Wahlen 2019

Die Ökoparteien sind die grossen Sieger – doch zufrieden sind sie nicht

Die Grünliberalen und die Grünen haben stark zugelegt. Trotzdem herrscht an den Wahlfeiern nicht nur eitel Freude.

Bereits am frühen Nachmittag ist der «Roschtige Hund» in Aarau gut gefüllt. Die Anhänger und Mitglieder der grünliberalen Partei (glp) warten hier vorsichtig optimistisch auf die Wahlergebnisse. Für Speis und Trank ist gesorgt; die grosse Schweizer Fahne erinnert an die Bedeutung der heutigen Wahlen.

Professionell installierte Technik ermöglicht, die aktuellen Entwicklungen auf verschiedenen Kanälen live mitzuverfolgen. Nationalrat Beat Flach erzählt, wie er vor zehn Jahren als Einzelkämpfer vor dem Neumarkt in Brugg Äpfel verteilt habe. «Wenn ich nun in den vollen Saal mit den vielen jungen Menschen  schaue, dann macht das schon Freude.»

Schon bald folgt die erste Ernüchterung. Nach sechs ausgezählten Bezirken belegt Regierungsratskandidatin Doris Aebi nur gerade Platz sechs, noch hinter dem Grünen Severin Lüscher.

Verhaltene Freude im «Gossip»

Zur gleichen Zeit trudeln nur wenige 100 Meter weiter in Richtung Altstadt die Grünen nach und nach im «Gossip» ein. Auch sie sind gut gelaunt, auch sie verfolgen die nach und nach eintreffenden Resultate, die Live-Berichterstattung aus dem Regierungsgebäude. Allerdings wirkt hier alles eine Spur improvisierter als bei der glp.

So dient ein eilends aufgehängtes weisses Leintuch als Leinwand, was aber niemanden stört, zumal auf der Leinwand vieles erscheint, was die Grünen freut. Es wird zwar bald einmal klar, dass Ruth Müri keine Chance gegen das Trio Burkart, Knecht und Wermuth hat; dass sie aber trotz bescheidenem Wahlkampfbudget über 40 000 Stimmer erhielt und damit die omnipräsente Marianne Binder (CVP) hinter sich lassen konnte, sorgt für verhaltenen Jubel.

Dann scheint es gar möglich, dass die Grünen die 10-Prozent-Marke knacken und damit die CVP hinter sich lassen könnten. Doch mit zunehmender Dauer der Auszählung zeigt sich, dass sich die CVP doch knapp vor den Grünen halten kann; das gilt es zu akzeptieren.

Immer mehr Grüne und Sympathisanten strömen jetzt ins «Gossip», rund um Hanspeter Thür wird dann auch intensiv debattiert, ob eine Listenverbindung mit der glp nicht doch klug gewesen und einen zweiten Nationalratssitz gebracht hätte.

Prosecco aus Oberflachs für die Kandidierenden

Doch dann kommen die Protagonisten Ruth Müri, Irène Kälin und Severin Lüscher ins Lokal und es wird doch noch gefeiert. Die als Nationalrätin wiedergewählte Irène Kälin bedankt sich bei ihren vielen Wahlhelferinnen und Wahlhelfern und schenkt allen Kandidierenden Prosecco aus Oberflachs.

Und schweizweit betrachtet, hätten die Grünen die CVP nun überholt, stellte sie fest. Grossen Applaus gibt es auch für Ruth Müri, die mit ihrem klug geführten Wahlkampf viel zum Höhenflug der Grünen beigetragen habe, erklärt Irène Kälin. Schliesslich sagt Severin Lüscher, dass er erreicht habe, was realistisch erreichbar gewesen ist. «Diejenigen, die mich kennen, haben mich gewählt. Die anderen leider nicht.»

Lüscher lässt durchblicken, dass er wohl eher nicht zum zweiten Wahlgang antreten wird. Er appelliert aber, dass die Linken und die Grünen gemeinsam dem SVP-Kandidaten entgegentreten sollten.

Ungewollte Schützenhilfe für die CVP

Auch im «Roschtige Hund» hat man inzwischen den Ausgang der Wahlen vorwiegend mit Genugtuung zur Kenntnis genommen: Beat Flach wurde problemlos wiedergewählt, der Wähleranteil konnte gesteigert werden. glp-Stratege Philippe Kühni weiss aber, dass man der CVP – und konkret Marianne Binder – durch die Listenverbindung indirekt zu einem zweiten Nationalratssitz verholfen habe. Man habe halt nicht erwarten können, dass die CVP zulegen werde, sagt er.

Immerhin hat Doris Aebi noch zulegen können und den Grünen Severin Lüscher doch noch hinter sich gelassen – ein klarer Achtungserfolg und vielleicht ein Argument, um zum zweiten Wahlgang antreten zu können. Nach dem langen Nachmittag hält Beat Flach dann eine angenehm kurze Ansprache. «Danke», sagt er, «herzlichen Dank euch allen, diesen Erfolg möglich gemacht haben.»

Autor

Jörg Meier

Jörg Meier

Meistgesehen

Artboard 1