Vorstoss

«Eine pädagogische Kapitulation»: SP-Grossrat Vock will Bussen an Berufsschulen verbieten

© Alex Spichale

Im letzten Jahr haben die Berufsschulen im Aargau von ihren Schülern mehr als 330 000 Franken Bussen eingezogen. SP-Grossrat Florian Vock kritisiert die bisherige Praxis als ungerecht und nicht wirksam – und will sie deshalb verbieten lassen.

Im letzten Jahr haben die Berufsschulen im Aargau von ihren Schülern mehr als 330 000 Franken Bussen eingezogen. Die meisten Bussen verhängten die Berufsschulen Aarau und Lenzburg mit jeweils 70 000 Franken, sowie die Handelsschule KV Aarau und das Bildungszentrum Zofingen mit jeweils 50 000 Franken.

Das zeigte eine Auswertung der «Schweiz am Sonntag» – und die Bussenpraxis stösst SP-Grossrat Florian Vock sauer auf. «Die immensen Summen, die Berufsschulen im Aargau einnehmen, zeigen auf, dass das Instrument der Bussen übertrieben eingesetzt wird», hält Vock fest. Der ehemalige Juso-Aargau-Präsident reicht deshalb im Grossen Rat eine Motion ein, um künftig Bussen an den Berufsschulen zu verbieten. Dafür wäre eine Änderung des Gesetzes über die Berufs- und Weiterbildung nötig.

«Eine pädagogische Kapitulation»

Vock lehnt Bussen als Disziplinarmassnahmen an Schulen grundsätzlich ab und spricht von einer pädagogischen Kapitulation. «Lautet die Botschaft: Wer es sich leisten kann, darf fehlen? Oder sogar: Wer genug Geld hat, kann sich von Konsequenzen freikaufen?» Wenn die Disziplin eines Lernenden nicht genüge, seien keine Bussen, sondern individuelle Massnahmen nötig. Die Einnahmen der Berufsschulen zeigen laut Vock aber, dass hier mit dem Giesskannenprinzip bestraft wird. Vock hält fest: «Wenn es der Schule nicht gelingen würde, einer grossen Mehrheit der Lernenden die Notwendigkeit des regelmässigen Besuchs zu vermitteln, wären die Probleme schwerwiegend und nicht mit Bussen zu lösen.»

Wirkung nicht nachgewiesen

Bussen an Berufsschulen sind für den SP-Politiker eine soziale Ungerechtigkeit. Das Gebot der Gleichbehandlung zwischen den Lernenden müsse Disziplinarmassnahmen vorsehen, die alle gleich treffen, fordert der junge Sozialdemokrat. Bei einer Busse ist das laut Vock «sicher nicht der Fall». Es zähle alleine das Portemonnaie der Schüler oder ihrer Eltern. Zudem sei nicht nachzuweisen, dass Bussen eine disziplinierende Wirkung hätten.

Vock rechnet vor: «Die Berufsschule Lenzburg nimmt pro Jahr von jedem Lernenden im Schnitt 28 Franken ein. Im Bildungszentrum Zofingen sind es 38 Franken, im Berufsbildungszentrum Freiamt gar 46 Franken.» Wenn man davon ausgehe, dass nur ein geringer Prozentsatz der Schülerinnen und Schüler mit Bussen belegt würden, zeige sich, dass die Belastung für den einzelnen noch deutlich grösser sei.

Lobend erwähnt Vock in seinem Vorstoss die Berufsfachschule Gesundheit und Soziales in Brugg. Diese verzichtet im Gegensatz zu anderen Schulen völlig auf Bussen. «Dass darob die Disziplin in Brugg fehlt, würde niemand behaupten», schreibt Vock. Dies bestätigte der Brugger Rektor Felix Scheidegger gegenüber der «Schweiz am Sonntag». Die Berufsfachschule könne bis dato einen geordneten Schulbetrieb ohne das Verhängen von Bussen sicherstellen.

Meinungen der Rektoren geteilt

Unter den Rektoren der Berufsschulen im Aargau gehen die Meinungen über die Wirkung von Bussen auseinander. Ruedi Suter, Rektor der Berufsschule Lenzburg, betonte in der «Schweiz am Sonntag», Bussen seien ein erzieherisches Mittel. Man mache mit dem Motto «Hinschauen und reagieren und nicht wegschauen und schweigen» gute Erfahrungen. Hans Marthaler, Rektor des Bildungszentrums Fricktal, hält Bussen als disziplinarische Sanktionen für sinnvoll. Aber an irgendwelchen pädagogischen Nutzen glaubt er nicht.

Für Florian Vock steht fest: Die Argumente gegen Bussen an Berufsschulen überwiegen. Ein Verzicht würde zu mehr Gleichbehandlung der Lernenden führen und ihre Eigenverantwortung stärken.

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