Bewegende Geschichte

Dieser Aargauer rudert für seinen verstorbenen Bruder 6000 Kilometer über den Atlantik

Steve Chetcuti zuhause in seinem Garten.

Steve Chetcuti zuhause in seinem Garten.

Steve Chetcuti hat seinen Bruder an Krebs verloren – mit einem Abenteuer möchte er nun Geld für Hilfsorganisationen sammeln. Und im besten Fall einen Weltrekord brechen.

6000 Kilokalorien – soviel wie in 12 Big Mac stecken – wird der Aargauer Steve Chetcuti täglich zu sich nehmen, und am Ende trotzdem etwa 10 Kilo an Gewicht verloren haben. Denn was er vor hat, ist kräftezehrend: Er will den Atlantik in einem Ruderboot überqueren, 6000 Kilometer mit reiner Muskelkraft.

48 Tage, vier Stunden und 40 Minuten brauchten die Weltrekordhalter dafür. Chetcuti möchte diesen Rekord brechen, es kann aber auch gut sein, dass er und seine vier Mitstreiter 60 Tage oder länger unterwegs sind. Zusammengepfercht auf ein paar Quadratmetern werden sie sich im Zweistundenrythmus abwechseln. Zwei Stunden rudern, zwei Stunden um zu schlafen, um sich zu waschen und zu essen. Ein Begleitboot gibt es nicht. Aufgeben ist nicht möglich. 

Mit Fremden auf dem Boot

«Als mein Bruder Mike im Alter von 51 Jahren an Krebs verstarb, fühlte ich mich orientierungslos», erklärt Chetcuti seine Motivation. Er wolle «etwas Grosses» machen, um seinen Bruder zu ehren, und um Geld für Hilfsorganisationen zu sammeln.

Der gebürtige Malteser lebt seit 2003 in der Schweiz und arbeitet momentan für Hero in der Unternehmenskommunikation. Auf seine verrückte Idee kam der Hendschiker durch Zufall, als er Fernsehen schaute, um sein Deutsch zu verbessern. In der Sendung ging es um ein Team aus der Schweiz, über den Atlantik ruderte, die Faszination war geweckt. Und so meldete sich Chetcuti beim Ruderklub Hallwil. «Die meisten dort sind zwar halb so alt wie ich», sagt der 50-Jährige schmunzelnd, «aber diese Leute haben mich inspiriert.»

Seit zwei Jahren bereitet er sich nun auf das Abenteuer vor. «Fast wichtiger als die physische Vorbereitung ist die mentale», erklärt er. Von seinen vier Mitstreitern hat er bis jetzt erst den Holländer Ralph Tuijn kennengelernt, dieser gehörte auch zum Team der momentanen Weltrekordhalter. Mit Georgios Ardavanis, Dolores Desclaveliere und Patrice Maciel konnte er erst telefonieren. «Wir werden uns sicher gut verstehen. Menschen, die soetwas machen, ticken ja irgendwie ähnlich.»

In so einem Boot überquert Steve Chetcuti den Atlantik.

In so einem Boot überquert Steve Chetcuti den Atlantik.

Zuhause schläft er auf dem Plattenboden

Angst hat Chetcuti nicht. Und auch seine Frau Desirée ist guten Mutes: «Ich freue mich, wenn es los geht. Zuerst wollte er dieses Abenteuer alleine wagen, jetzt ist er mit erfahrenen Leuten unterwegs – er braucht das, ich freue mich für ihn.» Das Familienleben habe gelitten, das Training sei momentan so intensiv, dass neben der Arbeit kaum Zeit für seine Frau und die drei Töchter bleibe, gesteht Chetcuti.

Der 50-Jährige trainiert hart für sein Ziel.

Der 50-Jährige trainiert hart für sein Ziel.

In der Stube des Einfamilienhauses steht das Rudergerät, mit dem er sich fit hält. Daneben liegen auf dem Plattenboden eine Isomatte und ein Schlafsack. Zwei Stunden rudern, zwei Stunden ausruhen, wie auf dem Schiff, das übt Chetcuti auch zuhause. Da wäre es nicht realistisch, im warmen Bett neben seiner Frau zu schlafen.

Die Toilette ist ein Eimer

Wie funktioniert das Leben auf einem neun Meter langen und nicht mal zwei Meter breiten Boot über so lange Zeit? «Wir haben einen Wasseraufbereiter und gefriergetrocknete Lebensmittel», erklärt Chetcuti. Alles was er mitnimmt, muss in zwei 35-Liter-Säcke passen. Die Toilette sei ein Eimer, der nach getanem Geschäft ins Meer gekippt werde. «Dafür hat man sicher eine tolle Aussicht», meint er schmunzelnd.

Aber was, wenn es stürmt? «Wenn wir nach draussen gehen sind wir immer fest mit dem Boot verbunden, denn wenn jemand unbemerkt über Bord gehen würde, wäre das wohl sein sicherer Tod.» Sollte es richtig heftig stürmen, dann müssen die Ruderer abwarten und hoffen. Die Crew rechnet mit bis zu 10 Meter hohen Wellen. «Das Boot ist so konstruiert, dass wir es schlissen können, und es sich drehen kann. Durch die Luftverteilung liegt es am Ende immer mit dem Bug im Wasser.» Ob er seekrank wird, wenn das Boot stundenlang von den Wellen hin und her geworfen wird, weiss der Hendschiker nicht, so etwas hat er schlicht noch nicht erlebt.

Diese Strecke ist geplant.

Diese Strecke ist geplant.

Bricht die Crew den Weltrekord?

Am 1. März geht es voraussichtlich los. «Lebend ankommen und Geld sammeln» sei das Ziel, momentan mache er sich aber mehr Sorgen um das Geld, meint Chetcuti. Er will die drei Organisationen Hospicemalta, die Schweizer Krebsliga und Terre des hommes unterstützen und versucht, für jede Organisation 10'000 Franken zu sammeln. Das Geld geht vollumfänglich an die Hilfsorganisationen, sein Abenteuer finanziert er aus eigener Kasse. 

Sollte es die Crew den Weltrekord unterbieten und innert 48 Tagen die Überfahrt von Portimao in Portugal nach Cayenne in Französisch-Guyana in Südamerika schaffen, dann würden sie am Geburtstag von Stevens Bruder ankommen. «Das ist ein Zufall. Aber es gibt mir zusätzliche Motivation», sagt Chetcuti. Ein gutes Omen für ein verrücktes Abenteuer.

Im März wird die AZ von der Überfahrt berichten: Chetcuti wird sich regelmässig vom Boot aus bei uns melden und von seinem Abenteuer erzählen.

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