Verkehrsdelikte

Die Aargauer Kantonspolizei kämpft gegen Raser – auch in sozialen Medien

Michael Schibler, Dienstchef Verkehr und Umwelt, und Ruedi Scherer, Abteilungschef Mobile Polizei, begutachten ein Video eines Schnellfahrers.

Michael Schibler, Dienstchef Verkehr und Umwelt, und Ruedi Scherer, Abteilungschef Mobile Polizei, begutachten ein Video eines Schnellfahrers.

Die Kapo Aargau verstärkt ihre Massnahmen gegen junge Schnellfahrer. Fällt jemand wegen eines Raserdeliktes auf, nimmt die Polizei das Handy des Betroffenen sowie die Whatsapp-Verläufe genauer unter die Lupe. Nicht selten finden sich dort Hinweise auf weitere Raser.

Zwei Sportwagen fahren nebeneinander auf der Autobahn. In einem Tunnel leuchten plötzlich die Bremslichter. Die beiden Freunde halten nebeneinander mitten im Tunnel an. Der Fahrer des Autos auf der Überholspur hält die Szene mit seinem Handy fest. Der Fahrer auf der rechten Spur beschleunigt und rast mit quietschenden Reifen und röhrendem Motor davon. Dies ist keine Szene aus einem Videospiel oder einem Film, sondern genauso auf einer Autobahn in der Schweiz passiert.

Ein junger Mann war im Kanton Aargau bei einer Geschwindigkeitskontrolle aufgefallen, auf seinem Mobiltelefon hatten er und seine Freunde die ­Videos ausgetauscht, bei denen sie ihre Taten dokumentierten. «Das ist nur eines von über 100 Raservideos, die wir auf dem sichergestellten Handy gefunden haben», sagt Ruedi Scherer, Abteilungschef der Mobilen Polizei.

«Bei testosterongesteuerten Männern gehört das Posing dazu»

Seit Anfang Jahr betreibt die Kantonspolizei Aargau eine Fachstelle für besondere Ermittlungen, die genau solche digitale Daten zu Raserdelikten sicherstellt und die Bearbeitung koordiniert. Neben klassischen Geschwindigkeits- und Lärmkontrollen kann die Kantonspolizei auf diese Weise neu auch in den sozialen und privaten Raum eines Rasers eintauchen. «Bei diesen testosterongesteuerten jungen Männern gehört das Posing dazu. Sie haben nicht nur Freude daran, zu schnell und zu laut in der Gegend herumzufahren, sie wollen das auch zeigen. Sie wollen das verbreiten», sagt Polizist Ruedi Scherer.

Genau dort setzt die Kantonspolizei jetzt an, wie Scherer erklärt: «Wenn jemand eine massive Geschwindigkeitsübertretung begeht und die Person in die Zielgruppe hineinpasst, wollen wir sie genau überprüfen. Die Zulassung als Fahrzeuglenker bedingt ja auch einer charakterlichen Eignung.»

Die Kantonspolizei wertet die digitalen Fahrzeugdaten, die Handydaten oder, wenn sich der Verdacht erhärtet, auch Computerdaten aus, auf die man bei einer allfälligen Hausdurchsuchung zugreifen könnte. Die Zielgruppe, wie die Raser und Poser zusammenfassend genannt werden, seien in der Regel autoaffine, 18- bis 25-jährige Männer mit hochpotenten Sportwagen.

Raser tauschen ihre Videos in geschlossenen Gruppen aus

Ein Monitoring, bei dem Polizisten auf sozialen Netzwerken surfen und nach Raservideos suchen, sei im Moment noch nicht vorgesehen, sagt Michael Schibler, Dienstchef Verkehr und Umwelt. Der Zugang über die Handydaten sei effizienter. Ausserdem seien die Raser, die die Videos ihrer wilden Fahrten untereinander austauschen, vorsichtig: «Sie sind nicht dumm. Sie stellen ihre Videos nicht einfach auf Facebook. Das Video aus dem Tunnel stammt aus einer geschlossenen Whatsapp-Gruppe.» Für die Polizei sei es über die Gerätesicherstellung erst möglich, in eine solche Gruppe einzudringen: «Dann haben wir den Verlauf und können die Leute identifizieren.» Um einen Fall beweiskräftig belegen zu können müssten Ort, Zeit und die verantwortliche Person definiert werden.

Ziel dieser Massnahme sei es nicht, möglichst viele dieser jungen Männer – Frauen sind nur wenige betroffen – zu erwischen und zu sanktionieren, sondern Unfälle zu verhindern und eine langfristige Verhaltensänderung herbeizuführen. «Ein gewisser Anteil dieser Fahrer ist völlig in einer jugendlichen Welt eingeschlossen», sagt Michael Schibler, «Sie erkennen die Gefährlichkeit ihres Tuns nicht.» Den jungen Rasern fehle oft das Bewusstsein für das Ausmass des Deliktes: «Sie wissen nicht, was der Raserartikel bedeutet. Das ist ein Verbrechen und wird mit Gefängnis bedroht. Das ist kein Lausbubenstreich», sagt Ruedi Scherer. Ziel der verstärkten Massnahmen sei es auch, die jungen Lenker darauf zu sensibilisieren, dass ihr Verhalten geahndet wird: «Wir wollen ihnen zeigen, dass wir bereit sind und dass es nicht gut kommt, wenn sie nicht damit aufhören.»

Die Unfälle im Kanton Aargau, bei denen Junglenker mit stark motorisierten Fahrzeugen verunfallen, machen in der Statistik zwar nur einen kleinen Teil aus. «Die meisten Unfälle, die in jungem Alter verursacht werden, sind nicht typische Raserunfälle», sagt Ruedi Scherer. Davon gebe es im Aargau jedes Jahr nur zirka 20 bis 30. Aber es seien die gefährlichsten: «Sie erfolgen immer mit hohen Geschwindigkeiten. Ein besonderes Risiko besteht dann, wenn es zu einer Kollision mit unschuldigen Dritten kommt.» Erst im Oktober kam in Dietikon ein 20-Jähriger am Steuer eines ausgeliehenen BMWs auf die Gegenfahrbahn und prallte mit dem 600 PS-starken Wagen in ein korrekt fahrendes Auto. Die Insassen – eine 42-Jährige und ihre vierjährige Tochter – schwebten danach in Lebensgefahr.

Autofahrer, die mit 140 km/h in ein Dorf rasen, seien eine latente Gefahr: «Ihr Verhalten ist dauerhaft so risikobehaftet, dass etwas ganz Schlimmes passieren kann. Deshalb ist es für uns wichtig, dort einzugreifen», sagt Ruedi Scherer. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis etwas schiefgeht: «Das Fatale ist, es geht um ein fortgesetztes, serienmässiges Handeln. Keine Einmaligkeit.»

Im Vergleich zu früher seien die Möglichkeiten für Junglenker dramatisch anders, erläutert Scherer: «Testosterongetriebene junge Männer gab es früher auch schon. Aber heute haben sie die Möglichkeiten der Fremdfinanzierung. Man muss das Auto nicht mehr bezahlen. Man kann es leasen oder mieten.» Das ist der Polizei ein Dorn im Auge. «Heute kann man mit 18 Jahren einen Lamborghini mit 700 PS mieten. Die jungen Männer sitzen in das Auto, drücken den Sportmodus und diese Fahrzeuge sind dann nicht mehr beherrschbar für jemanden, der keine Rennfahrerausbildung hat.»

Polizei fordert Einführung einer Leistungsbeschränkung

Der ganz grosse Teil der Autos, mit denen junge Lenker mit übersetzter Geschwindigkeit verunfallen, sei geleast. Die Möglichkeit, sich in so jungem und unerfahrenem Alter hinter ein Steuer eines stark motorisierten Sportwagens zu setzen, sei ein grosses Problem. Deshalb plädieren Ruedi Scherer und Michael Schibler auf die Einführung einer Leistungsbeschränkung für Junglenker zwischen 18 und 25 Jahren, genau wie bei den Motorrädern: «Es kann nicht sein, dass jemand mit so einem «Geschoss» fahren lernt. Früher gab es die Möglichkeit, in den Besitz eines solchen Fahrzeugs zu kommen, nicht. Das hat sich massiv verändert», sagt Scherer.

Diese Situation sei grundlegend falsch und es sei an der Zeit, dass dieses Anliegen in der Politik und im Bundeshaus Anklang findet: «Es gibt einen deutlichen Handlungsbedarf», sagt Scherer.

Nebst der Datenauswertung auf den beschlagnahmten Mobiltelefonen setzt die Kantonspolizei Aargau auch auf der Strasse auf mehr Präsenz bei den Zielgruppen. An Hotspots wie Waschanlagen und Tankstellenshops sprechen sie die jungen Männer mit Sportwagen direkt an, machen Personen- und Ausweiskontrollen: «Das Ziel dabei ist es, diese Personen aus der Anonymität herauszunehmen. Das hat eine präventive Wirkung. Sie überlegen sich eine Viertelstunde später, ob sie ein Rennen machen wollen, wenn sie wissen, dass die Polizei ihre Personalien hat», sagt Michael Schibler.

Bei jedem Unfall müsse sich die Polizei Fragen, ob und wie dieser verhinderbar gewesen wäre. «Raserunfälle entstehen aus einem krassen, sinnlosen Fehlverhalten», so Scherer. «Deshalb lohnt es sich, dagegen etwas zu investieren.»

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