Grossratswahlen
Die grosse Wahlprognose: Kommt es im Aargau zum Rechtsrutsch?

Am 23. Oktober wird der Grosse Rat neu gewählt. Wer gewinnt? Wer wird zu den Verlierern gehören? Zwei Praktiker wagen eine Prognose.

Mathias Küng
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Heute gibt es oft eine Pattsituation bei Abstimmungen im Grossen Rat, weil sich zwei gleich grosse Lager gegenüberstehen. Ändert sich das nach dem 23. Oktober?

Heute gibt es oft eine Pattsituation bei Abstimmungen im Grossen Rat, weil sich zwei gleich grosse Lager gegenüberstehen. Ändert sich das nach dem 23. Oktober?

Chris Iseli

Der Wahlkampf läuft, jede Partei versucht, mehr Wähler für sich zu gewinnen. Doch wem gelingt das auch? Wie schon bei den letzten Wahlen haben zwei früher selbst als Politiker tätige Beobachter für die az je eine Prognose erstellt.

Urs Haeny politisierte früher für die FDP im Grossen Rat, Max Knecht für die CVP. Knecht war 1973 Grossratspräsident und erstellt seit 41 Jahren Wahlprognosen. Nicht mit dabei ist diesmal aus Zeitgründen der Wahlarithmetiker und frühere Aarauer Stadtparlamentarier Stephan Müller.

SVP und FDP legen zu

Urs Haeny hat eine Gesamtprognose erstellt, Max Knecht je eine basierend auf den Nationalratswahlen 2015 und den Grossratswahlen 2012. Knecht ist überzeugt, dass Letztere dem erwarteten Resultat näher kommt. Knecht und Haenys Prognosen haben eine grosse Gemeinsamkeit: Sie erwarten Zuwachs für SVP und FDP.

Diese beiden Parteien kommen im heutigen Grossen Rat zusammen auf 67 Sitze. Rechnet man die 2 Sitze der in der SVP-Fraktion politisierenden EDU dazu, kommt man auf 69 der 140 Grossratssitze. Bei immer mehr Themen kommt es in jüngster Zeit zu Pattsituationen im Grossen Rat, wo sich zwei gleich grosse Lager gegenüberstehen.

Welche Seite obsiegt, entscheidet sich dann an der Frage, welche Seite mehr Abwesenheiten zu verzeichnen hat. Schon wiederholt musste Grossratspräsident Marco Hardmeier (SP) bei Stimmengleichheit (zum Beispiel im Mai in der Frage des Pendlerabzugs) den Stichentscheid fällen.

Kaum noch Stichentscheide?

Haeny erwartet, dass SVP, FDP und EDU im neuen Grossen Rat auf 74 Sitze kommen. Das würde heissen, dass der nächste Grossratspräsident bei Geschäften, die den Rat in zwei Lager teilen, viel weniger Stichentscheide fällen muss, da diese drei bürgerlichen Parteien dann zusammen eine klare Mehrheit haben.

Auch Knecht geht davon aus, dass SVP und FDP aufgrund der Nationalratswahlen von 2011 und 2015 an Mandaten zulegen. Er gibt jedoch zu bedenken, dass diese Parteien «bei den Ständeratswahlen vom gleichen Tag die Spitzenkandidaten gestellt haben und dadurch auch für die Nationalratswahlen Wähler mobilisieren konnten».

Der Vergleich mit den Grossratswahlen in den Kantonen Thurgau, St. Gallen, Zug und Baselland bestätigen ihm aber den Aufwärtstrend von FDP und SVP.

Haeny argumentiert so: Noch vor jeder Wahl habe man in der Vergangenheit zur SVP behauptet, «sie haben den Zenit erreicht – höher geht nicht». Seine Prognose für die SVP geht davon aus, dass diese Partei von den Nationalratswahlen 2011 bis 2015 3,25 Prozentpunkte zugelegt hat.

Rechnerisch ergäbe das für die Grossratswahlen im Oktober 35,25 Prozent. Haeny: «Ich glaube, dass die Partei auf 34 Prozent zulegen wird.» Die Grossrats-Resultate der FDP liegen immer um 2 bis 4 Prozentpunkte über jenen der Nationalratswahlen, so Haeny.

Das ergäbe 18,4 Prozent. Die Partei habe früh mit einer Kampagne begonnen und bisher keine Fehler gemacht. Haeny: «Darunter kann auch der Verzicht auf eine zweite Kandidatur im Regierungsrat subsummieren.» Das könnte seines Erachtens Panaschierstimmen nicht nur von SVP-Wählern bringen.

SP rauf oder runter?

Bei der SP müsste man eigentlich von einem deutlichen Wählerverlust auf noch 13 Prozent (bisher 15,2) ausgehen, so Haeny. Eine Stärke der SP sieht er aber in der treuen Stammwählerschaft, die wählen geht.

Die Kandidatur von Yvonne Feri für den Regierungsrat dürfte einiges zur Mobilisierung beitragen. Darum prognostiziert Haeny 14,5 Prozent Wähleranteil für die SP. Prognostiker Knecht wiederum erwartet, abstützend auf die letzten Grossratswahlen, dass sich die SP halten kann und sogar einen Sitz zulegt.

Würde man dagegen die Nationalratswahlen 2015 als Gradmesser nehmen, müsste die SP mit zwei Sitzverluste rechnen.

Leichte Verluste erwarten Knecht wie Haeny auch für die CVP. Bei der kleinen EDU sehen beide kleine Verluste. Sie werde dank hohem Wähleranteil im Bezirk Kulm aber im Grossen Rat bleiben.

Franziska Roth (SVP)
22 Bilder
Regierungsratskandidatin Franziska Roth im Fokus Was bedeutet die Nomination der Brugger Bezirksgerichtspräsidentin und wie wird sie versuchen, ihren Bekanntheitsgrad zu verbessern? (April 2016)
Yvonne Feri (SP)
Die 50-jährige Nationalrätin kämpft um einen zweiten SP-Sitz in der Aargauer Regierung. Feri ist noch bis Ende Jahr Gemeinderätin von Wettingen und unter anderem Präsidentin von "Kinderschutz Schweiz" sowie des "Vereins für Soziale Gerechtigkeit".
Die Aargauer Regierungsratskandidaten 2016 Markus Dieth (CVP)
Der 49-jährige Wettinger sitzt seit 2009 im Grossrat und präsidierte diesen im Jahr 2015. 2006 wurde er in den Gemeinderat von Wettingen gewählt, wo er seit 2008 das Amt des Gemeindeammanns ausübt.
Alex Hürzeler (SVP)
Der 51-Jährige sitzt seit 2009 im Aargauer Regierungsrat und hat dort das Departement Bildung, Kultur und Sport (BKS) inne. Der Fricktaler stellt sich diesen Oktober für eine weitere Amtsperiode zur Wahl.
Maya Bally: «Die Chancen stehen gut für eine Frauenkandidatur aus der Mitte» (8.8.2016)
Die 55-jährige Hendschikerin ist seit 2012 Mitglied der kantonalen Parteileitung und Präsidentin der Bezirkspartei Lenzburg. Im Oktober 2012 wurde sie in den Grossen Rat gewählt, seit 2013 ist sie Präsidentin der Fraktion. Als Schulpflegepräsidentin liegen ihre politischen Schwerpunkte in der Bildung aber auch bei Wirtschaft und Finanzen.
Stephan Attiger (FDP)
Der 49-Jährige steht im Regierungsrat seit 2013 dem Departement für Bau, Verkehr und Umwelt (BVU) vor. Am 23. Oktober kandidiert er für seine Wiederwahl.
Urs Hofmann (SP)
Der 59-jährige Aarauer leitet im Regierungsrat seit 2009 das Departement Volkswirtschaft und Inneres (DVI). Im Oktober will er den SP-Sitz in der Aargauer Regierung verteidigen.
Mia Jenni, Ariane Müller und Mia Gujer: Dieses Trio zieht für die Juso in den Regierungsrats-Wahlkampf. Mia Jenni (21) ist Vorstandsmitglied der Juso Aargau und studiert Germanistik und Kunstgeschichte. Ariane Müller (23) studiert zurzeit Geschichte und Geologie und ist Präsidentin der Juso Freiamt. Mia Gujer (22) ist Präsidentin der JUSO Aargau und arbeitet als Kampagnen-Mitarbeiterin.
Robert Obrist (Grüne)
Der 58-jährige Schinznacher sitzt seit Januar 2014 im Grossen Rat. Als Agronom und Departementsleiter am Forschungsinstitut für biologischen Landbau in Frick (FiBL) sind Umwelt und Bildung die Themen, die Obrist am meisten umtreiben.
Ruth Jo. Scheier (GLP)
Die 40-Jährige wohnt seit 2005 in Wettingen. Sie ist alleinerziehende Mutter einer 17-jährigen Tochter. Sie arbeitet als kaufmännische Angestellte in einer Schmuck-Grosshandelsfirma. Die Grossrätin ist auch Vize-Präsidentin der GLP Aargau.
Die transsexuelle Jil Lüscher kandidiert als Parteilose.
Pius Lischer (IG-Grundeinkommen)
Der 53-jährige Pius Lischer wohnt in Oberrüti und ist schon bei mehreren Wahlen angetreten – jeweils ohne Erfolg.

Franziska Roth (SVP)

Alex Spichale