Interview

«Eine Wirtschaftsfrau ist für Linke suspekt» – Grünliberale Doris Aebi verzichtet auf erneute Regierungsratskandidatur

«Männer kommen früher zur Sache beim Geld.» Doris Aebi in ihrem Headhunter-Büro in Zürich, wo sie Top-Manager rekrutiert.

«Männer kommen früher zur Sache beim Geld.» Doris Aebi in ihrem Headhunter-Büro in Zürich, wo sie Top-Manager rekrutiert.

Mit ein paar Monaten Distanz schaut die Grünliberale Doris Aebi auf die Regierungsratswahl im letzten Herbst zurück. Die Headhunterin aus Schöftland über den Aargauer Politklüngel, Frauen in der Wirtschaft und warum die Rechnung von Rot-Grün bei den nächsten Wahlen nicht aufgehen werde.

Die Lage von Doris Aebis Headhunter-Büro könnte nicht perfekter sein. Ruhig und diskret gelegen an der Gartenstrasse im Zürcher Kreis 2 und doch nur wenige Gehminuten von der pulsierenden Bahnhofstrasse entfernt. Wir führen das Interview am Sitzungstisch, wo die Wirtschaftsfrau sonst selber Kandidatinnen und Kandidaten für hohe Managerposten befragt.

Sie haben ein einladendes Büro an bester Lage in Zürich, hier sind Sie Ihre eigene Chefin. Sind Sie auch ein bisschen froh, dass Sie dies hier nicht eintauschen mussten gegen das Amt als Regierungsrätin?

Ich wollte nicht aus Flucht vor meinem Beruf Regierungsrätin werden. Ich mache meinen Job wirklich gerne. Aber ich gebe zu: Das Amt in der Aargauer Regierung hätte mich sehr gereizt.

Sie kündigten Ihre Kandidatur für die Nachfolge von Franziska Roth praktisch aus dem Nichts an. Was trieb Sie an?

Aus dem Nichts kam sie nicht. Ich war immer ein sehr politischer Mensch. In jungen Jahren habe ich klassische Ämter gehabt, für die SP Solothurn war ich Kantonsrätin, übrigens im sehr liberalen Flügel; später habe ich mich als Unternehmerin nebenbei publizistisch zur Politik geäussert und war im Hochschulrat der Fachhochschule Nordwestschweiz. Letztes Jahr hat die Konstellation einfach gepasst mit der Einervakanz im Regierungsrat. Es wäre die Chance gewesen, die politische Mitte zu stärken. Als ich gesehen habe, wer sonst noch kandidiert, habe ich entschieden anzutreten.

Sie sahen sich besser qualifiziert als andere?

Entscheidend war der Unterschied im persönlichen und politischen Profil.

Im Wahlkampf hiess es da und dort, Sie würden «arrogant» wirken. Waren Sie sich bewusst, dass Sie teilweise so rüberkamen?

Ich habe viel positives Feedback erhalten. Aber klar, ich kann bestimmt auftreten. Zudem mögen andere Parteien meine Kandidatur anmassend empfunden haben, weil ich nicht Bestandteil des Aargauer Politestablishments war und für eine noch kleine Partei antrat.

Man könnte auch sagen: Sie sind aufgelaufen bei den anderen Parteien.

Ich würde nicht sagen aufgelaufen, aber Parteikalkül stand im Vordergrund. Dazu kommt, dass die Aargauer Politik ein enger Klüngel ist und in traditionellen Werdegängen denkt. Es wird erwartet, dass man die klassische Ochsentour durch die Partei macht. Die Ochsentour ist Freipass und Anspruch zugleich auf ein Amt.

Gegenbeispiel: Franziska Roth hat diese Ochsentour auch nicht gemacht und wurde als politunerfah­rene Richterin gewählt.

Das ist richtig. Sie wurde aber gewählt, weil die grösste Partei sie aufgestellt hatte und die FDP sie im zweiten Wahlgang unterstützte.

Wäre Franziska Roth bei Ihnen als Headhunterin durchgefallen?

Bei meinen Mandaten gleiche ich immer die Erfahrungen, Kenntnisse, Fähigkeiten und Eigenschaften mit den Anforderungen ab und weise auf Abweichungen hin. In diesem Fall hätte ich sicher auf die fehlende Erfahrung in Politik und Führung hingewiesen.

Ich weiss, Sie mögen den Begriff nicht. Aber war Ihr Handicap auch, dass viele Wähler nach Frau Roth nicht schon wieder auf eine Quereinsteigerin setzen wollten?

Der Begriff ist immer noch falsch. Ich bin keine Quereinsteigerin…

…sagen wir: Sie sind angetreten als eine, die nicht die klassische Ochsentour gemacht hat.

Ja, im Aargau nicht, so stimmt es. Und möglicherweise hat es meiner Kandidatur wirklich nicht geholfen, dass vorher eine Frau im Amt gescheitert ist, die nicht die klassischen Politämter durchlaufen hat.

Haben Sie wirklich ernsthaft an einen Sieg geglaubt mit der zwar wachsenden, aber doch immer noch kleinen GLP im Rücken?

Selbstverständlich. Ich kandidiere nicht einfach, um etwas Staub aufzuwirbeln oder mich für ein anderes Amt bekannt zu machen. Die Grünliberalen sind von ihrem Gedankengut her mehrheitsfähig. Aber was man nicht voraussehen konnte, war das Päckli, das die SP und die Grünen vor dem zweiten Wahlgang gemacht haben, und das notabene überhaupt nicht aufgegangen ist. Dieses Vorpreschen, hat Tatsachen geschaffen, die mir keine Chancen mehr liessen. (Anmerkung der Redaktion: Cédric Wermuth verzichtete beim Ständerat zu Gunsten von Ruth Müri, im Gegenzug unterstützten die Grünen Yvonne Feri bei den Regierungsratswahlen.)

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Für SVP-Kandidat Jean-Pierre Gallati ist klar: Er tritt im zweiten Wahlgang für den Aargauer Regierungsrat noch einmal an. Aber wen stellt ihm Mitte-Links gegenüber? Das entscheidet sich in den nächsten Tagen. Im TV-Talk am Wahlsonntag versuchten sich die fünf Kandidaten noch einmal zu profilieren.

Sie wären gerne anstelle von Jean-Pierre Gallati Regierungsrätin geworden. Was ist Ihr erster Eindruck von ihm als Vorsteher des Departementes Gesundheit und Soziales?

Es ist noch früh. Aber mich hat positiv überrascht, wie gut ihm der Seitenwechsel vom Regierungskritiker zum Regierungsrat gelungen ist. Wie er zum Beispiel den Ausbau des Kantonsspitals voll mitträgt, den er vorher bekämpft hatte.

Sie haben dieses Jahr eine neue Chance, selber Regierungsrätin zu werden. Treten Sie an zu den Gesamterneuerungswahlen im Herbst?

Es haben entsprechende Gespräche stattgefunden. Aber es wird nur der Sitz der Linken frei. Und nach meinem Politverständnis muss die linke Wählerschaft abgebildet werden in der Regierung. Es wäre deshalb nicht korrekt, diesen Sitz anzugreifen.

Es sind insgesamt fünf Plätze zu vergeben.

Ja, aber dann müsste man ohne Not jemanden abwählen, das halte ich für keinen guten Politstil.

Sie treten also definitiv nicht wieder an?

Nein, ich stehe diesmal nicht zur Verfügung als Regierungsratskandidatin. Obwohl ich dieses Amt nach wie vor gerne machen würde. Aber das Fenster für eine Kandidatur ist diesmal nicht offen.

Sehen Sie den Anspruch Ihrer Partei generell nicht?

Doch, aber nicht in der jetzigen Konstellation. Wenn neben Urs Hofmann von der SP auch ein bürgerliches Mitglied der Regierung zurückgetreten wäre, hätte ich mir eine erneute Kandidatur ernsthaft überlegt und die GLP mit mir gute Chancen gehabt.

Sie überlassen das Feld also den Linken. Im Gegensatz zu den Grünliberalen, sind die Grünen entschlossen, ebenfalls anzutreten. Wie beurteilen Sie das?

Die Rechnung von Rot-Grün wird nicht aufgehen. Sie werden nicht zwei Sitze holen, sich also höchstens den Sitz gegenseitig streitig machen. Und ich wundere mich, dass die SP es bis jetzt nicht geschafft hat, eine Frau zu portieren, welche das Rüstzeug für den Regierungsrat mitbringt. Ich bin gespannt, was da noch passiert.

Die viel zitierte Klima-Allianz Rot-Grün-Grünliberal hat bei den letzten Wahlen nicht funktioniert und wird also auch diesmal nicht spielen. Ist diese Klima-Allianz ein Phantom?

Die Klima-Allianz gibt es so tatsächlich nicht. Das sieht man auch in Bundesbern. Die Grünen wollen über Verbote und Regulierungen zum Ziel kommen. Wir Grünliberale begegnen mit liberalen Ansätzen und Innovation den ökologischen Herausforderungen.

So reden mittlerweile auch die Bürgerlichen, inklusive SVP. Wenn die FDP ihren ökologischen Einschlag unter Präsidentin Petra Gössi ernst meint, braucht es die Grünliberalen bald nicht mehr.

Doch. Wir sind glaubwürdiger, gerade bei den Jungen, weil bei uns der ökologisch-progressive Kurs zur Grundausrichtung gehört.

Sie grenzen sich akzentuiert ab gegen Ihre ehemalige Partei SP. Warum eigentlich?

Die SP ist in den letzten Jahren stark nach links gerutscht. Ich glaube an die Kombination Markt und Staat, das ist für mich kein Widerspruch.

Umgekehrt sind Sie für einen überzeugten Linken ein rotes Tuch allein schon aufgrund ihres Berufes Headhunter. Das steht für Kapitalismus, Managerwelt, hohe Saläre.

Eine Frau der Wirtschaft ist für Linke per se suspekt.

Wie kommen Sie darauf? Die Linken fordern am vehementesten die Frauenquote in Unternehmen.

Das schon. Aber politisch ist jemand aus der Wirtschaft bei den Linken schnell unten durch, auch als Frau.

Wie erleben Sie das Gender-Thema konkret in Ihrem Job als Headhunterin?

Das ist auch bei mir ein grosses Thema. Es gibt mehr und mehr Firmen, die zu uns kommen und eine Führungsfunktion explizit mit einer Frau besetzen möchten.

Ist es wirklich so schwierig, qualifizierte Frauen zu finden, wie es immer wieder heisst?

Ich teile diese Meinung nicht ganz. Darum sage ich den Firmen auch immer wieder: Ihr müsst keine Angst vor Quoten haben, die könnte man gut erfüllen. Was ich aber immer wieder feststelle: Im Zweifelsfall, wenn in der Endauswahl eine Frau und ein Mann sind, setzen Firmen nach wie vor oft auf das, was sie besser kennen und verstehen: also Männer.

Stellen Sie Lohnungleichheit zwischen Mann und Frau auch bei Topkadern fest, die Sie rekrutieren?

Ein schwieriges Thema, weil Löhne schlecht vergleichbar sind. Oft haben Männer schon einen höheren Lohn, wenn Sie für einen Managerjob in die Auswahl kommen, weil sie eine gradlinigere Karriere haben, Frauen dagegen aufgrund der Familienphase mehr Brüche, und somit steigt der Lohn nicht gleich schnell. Was ich aber feststelle: Männer haben ein selbstbewussteres Auftreten beim Thema Lohn. Bei Frauen spielt dafür das konkrete Jobprofil eine grössere Rolle.

Zugespitzt formuliert: Männer schauen beim Jobangebot aufs Geld, Frauen auf den Inhalt.

Sagen wir es so: Die Männer kommen früher zur Sache beim Geld.

Beim Thema Geld wird das Eis dünn, darum frage ich Sie indirekt: Als Regierungsrätin verdient man rund 300000 Franken. Hätten Sie mehr Steuern zahlen müssen als heute, wären Sie gewählt worden?

Nein, tendenziell weniger.

Wird man politisch wieder von Ihnen hören, zum Beispiel als Grossrätin?

Als Grossrätin nicht, da lasse ich Jüngeren den Vortritt. Aber ich kann mir gut vorstellen, im Aargau für den Kanton oder ein Unternehmen in einer nebenberuflichen Funktion Verantwortung zu übernehmen, in der meine Erfahrungen aus Politik und Wirtschaft gefragt sind.

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