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Die letzten 157 Telefonkabinen im Aargau – viele von ihnen verschwinden bald

Idyllisch gelegen, doch kaum im Einsatz: Neben dem Feuerwehrlokal in Thalheim steht die am wenigsten genutzte Telefonkabine des Kantons Aargau.

Idyllisch gelegen, doch kaum im Einsatz: Neben dem Feuerwehrlokal in Thalheim steht die am wenigsten genutzte Telefonkabine des Kantons Aargau.

Ab 2018 muss die Swisscom keine öffentlichen Telefone mehr betreiben. Von den 157 Standorten im Aargau werden viele verschwinden. Zu Besuch bei der am meisten und der am wenigsten genutzten Kabine im Kanton.

Die Spinnen haben die Telefonzelle erobert. Den Netzen nach zu urteilen, ist es schon eine Weile her, dass hier telefoniert worden ist. Thalheim, 825 Einwohner, eine Kirche, ein Volg-Laden, eine Burgruine – und eine Telefonkabine. Am Gässli, das sich durch das ländliche Dorf im Schenkenbergertal schlängelt, steht das öffentliche Telefon, das im Aargau von allen am wenigsten benutzt wird: ein- bis zweimal pro Monat.

Das bedeuten die Farben: Gelb = Post; Rot = Bahnhof; Blau = Schulhaus/Gemeindehaus; Violett = Strasse

Kostendeckend ist der Betrieb schon längst nicht mehr, dennoch muss die Swisscom Kabinen wie diese weiterbetreiben. Das ändert sich ab nächstem Jahr. Dann ist es dem Telekommunikationsunternehmen freigestellt, ob es einen Standort streicht oder weiterbetreibt, so will es der Bundesrat.

85 Prozent jener Telefone, die bislang zur Grundversorgung zählten, seien nicht rentabel, sagt Betreiberin Swisscom. Wie viele Kabinen sie ab 2018 abbauen wird, lässt sie offen. Doch aus reiner Nostalgie wird das Unternehmen mit 11-Milliarden-Umsatz kaum länger als nötig jene Kabinen querfinanzieren, die seit Jahren Verlust statt Gewinn bringen. Für viele der verbliebenen 157 Kabinen im Kanton Aargau dürfte dies das Ende bedeuten.

Der Ammann und die Autopanne

Aus dem Gemeindehaus in Thalheim kommt ein Mann mit Aktenkoffer und läuft Richtung Telefonkabine, die auf der anderen Strassenseite am Rand einer kleinen Wiese steht. Links davon befindet sich das Feuerwehrlokal, dahinter plätschert der Talbach, davor liegen Parkplätze. Der Mann mit Aktenkoffer stellt sich als Gemeindeammann vor. Roland Frauchiger will nicht telefonieren, er ist unterwegs zu seinem blauen Audi, der vor der Kabine steht. Er stellt seinen Koffer ab und versucht sich zu erinnern, wann er dort zuletzt eine Person hat telefonieren sehen. Das müsse lange her sein, sagt er.

Und Frauchiger selbst? «Noch nie.» Aber – erzählt er nach kurzem Überlegen – vor einigen Jahren habe er eine Autopanne in Wildegg gehabt. Weil er sein Handy nicht dabei hatte, wollte er seine Frau aus der Telefonkabine anrufen, doch dazu hätte er eine Taxcard gebraucht. Er durfte dann das Telefon in einem nahen Restaurant nutzen. Frauchiger nimmt sein Portemonnaie hervor und sucht die Telefonkarte, die er sich nach dem Vorfall gekauft hat. Vergeblich. Sie liege wohl zu Hause in der Pultschublade, sagt er. Gebraucht habe er sie seither jedenfalls nie.

Gemeindeammann Frauchiger erzählt, Swisscom habe die Telefonzelle bereits früher schliessen wollen. Die Begründung: nicht rentabel. Die Gemeinde wehrte sich mit Erfolg gegen diese Pläne. Noch bis Ende Jahr gilt: Eine Telefonkabine darf nur geschlossen werden, wenn die Standortgemeinde zustimmt. Ob man sich in Thalheim auch künftig für den Erhalt einsetzen will, müsse der Gemeinderat entscheiden. Frauchiger sagt: «Grundsätzlich soll man Dienstleistungen erhalten, solange sie gebraucht werden. Doch in diesem Fall werden wir uns vermutlich nicht gegen die Abschaltung wehren.»

Dass es sich um das am wenigsten genutzte öffentliche Telefon im Aargau handelt, hat der Gemeindeammann nicht gewusst. «Dafür ist sie auch die günstigste Kabine im Unterhalt, schreiben Sie das», sagt er und lacht. Nicht nur Anrufer, sondern auch Vandalen bleiben der Kabine fern. Nur ein Kleber der «Häxeschränzer Gäbistorf» und ein in die Tür geritztes Herz mit den Buchstaben F+L erinnern daran, dass sich hier in der Vergangenheit Menschen aufgehalten haben.

85 Prozent der Telefonkabinen rentieren nicht, so die Swisscom.

85 Prozent der Telefonkabinen rentieren nicht, so die Swisscom.

Doch die Zahl der Anrufe sinkt nicht nur im Schenkenbergertal seit Jahren. Schweizweit ging die Zahl der Gespräche seit 2004 um 95 Prozent zurück. Von den 13 400 öffentlichen Telefonen aus den Spitzenzeiten Ende der 1990er-Jahre ist heute nur noch ein Bruchteil in Betrieb: rund 3500. Schon lange steht auch nicht mehr in jeder Aargauer Gemeinde eine Telefonkabine. Am meisten finden sich zurzeit in Aarau (11), Brugg und Lenzburg (je 6) sowie Baden und Rheinfelden (je 5).

Wettinger Rekordmarke

Die zweitgrösste Gemeinde Wettingen kann zwar nur vier Standorte, dafür aber einen Rekordwert vorweisen: Von der Telefonnummer 056 426 91 99 werden so viele Anrufe gemacht wie von keinem anderen öffentlichen Telefon im Kanton. Dabei wäre die Kabine leicht zu übersehen, eingeklemmt zwischen Eingangstür der Poststelle und der Wand mit den Postfächern. Zwei Frauen mit Zalando-Paketen unter dem Arm eilen zum Postschalter, von
nebenan ist das Piepsen des Bancomaten zu hören, in der Nähe rauscht der Verkehr auf der Landstrasse vorbei. Feierabendzeit in Wettingen.

Die Kabine mit den gelb gekachelten Wänden ist leer, niemand nimmt Notiz davon. Ein Mann nähert sich, doch er will nur zum Aschenbecher, der gleich daneben hängt, und drückt seine Zigarette aus. Eine ältere Frau mit Stock läuft vorbei. Sie habe schon lange kein öffentliches Telefon mehr genutzt, sagt sie. Schliesslich besitze sie seit Jahren ein Handy. Trotzdem fügt sie an: «Ich fände es schade, wenn die Telefonkabinen verschwinden würden.»

Wie viele Personen sich in das enge Kämmerlein zwängen, den Automaten mit Münzen oder Taxcard füttern und den roten Hörer zum Telefonieren abheben, gibt Swisscom nicht bekannt. Klar ist: Bei der Kabine an der Wettinger Staffelstrasse handelt es sich um einen der wenigen Standorte, die nicht Teil der Grundversorgung sind. Das Unternehmen unterhält die Kabine freiwillig – und erwirtschaftet damit Profit. Das heisst: Um ihre Telefonkabine fürchten müssen die Stammgäste vorläufig nicht. Und von diesen scheint es einige zu geben. Die Telefonzelle sei häufig besetzt, sagt die Frau, die im Kiosk nebenan arbeitet. Tag für Tag verkaufe sie mehrere Telefonkarten. Im Angebot hat sie 40 verschiedene Taxcards aus aller Welt. Meist sind ihre Kunden Ausländer, die in ihre Heimat telefonieren. Und auch die Verkäuferin vom Spielwaren-Geschäft gegenüber der Kabine sagt: «Ich bin erstaunt, wie oft dort noch telefoniert wird.»

Von der Telefonkabine neben der Post an der Staffelstrasse in Wettingen werden so viele Anrufe gemacht, wie nirgendwo sonst im Aargau.

Von der Telefonkabine neben der Post an der Staffelstrasse in Wettingen werden so viele Anrufe gemacht, wie nirgendwo sonst im Aargau.

Eine Beobachtung, die sich in den meisten Gegenden nicht mehr machen lässt. Doch nicht alle Gemeinden wollen ihr öffentliches Telefon kampflos aufgeben. «Burg kämpft um Telefonkabine», titelte die az 2011. «Wir würden diese gerne behalten», sagte Gemeindeammann Marcel Schuller damals. Nicht mehr als fünf Anrufe pro Monat zählte die Swisscom im Jahr 2011 und wollte den Standort streichen, scheiterte aber an der Gegenwehr der Gemeinde. «Ein Relikt aus alter Zeit», nennt heute der Burger Gemeindeschreiber Viktor Würgler die Kabine, die seit Jahren Bestandteil des Dorfparks im Zentrum sei. «Solange wir uns wehren können, werden wir das tun.»

«Wir haben Handys hier»

Die Dorfbevölkerung in Thalheim nimmt das bevorstehende Ende ihrer Telefonkabine gelassen. Ein älteres Paar, das im Garten vor dem Haus arbeitet, antwortet auf die Frage, ob es die Schliessung bedauern würde: «Nein.» Der Garten des Restaurants Schenkenbergerhof ist leer. Drinnen sitzt das Team bei einer Besprechung. Nie benutzt, niemanden gesehen, der dort telefoniert hat, sagen sie über die Telefonkabine, die sich in der Nähe befindet. «Wir haben Handys hier», sagt eine der Frauen, bevor sich die Gruppe wieder der Terminplanung widmet. Auf dem Dorfplatz steht ein Gemeindemitarbeiter barfuss im Brunnen und spritzt diesen mit dem Hochdruckreiniger ab. Er sagt: «Ich hoffe, die Kabine kommt bald weg, dann kann ich dort besser Rasen mähen.»

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