Sturm
Ein Jahr nach «Burglind» – wie geht es unseren Aargauer Wäldern?

Vor einem Jahr zerstörte das Sturmtief Burglind grosse Flächen des Aargauer Waldes. Die Spuren des Sturms sind heute noch sicht- und finanziell spürbar. Eine Bilanz aus dem Wald.

Stefania Telesca
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Dieses Bild bot sich der Forstbetriebsgemeinschaft Region Seon zum Jahresbeginn 2018.
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Ein Jahr nach Burglind im Aargau
Im Boonwald bei Zofingen stapelt sich das Sturmholz. Es wartet darauf, vom Abnehmer abgeholt zu werden.
Ein Jahr nach Sturmtief Burglind
Ein Jahr nach Sturmtief Burglind

Dieses Bild bot sich der Forstbetriebsgemeinschaft Region Seon zum Jahresbeginn 2018.

zvg

Matthias Kläy hält mit seinem Försterauto im Boonwald, nahe Zofingen – an einer Lichtung, wo vor einem Jahr noch keine war. Am zweiten und dritten Januar 2018 fegte das Sturmtief Burglind mit Böen von bis zu 226 Kilometern pro Stunde über die Schweiz. Kläy hat diese Fläche ausgesucht, um über die Folgen des Sturmes zu sprechen. Der 47-Jährige ist Umweltwissenschafter und Leiter des Forstbetriebes Region Zofingen. Er hat diese Aufgabe erst im Oktober 2018 übernommen, als die Aufräumarbeiten noch in vollem Gange waren. Sein Vorgänger Ernst Steiner war 31 Jahre lang im Amt.

Auf der Lichtung ragen unzählige Baumstümpfe aus dem Boden. «Die Region Zofingen war von ‹Burglind› überproportional betroffen. Das hängt auch mit der Topografie zusammen. Innerhalb von einem Tag lagen 18 000 Kubikmeter Holz am Boden, das ist mehr als die normale Holznutzung eines gesamten Jahres», erklärt Matthias Kläy.

Am Wegrand sind Baumstämme aufeinandergestapelt. Sie warten darauf, vom Abnehmer abgeholt zu werden. Die Stämme des ersten Stapels werden als Bauholz dienen. Die Stämme des zweiten Stapels werden später zu Hackschnitzeln für die Wärmegewinnung verarbeitet. «Aus solchen Sturmflächen kommt leider selten hochwertiges Holz für Furniere oder Täfer heraus», sagt der Förster.

Die grösste Herausforderung für ihn war bei seiner Amtsübernahme im Oktober nicht das Aufräumen der Sturmschäden: «Sie waren ein eingespieltes, leider auch sturmerprobtes Team. Als ich angefangen habe, waren die Aufräumarbeiten bereits bis Ende 2018 aufgegleist.» Alle planmässigen Arbeiten wie Holzschläge und Pflanzungen wurden Anfang 2018 sofort sistiert und alle Kraft in die Bewältigung der Sturmschäden konzentriert. Die Unterstützung durch externe Forstunternehmungen wurde deutlich ausgebaut.

Der Forstbetrieb lebe aber zu 80 Prozent vom Holzerlös, erklärt Matthias Kläy. Die aktuelle Marktsituation sei besonders schwierig und für den neuen Betriebsleiter eine Herausforderung: «Es gibt Jahre, in denen lässt sich das Holz sehr gut und zu angemessenen Preisen verkaufen. Die grossen Verarbeiter, auch europaweit, wurden aber vom Sturmholz überschwemmt.» Dabei handle es sich oft um qualitativ schlechtes Holz. Die Holzpreise seien im letzten Quartal entsprechend in den Keller gefallen und der Absatz von Frischholz sei nicht einfach, erklärt der Betriebsleiter.

200'000 Kubikmeter Sturmholz lagen nach dem Sturm Burglind in den Aargauer Wäldern gesamthaft auf dem Boden. 100 000 weitere Kubikmeter fielen den Käfer zum Opfer.

6453 Schadenmeldungen aus über 200 Aargauer Gemeinden gingen nach «Burglind» bei der Aargauischen Gebäudeversicherung ein.

15,6 Millionen Franken. So hoch war die Schadensumme laut der Aargauischen Gebäudeversicherung. Die meisten Schäden passierten in Oftringen, Aarau, Buchs und Rothrist.

Längerfristige Folgen

Die sichtbaren Schäden waren in den Wäldern der Region Zofingen per Ende 2018 grösstenteils aufgearbeitet, sagt Matthias Kläy, «inklusive der zusätzlichen Schäden, die vom Hitzesommer angefallen waren». Die Bäume, die nach dem Sturm am Boden lagen, bildeten ideales Brutmaterial für Borkenkäfer. «Durch die extreme Trockenheit im Sommer waren die Bäume zusätzlich geschwächt», sagt Kläy. Die Bäume, die durch Borkenkäfer angegriffen wurden, mussten ebenfalls gefällt und aus dem Wald gebracht werden.

Das Aufräumen der Zwangsnutzung sei aber nur der erste Schritt so der Betriebsleiter: «Wir haben viele Waldflächen, auf denen nichts mehr drauf ist. Dort muss man ergänzende Pflanzungen vornehmen, damit eine neue Generation Wald heranwachsen kann.» Dies verursache in erster Linie Kosten und keine Erträge. Ausserdem müsse man die Wiederbewaldung mit Blick auf die Zukunft vornehmen und den Klimawandel miteinberechnen: «Man muss die Baumarten wählen, die auch in 60 bis 80 Jahren hier standortgerecht, widerstandsfähig und marktgerecht sind. Es gibt noch viel zu tun».

400 Lastzüge Holz

Auch in der Region Seon hat «Burglind» 10 000 Kubikmeter Holz umgenietet, «das entspricht 400 vollen Lastzügen», erklärt Marcel Hablützel, Förster der Forstbetriebsgemeinschaft Region Seon. Die Aufräumarbeiten konnten auch hier kurz vor Ende 2018 abgeschlossen werden. «Die öffentlichen Infrastrukturen, wie Reservoire der Wasserversorgung, wichtige Waldstrassen oder Waldhäuser, die zum Teil bereits vermietet waren, hatten Priorität. Dann musste man schauen, wo welches Holz liegt.» Hochwertiges Holz, wie schöne Fichten oder Lärchen, sei mehr wert, «also haben wir diese zuerst weggeräumt, damit sie nicht noch mehr an Wert verlieren», sagt Hablützel. Das Marktumfeld sei innert kürzester Zeit vollgestopft gewesen: «Es war viel Holz da, man braucht aber auch Abnehmer.»

Auch Hablützel denkt über die Zukunft des Waldes nach. Als Folge des Sturmes und des heissen Sommers hat sich der Borkenkäfer ausgebreitet: «Es wurden rund 700 Bäume durch den Borkenkäfer befallen, was einer Menge von 2000 Kubikmeter Holz entspricht», so Hablützel. Es gebe Flächen, die man nach diesem schwierigen Jahr wiederbewalden muss, weil nach dem Sturm auf einmal zu viel Licht auf den Boden fiel: «Dadurch entsteht rasch eine Begleitvegetation von Brombeeren und Adlerfarn.» Wenn immer möglich werde so gearbeitet, dass man keine Pflanzungen vornehmen muss. Der Wald könne sich im Normalfall selber verjüngen, so Hablützel. «So entstehen geringere Kosten. Aber an manchen Stellen werden wir im Frühjahr 2019 Bäume pflanzen, wenn möglich trockenresistente Bäume.»

Forstarbeit nach Sturm Burglind Aufräumarbeiten der Forstarbeiter nach dem Wintersturm Burglind, Seengen, 23. Januar 2017
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Forstarbeit nach Sturm Burglind Aufräumarbeiten der Forstarbeiter nach dem Wintersturm Burglind, Seengen, 23. Januar 2017
Simon Häusermann, Forstwart-Vorarbeiter, Forstbetrieb Rietenberg
Förster an der Arbeit nach Sturm Burglind
Forstarbeit nach Sturm Burglind Aufräumarbeiten der Forstarbeiter nach dem Wintersturm Burglind, Seengen, 23. Januar 2017
Forstarbeit nach Sturm Burglind Aufräumarbeiten der Forstarbeiter nach dem Wintersturm Burglind, Seengen, 23. Januar 2017
Forstarbeit nach Sturm Burglind Aufräumarbeiten der Forstarbeiter nach dem Wintersturm Burglind, Seengen, 23. Januar 2017
Forstarbeit nach Sturm Burglind Aufräumarbeiten der Forstarbeiter nach dem Wintersturm Burglind, Seengen, 23. Januar 2017
Forstarbeit nach Sturm Burglind Aufräumarbeiten der Forstarbeiter nach dem Wintersturm Burglind, Seengen, 23. Januar 2017
Forstarbeit nach Sturm Burglind Aufräumarbeiten der Forstarbeiter nach dem Wintersturm Burglind, Seengen, 23. Januar 2017
Drei statt einer: Wegen des vom Regen durchnässten Bodens braucht es nicht mehr viel, bis geschwächte Bäume fallen. Hier reisst eine Tanne zwei Buchen mit.
Forstarbeit nach Sturm Burglind Aufräumarbeiten der Forstarbeiter nach dem Wintersturm Burglind, Seengen, 23. Januar 2017
Forstarbeit nach Sturm Burglind Aufräumarbeiten der Forstarbeiter nach dem Wintersturm Burglind, Seengen, 23. Januar 2017

Forstarbeit nach Sturm Burglind Aufräumarbeiten der Forstarbeiter nach dem Wintersturm Burglind, Seengen, 23. Januar 2017

Alex Spichale

Auch Theo Kern, Geschäftsführer von Wald Aargau, blickt auf ein schwieriges Jahr 2018 zurück: «Wir haben eine Käferexplosion erlebt. Die Tiere hatten alles, was es für eine hohe Käferproduktion braucht.» Das Problem weite sich auf die kommenden Jahre aus: «Man erwartet, dass dieser Käferzyklus zirka fünf bis sechs Jahre anhalten wird. Im Jahr 2019 werden im Kanton Aargau zwischen 100 000 und 150 000 Kubikmeter Käferholz erwartet.»

Das Sturmtief Vaia, das die Ostschweiz und Norditalien im Oktober stark getroffen hat, habe die Situation nach «Burglind» verschärft, man habe in Mitteleuropa zu viel Holz auf dem Markt: «Unsere Sägereien sind bis nächsten Sommer voll Nadelholz. Bei Sturm- und Käferholz hat man erlösmässig mindestens eine Preishalbierung.»

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