Oberentfelden
Ehemals katholischer Pfarrer: «Die reformierte Kirche hat kein Gesicht»

Pfarrer Josef Hochstrasser spricht im Interview über Gottlieb Locher, den höchsten Reformierten im Land und erklärt, was die Reformierten von den Katholiken übernehmen könnten.

Hans Fahrländer
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Der Blick richtet sich gen Himmel: Was ist von dort oben zu erwarten? Josef Hochstrasser hat keine gesicherten Antworten.Chris Iseli

Der Blick richtet sich gen Himmel: Was ist von dort oben zu erwarten? Josef Hochstrasser hat keine gesicherten Antworten.Chris Iseli

Herr Hochstrasser, in Ihrem soeben erschienenen Buch führen Sie Gespräche mit Gottfried Locher, der als Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes der höchste Reformierte im Land ist. Im Untertitel nennen Sie ihn den «reformierten Bischof». Eine Provokation.

Josef Hochstrasser: Ich nenne ihn nicht einfach den reformierten Bischof, der Untertitel lautet «Der reformierte Bischof auf dem Prüfstand».

Trotzdem. Sie finden sich mit Gottfried Locher im Wunsch nach einer starken, auch institutionell starken Persönlichkeit an der Spitze der reformierten Landeskirche, vielleicht auch nach mehr Hierarchie.

Die reformierte Kirche hat kein Gesicht. Kirchen brauchen ein klares Profil. Sonst werden sie nicht wahrgenommen. Und Hierarchie ist nicht einfach vom Teufel. Eine allzu liberale Kirche droht zu verschwinden. Eine Solidargemeinschaft braucht Figuren, Köpfe. Und manchmal auch eine offizielle Linie.

Evangelikale Gemeinschaften und Sekten haben das . . .

Das meine ich nicht! Wenn eine Gemeinschaft einen Guru hat, an dessen Lippen die Gemeindeglieder hängen, dann läuft es falsch. Da werden die Gläubigen infantilisiert.

Die Wortwahl Bischof verweist auf die katholische Kirche. Die Katholiken als Vorbild für die Reformierten?

Ich kenne ja beide Seiten. Ich war katholischer Priester. Nach meiner Heirat erhielt ich Berufsverbot und wurde reformierter Pfarrer. An der katholischen Messe faszinierten mich vor allem die Sinnlichkeit, die Rituale, die Kerzen. Doch als ich Priester wurde, erlebte ich auch die leidvolle Seite, das Pflichtzölibat, die Dogmen. Jesus war kein Anführer, der verordnete. Er war eine Figur, die ermunterte und stärkte. Die Reformierten könnten von den Katholiken die Emotionen übernehmen, aber nicht die Dogmen.

Ihr Buch hat für Aufruhr gesorgt, schon bevor es erschienen ist. Mehrere Medien stürzten sich auf Aussagen von Gottfried Locher zum Thema «Sex und Seele». Locher sagt: «Befriedigte Männer sind friedlichere Männer. (. . .) Wir sollten den Prostituierten dankbar sein, sie tragen auf ihre Art etwas zum Frieden bei.»

Ich habe zwar erwartet, dass solche Aussagen provozieren. Aber ich habe mich schon ein wenig gewundert über gewisse Reaktionen. Medien, die sonst nicht auf dem Boulevard zu Hause sind, haben sich auf dieses Kapitel gestürzt, isoliert daraus zitiert und damit Missverständnisse provoziert. Das Buch enthält noch viele andere Aussagen.

Bleiben wir trotzdem noch schnell beim Thema. Gottfried Locher, so gewisse Reaktionen, pflege damit ein letztlich sexistisches Weltbild, in dem die Frauen als Ventil der männlichen Lust zu dienen haben.

Diese verkürzte Darstellung wird dem differenzierenden Kapitel nicht gerecht. Wir haben im Gespräch versucht, die Widersprüchlichkeiten der Prostitution aufzuzeigen. Sie verursacht in ihrer nicht einvernehmlichen, gewalttätigen Form viel Leid. Wo sie ein «Geschäft» unter freien Menschen ist, ist sie zu tolerieren. Locher und ich wollen in diesem und in anderen Kapiteln dazu aufrufen: Schaut hin, diskutiert – verurteilt nicht voreilig und pauschal.

Andere Kapitel des Buches halten Sie für wichtiger?

Jedenfalls für mindestens so wichtig.

Zum Beispiel?

Gottfried Locher und ich haben die meisten Gespräche an Schauplätzen geführt, welche zu den Themen passten: in einem Asylempfangszentrum, im Kloster Einsiedeln, im Bundeshaus, auf einer Palliativstation, auf der Berner Kirchenfeldbrücke, wo sich immer wieder Menschen in den Tod stürzen – und im Berner Münster, Lochers «Haus-
Kirche». Wir haben über brennende Fragen der Zeit geredet und Antworten aus christlicher Sicht gesucht.

Was ist christliche Nächstenliebe im Asylwesen? Möglichst viele Gesuchsteller ins Land lassen?

Nein! Wir sollen unser Herz und unser Land öffnen für echte Flüchtlinge. Für alle anderen Fälle bedeutet christliche Nächstenliebe: Helfen dort, wo die Leute herkommen. Damit sie gar nicht zu uns kommen müssen. Denn auf diesen Reisen passiert ja auch viel Leid – das Stichwort Lampedusa genügt.

Was sagt christliche Nächstenliebe zum Thema Sterbehilfe?

Wir müssen dafür sorgen, dass möglichst wenige Menschen den Wunsch nach freiwilligem Sterben hegen. Doch ich bewege mich auf der Linie von Hans Küng: Wenn ein Schwerkranker nicht mehr leben will, sollte man ihm diesen Wunsch nicht verweigern.

Es zeigen sich in dem Buch auch Unterschiede zwischen Gottfried Locher und Ihnen.

Ja. Ich bin letztlich ein Agnostiker. Die Existenz Gottes ist nicht zu beweisen, seine Nichtexistenz allerdings auch nicht. Wir müssen mit dieser Ungewissheit leben. Locher ist ein Theist, er begreift Gott als Schöpfer der Welt. Sonst wäre er ja falsch in diesem Amt. Er hat aber nicht einen naiven Glauben, er verlässt den theologischen Elfenbeinturm und lässt auch Zweifel zu, bei sich und bei anderen.

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