Nicht schockiert, nicht traurig, nicht aufgelöst: Regungslos steht Thomas N. gestern Vormittag kurz nach 10 Uhr im Theoriesaal der Mobilen Polizei in Schafisheim. Die Hände vor dem Bauch übereinandergelegt, die Augen nur einen kleinen Spalt geöffnet. Gerichtspräsident Daniel Aeschbach verliest das Urteil. Lebenslänglich. Ordentliche Verwahrung. Kein Blinzeln, kein Zucken, kein Blick zum Gerichtspräsidenten. Es ist die teilnahmsloseste Reaktion, die es gibt: eine Zurkenntnisnahme.

N. nimmt, als er sich zur Begründung des Urteils wieder setzen darf, ein Papiertaschentuch in die Hand. Falls er weint, tut er dies innerlich. Tränen sind keine zu sehen.

So erlebten der Angeklagte Thomas N., die Angehörigen und die Zuschauer der Opfer den letzten Prozesstag

So erlebten der Angeklagte Thomas N., die Angehörigen und die Zuschauer der Opfer den letzten Prozesstag

Lebenslängliche Haft mit ordentlicher Verwahrung: Das Urteil für den Vierfachmörder Thomas N. sorgt nicht bei allen Zuschauern des Prozesses für Zustimmung. Viele hätten sich die Höchststrafe für den Verurteilten gewünscht.

Fragen beantwortet, zu sich und zu seiner Tat, dem Vierfachmord von Rupperswil, hat er viele. 88 Bundesordner Akten, zwei psychiatrische Gutachten. Doch eine Antwort bleibt N. schuldig: Warum? Warum mussten am 21. Dezember 2015 in Rupperswil vier Menschen auf «unmenschliche» Art, wie er selber sagte, sterben? N. hatte darauf keine Antwort. Er gab lediglich Hinweise, Anhaltspunkte, Mutmassungen. Das zeigt der Blick in die Protokolle. Es sind N.s Worte im Originalton, aus Einvernahmen kurz nach der Tat, wie sie von der Verteidigerin in ihrem Plädoyer wiedergegeben wurden, und es sind N.s Antworten auf die Fragen des Gerichts. Ein Protokoll der Sinnlosigkeit.

«Nur ein Gedankenspiel»

«Ich weiss es schon lange. An Mädchen hatte ich kein Interesse. Am Anfang hatte ich Interesse an Gleichaltrigen. Dann wurde ich älter, aber meine Interessen blieben dort. Ich merkte: Scheisse, ich bin pädophil. (...) Ich habe am Morgen den Computer angelassen und die erste Internetseite war eine pornografische. Wenn ich längere Zeit nicht drauf gehen konnte, wegen Ferien oder so, dann habe ich das gemerkt. (...) Irgendwann wurde es eine Sammelwut. Man schaut sich nicht alle an. Man hat einfach eine Mediathek. Ich dachte, jetzt kommt dann die Polizei. Aber es kam niemand. (...) Irgendwann beginnt man sich vorzustellen, wie es wäre mit einem Kind. Ich hatte aber nie jemanden unsittlich berührt, auch nicht im Fussballclub.

Aus heutiger Sicht sage ich, dass jeder, der es konsumiert, auch ein Mittäter ist. Wenn die Nachfrage nicht wäre, würde man es auch nicht anbieten. Das war dannzumal schwierig zu erkennen. Das habe ich ausgeblendet. (...) Ich dachte damals, ich schnappe die Buben, wenn sie um die Ecke kommen. Ich sah sie und dachte, nein, Blödsinn, wie wenn der ganze Körper sagt, Nein, ich dachte: Was bin ich für ein Idiot, dass es so weit gekommen ist. (...) Am Anfang war es ein Gedankenspiel. Der Bub, also Davin, hätte auch neben einem Polizeiposten wohnen können. Am Anfang war es nur ein Gedankenspiel.»

Pflichtverteidigerin Renate Senn stellt sich nach dem Urteil für Thomas N. den Medien

Pflichtverteidigerin Renate Senn stellt sich nach dem Urteil für Thomas N. den Medien

Nach der Verurteilung ihres Mandanten Thomas N. zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe mit ordentlicher Verwahrung tritt Pflichtverteidigerin Renate Senn vor die Medien. Das «harte Urteil» sei für ihren Mandanten schwer nachzuvollziehen.

«In einer Blase»

Thomas N. hat den Kopf während der Befragung vor Gericht die meiste Zeit gesenkt. Seine Stimme ist monoton, es sind keine Emotionen hörbar. Ein wenig Unsicherheit vielleicht, aber keine Nervosität. Er schaut weder die Opfer noch die Richter noch die Journalisten im Saal an. Erst, als Bezirksrichterin Marianne Bitterli ihn unmissverständlich dazu auffordert, den Angehörigen der Mordopfer, die in der ersten Reihe sitzen, einmal ins Gesicht zu sehen, gehorcht er: kurzer, verstohlener Blick.

«Ich kam dorthin. Und dachte wieder: Nein, es hat nicht den Wert, es zu machen. Ich liess mir alles nochmals durch den Kopf gehen. Keine Ahnung, warum ich es trotzdem machte. Ich ging zur Tür. Zu Hause hatte ich die Hunde zurückgelassen und gefüttert. Ich fragte mich: Was machst du? Geh weg. (...) Ich redete mir Mut zu und lief nach hinten, also in Richtung Familie Schauer. Der erste Schritt war die Türklingel. Niemand machte auf. Ich war erleichtert, zum Glück machte niemand auf. Doch dann öffnete Carla Schauer die Tür. Jetzt wusste ich, ich musste es tun.

Auch im Nachhinein wenn ich es mir durch den Kopf gehen lasse: Es ging so viel nicht schief, was hätte schiefgehen können. Sie hätte meinen Ausweis verlangen können. Sie hätte sagen können, sie wolle beim Gespräch dabei sein. Tja.»

Sie hätten mehrmals Gelegenheit gehabt, das Haus ohne die vier Tötungen zu verlassen. Warum haben Sie das nicht gemacht?

«Das war in dieser Phase schwierig, irgendetwas zu entscheiden. Ich habe mich wie davor gedrückt. Es hätte Überwindung gebraucht, zu gehen.»

Es hätte Sie mehr Überwindung gekostet, einfach zu gehen, als vier Tötungen vorzunehmen?

«Nein, nicht so. Vor dem Missbrauch, als die Mutter zurückkam mit dem Geld, war ich überrascht. Da habe ich im Prinzip das erste Mal eine Entscheidung treffen können. Da habe ich mich für den Missbrauch entschieden. Und als es schlimm war für mich, zum zweiten Mal eine Entscheidung zu treffen, da habe ich mich nicht entschieden, zu gehen (...) Es war wie vier Leute in einer Blase drin. Ich musste nichts entscheiden.»

Warum, Herr N., hat es zu diesen Tötungen kommen müssen?

«Das ist eine schwierige Frage. Die Tat vertuschen. Angst, Schande. Das waren die Hintergedanken.»

«Jetzt musst du»

«Wenn man vernünftig überlegt, hat die Sache ja mehrere Fehler. Ein Brandbeschleuniger, der nicht der beste ist. Es hatte x Fehler, aber ein Teil in mir sagte, du machst es eh nicht, und am Schluss klingelst du an der Tür und wirst in dieses Ding hineingezogen.

Was hätte ich ihm, Dion, sagen, sollen? Ich stand da mit dem Messer. Er stand vor mir, sportlich, also was machst du? Ich war eigentlich am Gehen, was soll man tun? ‹Wart schnell, ich hole die Fesseln?› Es war wie: ‹Jetzt kannst du nicht mehr anders, jetzt musst du.›»

Haben Sie schon mal an die Opfer gedacht?

«Ja.»

Wie müssen wir uns das vorstellen?

«Schmerzhaft, was sie erleben mussten. Oder wie sie auf dem Obduktionstisch liegen.»

Sie beschreiben das sachlich. Haben Sie auch Emotionen, die damit verbunden sind?

«Ja, Schmerz.»

Planten Sie weitere Taten?

«Ja, irgendwann wäre es passiert. Die nächste Tat wohl im KantonSolothurn.»

Herr N., Sie haben das letzte Wort.

«Ich alleine bin für diese Taten verantwortlich, ich alleine habe die Entscheide getroffen, ich bedaure das zutiefst. Falls da ein falscher Eindruck entstanden ist, tut es mir leid. Wie kann man für Entschuldigung bitten für eine solche Tat? Aber Sie haben recht: Das Wort ‹Entschuldigung› hätte wohl vorkommen sollen, darum: Entschuldigung.»

Nach dem Urteil bespricht sich Thomas N. kurz mit seiner Verteidigerin. Dann schiebt er den Stuhl zurück, steht auf, läuft zum Seitenausgang. Er lässt sich die Handschellen anlegen. Sein Gesicht ist regungslos.