Historische Häuser im Aargau
Dieses Haus beherbergt Geschichten – und einen Mirabellen-süchtigen Marder

In Aarburg steht ein privates Familienmuseum und ein Stück Schweizer Geschichte. Und ein Marder holt sich seit Jahren die frischen Mirabellen im Garten. Die Familie Barrelets erzählt, wie es ist, in einem über 200-jährigen Haus zu wohnen.

Michael Hugentobler
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Susi und Pierre Barrelet im schönen Garten vor ihrem Bernerhaus in Aarburg. Emanuel Freudiger

Susi und Pierre Barrelet im schönen Garten vor ihrem Bernerhaus in Aarburg. Emanuel Freudiger

Oben im Estrich wohnt jemand, man kann ihn hören, besonders in der Nacht, dann wuselt er hin und her. Er hält Susi Barrelet wach, weil er so viel Krach macht. Pierre Barrelet sagt, der wohne seit fünfzig Jahren da oben, und er liebe den Mirabellenbaum draussen im Garten. Wenn die Mirabellen reif sind, findet man jeweils abgenagte Steine unter dem Baum. Die Aprikosen mag er nicht, mit denen spielt er nur und lässt sie vor der Haustür liegen. Das grosse Rätsel war lange, wie er vom Garten in den Estrich kommt, bis ihn Susi Barrelet eines Nachts vor dem Fenster der Laube sah, er kletterte den Reben entlang über das ehemalige Plumpsklo zum Dach hoch.

Serie: Historische Häuser

Im Kanton Aargau gibt es rund 800 denkmalgeschützte Wohnhäuser. Obwohl vielen dieser Bauten der Unterhalt fehlt, wuchs in den letzten Jahren das Interesse an diesen Häusern. Die aargauische Denkmalpflege führt dies zurück auf den Wunsch nach individuellem Wohnen. Es gibt auch Häuser, die zwar alt, aber nicht geschützt sind. Damit sich die Besitzer dieser Häuser besser austauschen können, haben sie sich in der Schweizerischen Vereinigung der Eigentümer historischer Wohnbauten, Domus Antiqua Helvetica, organisiert. Die az stellt vier dieser Häuser vor. (hug)

Das ist nur eine von vielen Geschichten in diesem Haus. «Es sind so viele, wir können sie gar nicht alle erzählen», sagt Susi Barrelet.

Eine andere Geschichte ist jene vom Wilhelm Tell auf dem hellblauen Kachelofen. Seltsamerweise fällt dieser Wilhelm Tell auf, obwohl er nicht viel grösser ist als zehn Zentimeter und umgeben von vielen anderen kleinen Statuen, Vasen und Töpfen. Er stand einmal in einer Villa in Luino, Italien, wo die Grosseltern von Pierre Barrelet eine Spinnerei hatten, und als die Villa verkauft wurde, kam der Wilhelm Tell nach Aarburg.

Noch eine Geschichte, jene vom Ölgemälde mit Maria und Josef. Wertvoll ist das Gemälde nicht, aber die Barrelets mögen die Art und weise, wie es in die Familie kam. Es lag vor vielen Jahren in der Nähe des Ortasees in einer Schreinerei unter zwei Särgen, Pierre Barrelet war damals noch ein Junge, und er war mit seinem Vater beim Schreiner. Der Vater fragte, was denn unter diesen Särgen liege, der Schreiner zog das Bild hervor und gab es dem Vater, er sagte, das Bild sei ihm egal, es sei ja nur eine Zwischenlage. Der Vater hoffte, es könnte ein Da Vinci sein, aber das war es dann doch nicht.

Haus wurde 1794 gebaut

Die Barrelets kommen ursprünglich aus dem Val de Travers, wo auch der Absinth herkommt, und die Familienchronik ist voller Männer, die in alle Ecken der Schweiz und der Welt zogen, und einige hinterliessen ihre Spuren in der Geschichte. Ein Urgrossvater war der Erbauer des Pfaffensprungtunnels am Gotthard, einer gründete die Bodenseeschifffahrt, einer die Klinik Schloss Mammern im Kanton Thurgau, sie waren Direktoren von Stickereien und Seide- und Uhrenfabriken, sie waren Hoteliers, und ein Grossvater lebte in Konstantinopel, wo er mit Perserteppichen handelte, und einige dieser Teppiche liegen jetzt ebenfalls in Aarburg.

Das Haus, das 1794 gebaut wurde, gehört seit 1938 der Familie Barrelet. Vorher war es das Mädcheninternat der Fräulein Nanette Schmitter, dann die Weinhandlung Merian & Cie, gegründet 1842, und dann das Wohnhaus von Zahnarzt Vögeli, Sohn eines Pöstlers, der in Brugg praktizierte und übers Wochenende jeweils heimkam. Vögeli und die Barrelets wohnten eine Zeit lang zusammen im Haus, sie führten eine Art Wohngemeinschaft, es wurde bis in alle Nacht hinein in der Küche geplaudert und diskutiert, aber dann heiratete der Zahnarzt, zog aus dem Haus aus und gründete eine Familie.

Heute mutet das Haus auf den ersten Blick vielleicht ein wenig verstaubt an, aber die Geschichten machen es umso lebendiger. Es ist einfach, sich hier wohlzufühlen. Das weiss seit fünfzig Jahren auch der Gast da oben im Estrich, der Marder, der nach Sonnenuntergang hin und her zu tippeln beginnt, und wenn er Lust hat und es gerade die rechte Jahreszeit ist, dann klettert er hinunter in den Garten und holt sich eine dieser leckeren Mirabellen.

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