Los Angeles
Diese Aargauerin bestimmt mit, wer heute in Hollywood einen Oscar erhält

Die 36-jährige Aargauer Regisseurin Talkhon Hamzavi räumte vor einem Jahr an der Oscar-Verleihung in Los Angeles mit ihrem Kurzfilm «Parvaneh» beinahe einen Oscar ab. Jetzt sitzt sie in der Jury und entscheidet, wer eine Goldstatue erhält.

Manuel Bühlmann
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Eine von zwölf Schweizer Filmschaffenden in der Academy: Talkhon Hamzavi.

Eine von zwölf Schweizer Filmschaffenden in der Academy: Talkhon Hamzavi.

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Viel hat nicht gefehlt und Talkhon Hamzavi wäre auf die Bühne getreten, hätte vor Millionenpublikum eine Dankesrede und in der Hand einen Oscar gehalten. Das war vor einem Jahr.

Der Kurzfilm «Parvaneh» der 36-jährigen Aargauerin schaffte es unter die fünf nominierten Werke, verpasste die begehrteste Trophäe der Filmwelt nur knapp.

Die Jury kürte statt ihrem einen anderen Beitrag. Eine Jury, zu der Hamzavi inzwischen selbst gehört: Sie ist im letzten Sommer zu einem Mitglied der Academy gewählt worden. Eine Ehre, die nur wenigen Filmschaffenden aus der Schweiz zuteilwird. Im Telefongespräch erzählt Talkhon Hamzavi, wie viele Filme sie vor der Wahl geschaut, wo sie die Verleihung dieses Jahr verfolgt und warum sie Leonardo DiCaprio ihre Stimme nicht gegeben hat.

Frau Hamzavi, wird Leonardo DiCaprio heute endlich seinen ersten Oscar gewinnen?

Talkhon Hamzavi: Das weiss ich leider auch nicht. Die Gewinner erfahren wir Academy-Mitglieder wie alle anderen erst heute Abend. Das Geheimnis wird bis zum Schluss gehütet. Aber verdient hätte DiCaprio einen Oscar, er ist ein toller Schauspieler.

Haben Sie ihm Ihre Stimme gegeben?

Nein, das konnte ich gar nicht. Jedes Mitglied ist einer Sparte zugeteilt. Bei mir sind dies die Kurzfilme, ich kann nur dort Werke bewerten.

Wie muss man sich die ehrenamtliche Arbeit als Academy-Mitglied vorstellen?

Unsere Hauptaufgabe ist es, Filme zu schauen und zu bewerten. Eigentlich keine schwierige Arbeit, sie hat mir Spass gemacht.

Haben Sie überhaupt noch gezählt, wie viele Filme sie geschaut haben?

Nein, da habe ich irgendwann den Überblick verloren. Allein in meiner Kategorie standen über 100 Kurzfilme zur Wahl. Die Vorgabe an die Mitglieder lautet, mindestens die Hälfte davon zu schauen. Das habe ich sicher geschafft.

Die Academy «AMPAS»

Die Academy of Motion Picture Arts and Sciences (AMPAS) ist 1927 in Hollywood als gemeinnütziger Verein gegründet worden. Heute zählt sie rund 7000 Mitglieder aus der Filmbranche, die über die Oscar-Vergabe bestimmen können. Um neu gewählt zu werden, braucht es eine Empfehlung. Wer Talkhon Hamzavi empfohlen hat, weiss sie nicht. «Ich war total überrascht.» Die Mitglieder sind auf Lebenszeit gewählt. SAS)

Kandidaten werben bei den Entscheidungsträgern um Aufmerksamkeit – sie können etwa die Mailadressen aller Academy-Mitglieder kaufen. Wurden Sie mit Geschenken oder Partyeinladungen umworben?

Sie meinen Bestechung? (Lacht) Nein, ich habe nur Filme erhalten. Die Produktionsfirmen schicken diese zur Ansicht. Eine Zeit lang hat es ständig an meiner Tür geklingelt, weil ein Expresspaket für mich geliefert wurde. Ein wenig absurd, wie viel Geld die Firmen in den Versand über diese superschnelle und wahnsinnig teure Post stecken. Das sind völlig andere finanzielle Dimensionen.

Trotz Oscar-Nomination können Sie nicht vom Filmemachen leben?

Ohne meine Teilzeitjobs würde es zurzeit nicht gehen. Der Erfolg hat mir sicher einige Türen geöffnet. Doch als Anfängerin, die noch keine Erfahrung mit einem ganzen Spielfilm hat, spüre ich manchmal die Zweifel, ob ich das auch wirklich schaffe. Nur weil ich für einen Oscar nominiert war, heisst das nicht, dass nun alle ihr Geld in meine Filme stecken wollen.

Sie haben bereits angekündigt, dass zwei Projekte in Planung sind.

Die beiden Filme sind noch ganz in ihren Anfängen. Deshalb möchte ich das noch nicht an die grosse Glocke hängen. Nur so viel: Geplant sind zwei Dramen in Spielfilmlänge.

Bleibt die goldene Oscar-Statue Ihr grosses Ziel?

Welcher Filmemacher träumt schon nicht davon? Die Nomination war wie ein Traum. Ich hätte nie damit gerechnet. Mein Film war in der Schweiz kein grosser Erfolg. Doch im Ausland erhielt «Parvaneh» mehr Aufmerksamkeit. Es braucht Glück, um nominiert zu werden. Man muss zur richtigen Zeit den richtigen Film herausbringen.

Letztes Jahr liefen Sie über den roten Teppich, verfolgten die Oscar-Show live vor Ort. Wo schauen Sie sich die Verleihung heute an?

Zu Hause, wenn ich es rechtzeitig aus dem Bett schaffe (lacht).

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