Sucht

Diese Aargauerin hilft Rauchern von der Zigarette loszukommen

Blumen statt Tabakkraut: Nikotinberaterin Susann Koalick auf der Terrasse der Klinik Barmelweid ob Erlinsbach

Blumen statt Tabakkraut: Nikotinberaterin Susann Koalick auf der Terrasse der Klinik Barmelweid ob Erlinsbach

Sie ärgert die Tabakindustrie: Susann Koalick leitet seit 13 Jahren die Nikotinberatung der Klinik Barmelweid und im Kantonsspital Baden. Sie hilft Rauchern von der Zigarette loszukommen und sagt, wie viele Patienten bei ihr Erfolg verzeichnen.

Frau Koalick, haben Sie schon mal eine Zigarette geraucht?

Susann Koalick: Mehr als eine. Ich habe während meiner Ausbildung zur Pflegefachfrau geraucht – ich rauchte damals gern.

Warum haben Sie aufgehört?

Als die Ausbildung zu Ende war, hat mir das Rauchen irgendwie nicht mehr das gegeben wie vorher. Also habe ich es gelassen.

So einfach? Ihre Patienten schaffen es nicht, das Rauchen zu lassen. Gibt es Menschen, die süchtiger sind als andere?

Die Nikotinabhängigkeit hat unterschiedliche Schweregrade. Es gibt Leute, die brauchen in den ersten fünf Minuten nach dem Aufstehen ihre erste Zigarette. Andere Menschen sind weniger prädestiniert, süchtig zu werden.

Was passiert, wenn wir uns eine Zigarette anzünden?

In acht Sekunden ist das Nikotin im Gehirn. Dort werden dann vermehrt Botenstoffe ausgeschüttet, die unser Gehirn als angenehm empfindet. Dasselbe tun Alkohol und Kokain.

Zigaretten machen gleich süchtig wie Kokain?

Ja, Nikotin hat ein vergleichbares Abhängigkeitspotenzial wie Kokain. Und es gibt Leute, die sagen, es sei schwieriger von der Zigarette loszukommen als vom Alkohol.

Warum?

Das Gehirn braucht irgendwann diesen Extrakick. Und es hat ganz stark mit Konditionierung zu tun. Die Kaffee-Zigarette, die Telefon-Zigarette, die Kreuzworträtsel-Zigarette, die Zigarette nach dem Essen – für viele die allerwichtigste überhaupt.

9000 Menschen sterben pro Jahr in der Schweiz vorzeitig an den Folgen des Rauchens. Warum schreckt das nicht ab?

Der emotionale Gewinn, den die Zigarette gibt, ist für den Menschen viel wichtiger als der Schaden, den sie anrichtet. Viele können ihr Verhalten erst ändern, wenn es wirklich triftige Gründe gibt – meist gesundheitliche.

Studien zeigen: Von hundert die ohne Hilfe aufhören zu rauchen, sind nach einem Jahr nur noch zwei Nichtraucher. Stimmt das?

Es gibt Menschen, die es alleine schaffen. Das ist wie beim Abnehmen. Einige können ihre Ernährung allein umstellen, andere nicht.

Bei zwei von hundert ist die Chance beim Rauchen aber winzig.

Ich habe schon 1000 Raucher beraten und mache das seit 16 Jahren. Ich bin überzeugt davon, dass eine begleitende Beratung die Chance erhöht, rauchfrei zu bleiben. Sonst würde ich es nicht machen.

Wie gross ist Ihre Erfolgsquote?

Für mich zählt der Erfolg jedes Einzelnen. Langfristige Erhebungen sind sehr aufwendig. Eine kleine Analyse von mir zeigt, dass nach drei Monaten von 38 Patienten noch 21 rauchfrei waren. Das sind 55 Prozent.

Welche Leute sitzen bei Ihnen in der Beratung?

Die meisten haben schon alles probiert – Hypnose, Bücher, Kaugummi, Pflaster. Manche waren bei einem Heiler.

Sind Sie die letzte Hoffnung?

Kürzlich rief ein Mann an und sagte: Sie müssen mich retten. Er erzählte, dass er nonstop rauche, den ganzen Tag über. Er könne nicht aufhören. Er litt, er wollte davon loskommen. Ich habe ihn dann gefragt, ob er sich überhaupt vorstellen könne, Nichtraucher zu sein.

Was hat er geantwortet?

Er hat mich mit grossen Augen angeschaut und gesagt, dass er so tief in seiner Sucht drinstecke, dass er sich das gar nicht vorstellen könne. Dann geht es darum, das Ziel genauer anzuschauen. Ich erörtere mit dem Raucher, was nach einem Rauchstopp passiert, in seinem Umfeld bei ihm selber. Jeder Raucher muss herausfinden, wieso er raucht, wie er das Muster durchbrechen kann. Dabei helfe ich.

Sie empfehlen Medikamente für den Rauchstopp. Die Zulassung des kassenpflichtigen Medikaments Champix war sehr umstritten.

Für mich war das ein wichtiges Signal. Rauchen wird oft als Luxusproblem abgetan. Mit der Finanzierung des Medikaments wird die Bedeutung der Nikotinsucht stärker ins Bewusstsein gerückt. Und damit auch, dass Rauchern genauso geholfen werden muss, wie Menschen, die vom Alkohol abhängig sind. Es liegt auf der Hand, dass in einem nächsten Schritt auch die finanzielle Unterstützung der Beratungsangebote diskutiert werden muss. Angebote wie unseres werden zurzeit nur von Zusatzversicherungen übernommen.

Welche Erfahrungen haben Sie mit solchen Medikamenten?

Es hilft, die Entzugserscheinungen zu bekämpfen. So bleiben Zeit und Energie, um das Verhalten zu ändern. Wer abnehmen muss und wahnsinnig Hunger hat und vor der Wahl steht: Pasta oder Salat, der kann nicht mehr klar denken und nimmt mit hoher Wahrscheinlichkeit die Pasta. Gesättigt fiele es leichter, sich für den Salat zu entscheiden.

Mittel zur Rauchentwöhnung wie Kaugummis und Pflaster haben Nikotin drin. Ist das nicht absurd?

Der Rauch fällt weg. Und der Rauch ist sehr, sehr schädlich. Er ist verantwortlich für die Lungenerkrankungen. Und er macht zusammen mit dem Nikotin die Sucht noch grösser.

Kann man süchtig nach dem Ersatzprodukt werden?

Ich kenne niemanden.

Was halten Sie von elektronischen Zigaretten?

Sie sind vermutlich ein Produkt der Tabakindustrie, um die Leute zu behalten. Deshalb wird versucht, sie so authentisch wie möglich zu machen: Die elektronische Zigarette raucht und glüht, damit unser Gehirn das Rauchen nicht vergisst – denn das Auge raucht mit. Deshalb ist die Gefahr gross, wieder zur normalen Zigarette zu greifen. Zudem verursachen E-Zigaretten Atembeschwerden.

Im Trend sind Zigaretten ohne künstliche Zusatzstoffe, quasi Bio-Zigaretten.

Das ist auch eine Masche der Tabakindustrie. In Zigaretten hat es künstliche Stoffe drin, die süchtiger machen oder die den Rauch weisser erscheinen lassen. Als das bekannt wurde, merkten die Raucher, dass auch die Tabakindustrie einen Anteil daran hat, weshalb sie rauchen. Die Reaktion der Hersteller ist zu sagen: Wir machen jetzt kaum noch was rein, das ist der reine, natürliche Tabak. Aber egal, was drin ist, es bleibt ungesund, Rauch zu inhalieren.

Erzählen Sie doch ein paar Happy-End-Geschichten.

Menschen, die aufhören, sind oft unglaublich stolz auf sich selber. Geniessen es, wenn das Enkelkind sagt: Opi, du stinkst ja gar nicht mehr. Sparen Geld, riechen intensiver.

Gern noch mehr.

Kürzlich hat ein Mann an meinem Büro geklopft und sich bei mir bedankt. Er ist rauchfrei. Ich sagte: Wow, Sie sehen aber gut aus. Ich hätte ihn nicht wiedererkannt. Aufhören zu rauchen, hat wirklich einen grossen Effekt auf das Aussehen.

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