus dem reichen Norden Menschen im armen Süden anstecken. Die haben dort aber nicht ein so gutes Gesundheitssystem wie wir.»

Gar kein Verständnis hat Humbel deshalb auch, dass kürzlich ein Zivilkreisgericht in Baselland im Streit zwischen getrennt lebenden Eltern (Vater wollte die Kinder impfen lassen, Mutter nicht) der Mutter recht gab. Humbel: «Dass das Gericht hier die Freiheit, nicht zu impfen, höher gewichtet als den Schutz des Kindes und der Menschen, die es anstecken könnte, falls es krank wird, kann ich nicht nachvollziehen.» Sie fordert, bei den Impfplänen der Kantone verbindlicher zu werden: «Wenn es nicht anders geht, müsste man als äusserste Massnahme einen Impfzwang mit Bussen beschliessen.»

Der Hausarzt und grüne Grossrat Severin Lüscher relativiert die bereits erwähnte Statistik, die besagt, wie viele Fälle es in den Bezirken pro 10 000 Einwohner gab: «Eine Person kann viele Ungeimpfte anstecken, eben weil die Masern hochansteckend sind. Das kann mitunter die Zahlen in einem kleinen Gebiet enorm hochtreiben. Deshalb enthalten diese Daten des BAG auch Streueffekte.» Impfgegner oder -verweigerer will Lüscher nicht einfach an religiösem Fundamentalismus festmachen: «Das geht quer durch die Gesellschaft, und es geht nicht nur um Masern, die im Übrigen unterschätzt werden.» Der Disput erfüllt ihn mit Sorge. Er half einst in den peruanischen Anden bei Impfkampagnen mit: «Die Menschen dort warteten jeweils auf uns und waren rührend dankbar, weil sie nur zu gut wissen, was solche Krankheiten anrichten können. Wer hierzulande das Impfen ablehnt, kultiviert deshalb meines Erachtens ein Luxusproblem.»

Wenn ein Patient oder eine Patientin ihn fragt, empfiehlt Lüscher das Impfen. Er lobt die Aargauische Lungenliga, die in den Schulen sehr aktiv ist, die einst auch wesentlich zum Sieg über die Tuberkulose beitrug. Lüscher: «Die Lungenliga macht den Kindern beziehungsweise ihren Eltern im Verlauf ihrer Schulzeit drei- bis viermal ein Angebot, sie zu impfen. Auch wenn Eltern ablehnen, werden sie einige Jahre später nochmals gefragt. Das finde ich gut.» Hausarzt Lüscher hofft sogar, dass skeptische Eltern ihre Meinung revidieren: «Es geht nicht ‹nur› um das eigene Kind. Weil Masern hochansteckend sind, ist es auch ein Akt der Solidarität und der gegenseitigen Rücksichtnahme, sich impfen zu lassen.»

Auch dank der Lungenliga hat der Aargau eine hohe Impfquote. Lüscher hält aber nichts davon, aufgrund zweier Masern-Todesopfer sofort nach Impfzwang und Bussen zu rufen: «Die Tuberkulose haben wir seinerzeit ohne Zwang, mit konsequenten Massnahmen besiegt. Das muss auch bei den Masern gelingen, die leider von vielen unterschätzt werden. Deren Folgen können gerade in Ländern mit unzureichender medizinischer Versorgung – wo auch Schweizer Touristen unterwegs sind – viel fataler sein, als sich manche vorstellen können. Deshalb müssen wir die Menschen unermüdlich informieren und ihr Bewusstsein schärfen.