Kriminalität

Die Einbrüche sind im Aargau um 37% zurückgegangen – wir erklären warum

Neben dem «Precobs»-Computersystem setzt die Kantonspolizei Aargau weiter auch auf die traditionelle Patrouille gegen Einbrüche in der Dämmerung. (Archiv)

Neben dem «Precobs»-Computersystem setzt die Kantonspolizei Aargau weiter auch auf die traditionelle Patrouille gegen Einbrüche in der Dämmerung. (Archiv)

Die Zahl der Einbrüche im Kanton Aargau nimmt ab – gegenüber 2013 um mehr als ein Drittel. Weniger lukrative Beute in Häusern und vorsichtige Anwohner sind Gründe dafür. Ob das Prognose-Programm Precobs eine grosse Rolle spielt, ist umstritten.

Vorsicht vor Einbrechern!», warnt die Kantonspolizei am Montagmorgen und rät Bewohnern von Obersiggenthal und Rothrist zu erhöhter Wachsamkeit. Die kurzen und dunklen Wintertage erleichtern den Einbrechern die Arbeit. Jüngst meldete die Kantons-polizei gar 20 Vorfälle an einem Wochenende.

Doch der Eindruck täuscht: Die Zahl der Einbrüche sinkt seit Jahren – im Aargau seit 2013 von 2739 auf 1729 im letzten Jahr. Ein Rückgang von mehr als einem Drittel. Eine Entwicklung, die sich dieses Jahr fortsetzen dürfte.

Im Kampf gegen die Einbrecher setzt die Kantonspolizei Aargau seit rund drei Jahren auf ein Computerprogramm: «Precobs» soll Einbrüche verhindern, bevor sie passieren. Die Software arbeitet mit Informationen von begangenen Einbrüchen – je mehr Daten, desto genauer die Vorhersage. Das System profitiert von der Macht der Gewohnheit; Einbrecher schlagen häufig mehrmals im gleichen Quartier zu. Droht in einer Region des Kantons eine Einbruchsserie, schlägt der Computer Alarm – rund 200 Mal kam dies bisher vor.

Doch längst nicht in jedem Fall veröffentlicht die Kantonspolizei – wie im Fall von Obersiggenthal und Rothrist – eine Warnung. Kapo-Sprecher Bernhard Graser sagt, diese Massnahme werde stets sorgfältig geprüft. Beispielsweise fielen Alarme wiederholt auf Regionen, für die bereits Warnungen ausgesprochen wurden. Graser: «Um deren Wirkung nicht unnötig abzunutzen, verzichten wir unter solchen Umständen lieber auf eine erneute Publikation.»

Von diesem Arbeitsplatz aus sollen Einbruchsserien erkannt werden, bevor sie passieren. Im Bild: André Gloor, Dienstchef Lage- und Analysezentrum.

Von diesem Arbeitsplatz aus sollen Einbruchsserien erkannt werden, bevor sie passieren. Im Bild: André Gloor, Dienstchef Lage- und Analysezentrum.

Kritik vom Strafrechtsexperten

Doch inwieweit lässt sich der Rückgang bei den Einbrüchen auf die Software Precobs zurückführen? Jüngst berichtete der «Landbote», die Zahl der Einbrüche sei in Zürich, wo die Stadtpolizei auf die Vorhersage-Software setzt, weniger stark rückläufig als in Winterthur, wo auf diese verzichtet wird. Allerdings liegt eine Auswertung bislang erst für den Einsatz von «Precobs» bei der Polizei im deutschen Bundesland Baden-Württemberg vor.

Die Studie des Max-Planck-Instituts für ausländisches und internationales Strafrecht kommt zum Schluss: Das Vorhersage-Programm funktioniere nur bedingt und habe eine moderate Wirkung.

Kritisch äussert sich auch Strafrechtsexperte Martin Killias: «Nach heutigem Wissensstand ist die Wirksamkeit von ‹Precobs› nicht belegt. Ob und inwiefern der Rückgang bei den Einbrüchen mit der Software zusammenhängt, lässt sich nicht abschätzen.» Erstaunt habe ihn, dass auf das System gesetzt worden sei, bevor man eine Evaluation durchgeführt habe. Dabei hätte eine gestaffelte Einführung in verschiedenen Regionen ermöglicht, den Nutzen der Software besser einzuschätzen, sagt Killias.

Polizeisprecher Bernhard Graser hingegen betont: «Die Bilanz fällt positiv aus.» Wie bei allen Präventivmassnahmen lasse sich auch der Erfolg der Software nicht direkt messen. Die Strategie bei «Precobs»-Alarmen sei es, Einbrüche im betroffenen Gebiet zu verhindern und die Täter durch gezielte Präsenz zu verscheuchen. «Bleiben dort Folgedelikte aus, darf dieser Erfolg sicherlich ‹Precobs› zugeschrieben werden. Selbstverständlich spielen dabei auch immer
Zufälle eine Rolle.» Graser betont allerdings auch: «‹Precobs› ist ein wertvolles Instrument für die Polizeiarbeit, aber es ist sicher kein Wundermittel.»

Die positive Entwicklung bei den Einbrüchen führt Bernhard Graser aber auch auf die Arbeit der Kantonspolizei in den Bereichen Prävention und Repression zurück: «Wir haben hier enorm viel investiert.» Den Rückgang bei den Einbruchszahlen erklärt er auch damit, dass heute weniger reiche Beute locke als noch vor einigen Jahren. «In den Häusern und Wohnungen werden weniger Uhren und Schmuckstücke aufbewahrt.» Weil viele Leute hauptsächlich mit Karten zahlten, bewahrten sie auch deutlich weniger Bargeld zu Hause auf.

Die Aussage von Strafrechtsexperte Martin Killias (siehe Interview), wonach Einbruch weniger rentabel sei als noch vor einiger Zeit, bestätigt Graser: «Der Verkauf von Handys und Laptops lohnt sich kaum noch.» Das zeige sich auch an den Einbrüchen in Geschäfte; deren Zahl habe sich innert vier Jahre fast halbiert. Während noch vor vier, fünf Jahre regelmässig Handyläden ausgeräumt worden seien, kämen solche Fälle heute nur noch selten vor. Offenbar habe sich in Einbrecherkreisen zudem herumgesprochen, dass die Unternehmen in ihren Tresoren keine Goldbarren, sondern zumeist nur Datenträger und Geschäftsunterlagen aufbewahren würden.

«Die Leute sind wachsamer»

Einen Einfluss auf die rückläufige Tendenz bei den Einbruchszahlen habe wohl auch das Verhalten der Bevölkerung, sagt Bernhard Graser. «Die Leute sind tendenziell vorsichtiger und wachsamer geworden. Bei uns gehen viele Hinweise auf verdächtige Personen und Fahrzeuge ein.» Die Präventionsarbeit zeige Wirkung, allerdings längst nicht überall. «Noch immer gibt es Einladungen für Einbrecher in Form von offenen Türen und schräg gestellten Fenstern.»

Zurzeit steigt die Zahl der Einbrüche wieder an – «jahreszeitbedingt», wie Graser sagt. Der Anstieg bewege sich allerdings im normalen Rahmen und sei keineswegs alarmierend. Und die Bevölkerung in Obersiggenthal und Rothrist, wo die aktuellsten Warnungen veröffentlicht worden sind, dürfte die Ankündigung der Kantonspolizei ein wenig beruhigen: Die Patrouillenpräsenz wird nun in diesen Gebieten verstärkt.

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