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Die Polizei wollte Zürcher Zustände im Aargau verhindern

Urs Winzenried Letten Platzspitz

Urs Winzenried Letten Platzspitz

Urs Winzenried und Kurt Roth haben die Auswirkungen der Drogenwelle auf den Aargau aus unterschiedlichen Perspektiven miterlebt. Urs Winzenried als Chef der Kriminalpolizei, Kurt Roth zuerst als Therapeut und später als Geschäftsleiter der Stiftung für Sozialtherapie.

Als Urs Winzenried 1979 Chef der Aargauer Kriminalpolizei wurde, spielte die Betäubungsmittel-Kriminalität nur ganz am Rande eine Rolle. Die Betäubungsmittelgruppe der Kantonspolizei bestand aus einem Mann. Aber mit den offenen Szenen in Zürich kam das Problem auch in den Aargau. «Vor allem der Konsum machte nicht Halt vor Kantonsgrenzen», sagt Urs Winzenried. 

Die Aargauer Betäubungsmittelgruppe wurde deshalb sukzessive ausgebaut auf sechs Männer. Zudem gab es damals eine erweiterte Gruppe, bestehend aus Polizisten der Bezirkspolizei der Kapo, die sich um die Betäubungsmittel-Kriminalität in den Regionen kümmerte. «Im Aargau als Kanton ohne wirkliches Zentrum gab es praktisch in jedem Bezirk eine kleine Szene», erinnert er sich.

Der Ruf der Aargauer Polizei als besonders repressiv im Umgang mit Drogen ist nicht aus der Luft gegriffen. «Wenn wir Widerhandlungen gegen das Betäubungsmittelgesetz festgestellt haben, haben wir diese konsequent zur Anzeige gebracht», sagt Urs Winzenried. Den Fokus habe die Polizei aber auf die Händler und nicht auf die Konsumenten gelegt, stellt er klar. «Mir war wichtig, dass keine Jagd auf Konsumenten gemacht wird. Und soweit ich das beurteilen kann, wurde das auch nie gemacht.» Habe die Polizei im Rahmen von Personenkontrollen Drogenkonsumenten festgestellt, seien diese zur Anzeige gebracht worden. «Das hat aber nichts mit einer Jagd zu tun.»

Ein weiteres Ziel der Polizei war es, eine offene Szene im Aargau zu verhindern. «Die Zustände in Zürich haben uns abgeschreckt. Das wollten wir nicht», sagt der ehemalige Kripo-Chef. Die Polizei habe deshalb bei kleinsten Ansätzen einer Szene sofort interveniert. Erfolgreich. Eine offene Szene gab es nie.

Trotzdem ist sich Urs Winzenried bewusst, dass auch im Aargau konsumiert wurde. «Aber wir wurden nach der Lettenschliessung nicht überflutet. Die Verdrängungspolitik hat Wirkung gezeigt. Konsumiert wurde im Versteckten oder in Olten, wo die Polizei die Süchtigen auf dem Gleisspitz duldete.»

Die repressive Haltung der Polizei wurde damals auch kritisiert. Zu den Kritikern gehörten laut Urs Winzenried einzelne Drogenberater. «Sie hatten das Gefühl, wir hätten die Fünf auch mal gerade sein lassen sollen.»

Zur Garde der Drogenberater gehört Kurt Roth. Er erinnert sich an «sehr emotionale Diskussionen» in den Sitzungen der Drogenkommission. «Der Aargau war als konservativer Kanton eher auf der repressiven Seite. Am Anfang dachten Viele, süchtige Personen könnten mit dem Drogenkonsum einfach aufhören und wenn nicht, würden sie halt dazu gezwungen.»

Erst mit der Zeit sei auch der Aargau gegenüber anderen Lösungen, wie der Abgabe von Methadon oder Heroin, offener geworden. «Aber die Angst war gross, dass man Leute dazu verführt, Drogen zu nehmen.» Es sei deshalb lange und intensiv darüber diskutiert worden, wann eine Person süchtig genug ist, um Methadon oder gar pharmazeutisch hergestelltes Heroin zu erhalten.

Der Grosse Rat stimmte einer Heroinabgabe nur knapp zu

Der Grosse Rat stimmte einer kantonalen Heroinabgabestelle im September 1999 zu. Das Vorhaben war aber umstritten. 1998 hatte die Gesundheitskommission noch beantragt, den entsprechenden Leitsatz im Planungsbericht zu streichen. Das hätte eine Heroinabgabe verunmöglicht. Die Mehrheit der Kommissionsmitglieder befürchtete, dass mit der Heroinabgabe als Therapiemöglichkeit für Schwerabhängige der Heroinkonsum verharmlost und die Einstiegsschwelle herabgesetzt werden könnte. Der Grosse Rat lehnte den Kommissionsantrag letztlich mit 91 zu 83 Stimmen knapp ab.

Die Stiftung für Sozialtherapie wurde 1984 gegründet. In dieser Zeit seien auf privater Ebene viele Angebote für Süchtige entstanden, sagt Kurt Roth. Die Stiftung kaufte oder mietete im Aargau mehrere Liegenschaften, in denen Entzugs- und Entwöhnungsbehandlungen durchgeführt wurden. «Am Anfang wusste man nicht so recht, was es braucht und was sinnvoll ist.» Die Drogenabhängigen wurden nach dem Prinzip «learning-by-doing» behandelt. Entzüge wurden oft kalt, also ohne medikamentöse Unterstützung durchgeführt.

Die wenigsten Süchtigen schafften den Ausstieg

«Wir wurden natürlich auch immer nach Erfolgsquoten gefragt», sagt Kurt Roth. Diese seien in den Anfangszeiten nicht gerade hoch gewesen. Die wenigsten Süchtigen schafften es, clean zu bleiben. «Oft lag das aber auch an den sehr schwierigen Lebensgeschichten der Betroffenen.» Unter den Drogenabhängigen habe es viele mit harten Schicksalen gegeben, die einem nahe gehen konnten, sagt Kurt Roth.

Er erzählt, dass zum Beispiel drogensüchtige Frauen in der Kindheit oder Jugend oft Opfer von Missbrauch und Misshandlungen waren. «Diese Frauen machten mit Heroin so etwas wie eine Selbsttherapie und es ging ihnen zumindest anfänglich gut damit. Der Preis war aber, dass sie sehr schnell in eine psychische Abhängigkeit gerieten.» In einer Behandlung sei es dann auch darum gegangen, die Ursachen der Heroinabhängigkeit zu erkennen und neue Lösungen im Umgang damit zu finden.

Zehnmal mehr Anfragen als Therapieplätze

Die Nachfrage nach Entzugs- und Therapieplätzen war in den 80er- und Anfang der 90er-Jahren sehr hoch. «Sie übertraf die Möglichkeiten der Stiftung für Sozialtherapie bei weitem», sagt Kurt Roth. «Wir hatten teilweise bis zu 500 Anfragen pro Jahr. Aufnehmen konnten wir aber nur 40 bis 50 Leute.» Ein Grossteil der Anfragen habe Süchtige betroffen, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten waren, sagt Kurt Roth. «Wenn sie wollten, bekamen sie vom Gericht die Möglichkeit, eine Therapie zu machen, anstatt ins Gefängnis zu gehen.»

Ab Mitte der 90er-Jahre ging die Nachfrage nach Therapieplätzen zurück. Das lag daran, dass die Substitutionsprogramme zu einer Verbesserung der Situation für die Süchtigen führten. Im Juli 1996 wurden 726 Aargauerinnen und Aargauer mit Methadon behandelt. «Aus therapeutischer Sicht sind die Substitutionsprogramme ein Segen», sagt Kurt Roth. Damit sei es gelungen, die Drogenabhängigen von der Strasse zu holen und der Verelendung entgegenzuwirken. «Das Problem war ja nie nur das Heroin allein, sondern, dass dieses oft von schlechter Qualität war», sagt Kurt Roth. «Ausserdem infizierten sich die Betroffenen – wenn sie die Spritzen tauschten – mit Krankheiten wie HIV und Hepatitis.»

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