Türkische Offensive in Nordsyrien

Erdogan-naher Verein im Aargau befürchtet Gewalt von Demonstranten

Der Präsident einer regierungstreuen Organisation verteidigt Vorgehen der Türkei.

Am Dienstag verteidigt der türkische Botschafter Ilhan Saygili im Interview mit der AZ den Einmarsch der Türkei ins Syrische Grenzgebiet. Er nannte die Offensive eine «legale Aktion gegen Terroristen» und meinte damit die kurdische Miliz YPG. Die Türkei betrachtet diese als Teil der kurischen Untergrundorganisation PKK und somit als Terrororganisation.

Gleicher Meinung ist Murat Sahin, Präsident der «Union Internationaler Demokraten», die ihren Schweizer Hauptsitz in Spreitenbach hat. Bis vor einem Jahr hiess die Organisation «Union Europäischer Türkischer Demokraten» (UETD). Die UID gilt als regierungstreu und Erdogan-nahe. «Wir halten die Aktion zur Sicherung der eigenen Grenzen durch die Türkei für eine völkerrechtlich legale Massnahme», sagt Sahin auf Anfrage.

Dass es in der Schweiz heftige Kritik an der Offensive und Demonstrationen von Kurden gibt, hat Sahin zur Kenntnis genommen. Bei der Kundgebung der Kurden in Aarau am Dienstagabend wurde der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan auf einem Plakat als Mörder bezeichnet. «Es steht jedermann zu, seine Meinung im Rahmen der gesetzlichen Grenzen zu äussern. Wir sind aber klar der Meinung, dass Kundgebungen keinesfalls zu Hass und Gewalt aufrufen dürfen», sagt er.

Demonstration in Aarau

Demonstration in Aarau

Angriffe auf türkische Einrichtungen befürchtet

Konflikte mit Kurden in der Schweiz oder im Aargau schliesst Sahin nicht komplett aus: «Wir befürchten, dass gewaltbereite Demonstranten und Sympathisanten bekannter Terror-organisationen hier das Demonstrationsrecht nutzen könnten, um gewaltsam ihren Unmut gegen türkische Einrichtungen in der Schweiz und im Aargau zu zeigen.» Sahin spricht von 2000 gewaltbereiten Demonstranten, die am vergangenen Wochenende versucht haben sollen, die Botschaft der Türkei in Bern zu stürmen.

Tatsächlich endete eine bewilligte Protestkundgebung gegen die türkische Militäroffensive in Bern vergangenen Freitag damit, dass die Polizei Gummischrot und Wasserwerfer einsetzen musste. Die Kantonspolizei Bern spricht von mehreren hundert Demonstrations-Teilnehmern. Bei der türkischen Botschaft seien von einzelnen Personen aus der Menge heraus Steine und Holzlatten in Richtung Einsatzkräfte geworfen worden.

Trotzdem will die UID ihren Hauptsitz in Spreitenbach nun nicht speziell bewachen lassen, wie Sahin sagt: «Wir sind der Ansicht, dass dies Aufgabe der Schweizer Sicherheitsbehörden ist und diese ihre Aufgabe wahrnehmen wird.» Ob die Kantonspolizei Aargau den Sitz der türkischen Vereinigung in Spreitenbach bewacht, teilt sie auf Anfrage nicht mit.

Gespaltene Meinungen innerhalb der Türkischen Gemeinschaft

Jasmin Gülener ist Generalsekretärin der Türkischen Gemeinschaft in der Schweiz. Die Gemeinschaft vertritt 95 türkische Vereine mit mehreren Tausend Mitgliedern. Gülener distanziert sich klar von Erdogans Partei AKP und der UID. Sie hält aber fest, die Türkei habe in der Vergangenheit versucht, auf demokratischem Weg eine Lösung mit der PKK zu finden. «Diese Militäroffensive richtet sich ganz klar gegen die terroristische Gruppierung PKK und nicht gegen die Zivilbevölkerung», betont Gülener.

In der Türkischen Gemeinschaft der Schweiz seien die Meinungen zur Militäroffensive im Norden Syriens gespalten: «Bei uns gibt es türkische Staatsangehörige, die diese Aktion unterstützen und andere, die gar nichts davon halten», sagt die Aargauerin, die auch eine türkische Radiosendung auf Kanal K moderiert. Man könne nicht pauschalisieren.

Dass die Demonstration der Kurden am Dienstag in Aarau friedlich verlief, sei sehr erfreulich. «Aber es ist durchaus eine Spannung da unter türkischen Mitbürgern. Manche haben Angst, sie könnten in der Schweiz ein Ziel der PKK werden», so Gülener. Auch sie erwähnt die Demonstration vom vergangenen Freitag in Bern: «Die Stimmung kann ziemlich schnell überschwappen und eine friedliche Demonstration kann sich plötzlich zu einer aggressiven Veranstaltung entwickeln, bei der eine türkische Flagge verbrannt wird.» Dies geschah in den vergangenen Tagen zum Beispiel im deutschen Nürnberg. «Ich kann mir vorstellen, dass eine solche Aktion für Türken eine Provokation und einen Affront darstellt, unabhängig davon, ob sie für oder gegen die militärische Offensive sind.» Wichtig ist für sie, dass beide Seiten zu Wort kommen. «Diese Neutralität sollte gegeben sein, vor allem hier in der Schweiz.»

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