Historisch
Die abenteuerliche Fahrt eines Lenzburgers zu Winston Churchill

Das Hotel Haller mitten in Lenzburg war Mitte des vergangenen Jahrhunderts ein beliebter Treffpunkt von Offizieren aus dem In- und Ausland. Hotelier Hans Haller durfte sogar mal Winston Churchill auf seinem Landgut im englischen Chartwell besuchen.

Jörg Meier
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Jürg Haller steht genau dort, wo Feldmarschall Montgomery stand, als dieses Bild 1957 aufgenommen wurde: vor dem Hotel Haller in Lenzburg.

Jürg Haller steht genau dort, wo Feldmarschall Montgomery stand, als dieses Bild 1957 aufgenommen wurde: vor dem Hotel Haller in Lenzburg.

Chris Iseli

Vor dem ehemaligen Hotel Haller in Lenzburg steht Jürg Haller. In der Hand hält er eine Fotografie aus dem Jahre 1957. Sie zeigt seinen Vater Hans Haller, wie er zusammen mit Feldmarschall Montgomery vor dem Hotel Haller steht; genau da, wo jetzt sein Sohn steht. Montgomery hatte damals auf der Durchreise im «Haller» Halt gemacht; das Hotel Haller mitten in Lenzburg und damit an der Hauptstrasse Zürich–Bern war ein beliebter Treffpunkt von Offizieren aus dem In- und Ausland.

Hotelier, Wirt und Bäckermeister Hans Haller war Hauptmann bei der Luftwaffe und selber leidenschaftlicher Militarist. Sohn Jürg Haller erinnert sich, dass sein Vater in den Nachkriegsjahren unter der weissen Bäckerjacke oft die Uniformhose trug.

Es geht auch die Legende um, dass Vater Haller, der schnelle Autos liebte, für die Fahrt von Lenzburg zum Flugplatz Dübendorf exakt 28 Minuten benötigte. Kurz nach dem Krieg kaufte Haller zusammen mit einem Freund gar eine ausrangierte Spitfire und schenkte sie später der Stadt Lenzburg.

«Ich kann mich kaum an Gefühlsregungen meines Vaters erinnern», sagt Jürg Haller. «Ausser: Als Churchill im Jahre 1965 starb, war mein Vater sichtlich aufgewühlt.» Hans Haller war nicht nur ein glühender Bewunderer des britischen Staatsmannes; er verdankte ihm auch ein grosses, prägendes Abenteuer.

Hans Haller liebte England. Er hatte im renommierten Hotel «The Berkeley» beim Hyde Park Corner in London gearbeitet, kannte sich in der Stadt gut aus. Zurück in die Schweiz nahm er den britischen Lebensstil mit, las englische Zeitungen, englische Literatur, verfolgte die englische Politik. Zudem war er als Beobachtungsoffizier ein absolut zuverlässiger Navigator. Diese Kombination von Anglophilie und Navigationstalent führte dazu, dass Haller der zweite Mann bei der Expedition «Farben für Churchill» wurde.

Am Morgen des 5. Juli 1948 wurde Haller in Lenzburg abgeholt. Am Steuer des Autos sass der Zürcher Farbenhändler Willy Sax, der Haller und seine besonderen Fähigkeiten vom Militär her kannte. Sax stellte hochwertige, innovative Künstlerfarben her, die in Künstlerkreisen sehr begehrt waren. Der Ruf der Sax-Farben AG war bis nach London in die Downing Street zu Winston Churchill gelangt.

Nun war Sax, eingeladen von Churchill auf dessen Landgut, unterwegs nach England, um dem äusserst begabten Dilettanten Churchill die allerbesten Farben persönlich zu bringen. Und Haller sollte ihn als Beifahrer durchs versehrte Nachkriegseuropa navigieren. Keine leichte Aufgabe, wie sich bald herausstellen sollte.

General Guisan schrieb Haller 1948 und wollte von ihm wissen, was Churchill vom Réduit hält.

General Guisan schrieb Haller 1948 und wollte von ihm wissen, was Churchill vom Réduit hält.

Es folgte eine abenteuerliche Fahrt durch Frankreich; in Paris wurde das Auto der beiden Reisenden in Sachen Farben ausgeraubt. Glücklicherweise hatten sie vorher die wertvollen Farben in Sicherheit gebracht. Als hilfreich am Zoll erwies sich auch Churchills Einladungsschreiben, das sie vorwiesen; respektvoll liess man die Schweizer passieren. Nach drei Tagen und einer Spritztour durch London erreichten sie Churchills Landgut Chartwell. Der Butler führte die Gäste durch den Korridor, wo ihnen Winston Churchill im Hausdress entgegentrat. Er brachte die Schweizer sofort ins Atelier und zeigte ihnen seine neusten Bilder. Man ass opulent, genoss Zigarren und Whisky.

Winston Churchill vor dem Eingang zu seinem Landsitz in Chartwell, wo ihn Hans Haller 1948 besuchte.

Winston Churchill vor dem Eingang zu seinem Landsitz in Chartwell, wo ihn Hans Haller 1948 besuchte.

Zum Abschied schenkte Churchill dem Farbenfabrikanten Sax ein Bild. Das war aussergewöhnlich, denn Churchill hütete sich, seine Bilder wegzugeben, weil er fürchtete, es werde damit spekuliert. Tatsächlich erzielte im Dezember 2014 das Bild seines Goldfischbeckens in Chartwell bei einer Auktion von Sotheby’s in London den Rekordpreis vom 1,8 Millionen Pfund.

Hallers abenteuerlichen Besuch bei Churchill schildert Autor Philipp Gut ausführlich in seinem Buch «Champagner mit Churchill».

Die Begegnung mit Winston Churchill habe Hans Haller tief beeindruckt, erzählt Jürg Haller. Als junger Mann sei er von seinem Vater Hans geradezu genötigt worden, gleich bei seinem ersten Englandaufenthalt nach Chartwell zu reisen, um sich Churchills Landgut mindestens von aussen anzusehen. Selbstverständlich tat der Sohn, was ihm der Vater aufgetragen hatte; und auch bei Sohn Jürg hat sich rasch eine grosse Verbundenheit mit Grossbritannien eingestellt. Erst recht wieder seit einigen Monaten: Jürg Haller erhält jetzt jeden Monat ein paar englische Pfund Altersrente. Schliesslich hat er ja vor vielen Jahre einige Monate in England gearbeitet. Und seine Frau kommt gar in den Genuss der jährlichen Weihnachtsbescherung der Queen in der Höhe von 10 Pfund.

«Churchill verdanke ich auch unseren ersten Fernseher», sagt Jürg Haller. «Als er 1965 starb, wollte mein Vater Leichenzug und Begräbnis live und ungestört miterleben und hat sich deshalb einen Fernsehapparat gekauft.»

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