Interview

Ernst Werthmüller: «Die Regierung verkauft ihre AEW-Anteile aus guten Gründen nicht»

Ernst Werthmüller: «Die AEW ist bereit für die gänzliche Strommarktöffnung. Das darf ich auch als mittlerweile ehemaliger Präsident sagen.»

Ernst Werthmüller: «Die AEW ist bereit für die gänzliche Strommarktöffnung. Das darf ich auch als mittlerweile ehemaliger Präsident sagen.»

Ernst Werthmüller präsidierte 16 Jahre den Energieversorger AEW Energie AG. Im Interview sagt er, wie er unsere Energiezukunft sieht, warum er einen Tesla fährt, welches Bild er von China hat und warum er erst kürzlich Vater geworden ist.

Ernst Werthmüller war 23 Jahre Verwaltungsrat der AEW Energie AG, davon 16 Jahre Verwaltungsratspräsident. Neu präsidiert Raffael Schubiger den Energieversorger, der im Besitz des Kantons ist.

Für ein Gespräch über Werthmüllers Zeit beim grössten Aargauer Energieversorger bekommen wir Gastrecht im grossen Sitzungszimmer im 15. Stock des AEW-Gebäudes in Aarau, mit beneidenswertem Panoramablick über die Kantonshauptstadt.

Herr Werthmüller, was war die markanteste Veränderung in Ihrer Zeit bei der AEW?

Ernst Werthmüller: Das ist der Wandel vom Aargauischen Elektrizitätswerk, einer Staatsanstalt mit Monopol, zu einer Aktiengesellschaft mit marktgerechten, schlanken Strukturen. Das brauchte auch einen gehörigen Bewusstseinswandel. Als ich gewählt wurde, kam mir das Unternehmen vor wie eine Non-Profit-Organisation.

Warum das, der Kanton kassiert doch schöne Dividenden?

Ja, aber damals war es vorab Geld, das via Axpo-Dividende reinkam. Die AEW besitzt 14,03 Prozent der Axpo. Sie selbst erwirtschaftete nur einen EBIT – Gewinn vor Steuern – von 2 bis 3 Prozent. Frisch gewählt, verlangte ich damals, den EBIT in zwei Jahren auf 10 Prozent zu erhöhen. Das wurde ungläubig zur Kenntnis genommen, ich bekam aber Unterstützung dafür.

Und gelang es?

Ja, schon in zwei Jahren. Jetzt zahlen wir Dividende auf selbst verdientes Geld. Mit den dafür nötigen Massnahmen machte ich mich nicht beliebt. Doch heute ist die AEW eins der rentabelsten Kantonswerke überhaupt.

Das sagten Sie auch an der Jahresmedienkonferenz. Nun prüft der Verband Aargauischer Stromversorger eine Klage gegen die AEW. Der Vorwurf lautet, sie verlange für die Netzpreise Wucher-Gebühren.

Dazu äussere ich mich nicht, das ist Sache der aktuellen AEW-Führung. Von mir einfach soviel: Die hohe Rentabilität gewannen wir durch Kosteneffizienz, schlanke Strukturen und Diversifikation.

Ein Stromversorger funktioniert heute anders als vor 20 Jahren.

Ja, die AEW hat stark diversifiziert. Längst wird nicht mehr «nur»Strom, sondern zunehmend auch Wärme verkauft, wobei die AEW natürlich auch hier einen «return on investment» will. Sie investieren auch in Photovoltaik, in Wind und setzen auf Elektromobilität.

Setzt sich diese denn durch?

Davon bin ich überzeugt. Um des Klimas Willen, aber auch, weil diese Autos sehr effizient sind. In China setzen schon fünf grosse Autobauer stark darauf. Da können Verbrennungsmotoren bald nicht mehr mithalten, auch preislich nicht. Ich fahre einen Tesla, mit dem ich 400 Kilometer weit komme, was ich praktisch nie voll nutzen kann. Diese Autos sind also längst keine Nischenprodukte mehr.

Die AEW Energie AG gehört dem Kanton. Braucht er überhaupt noch einen eigenen Energieversorger?

Die Regierung könnte heute schon bis 49 Prozent der AEW-Anteile verkaufen. Sie tut es aus guten Gründen nicht. Ich fühlte mich vom Besitzer nie eingeschränkt. Ich konnte mit meinen Kollegen die AEW als ein Unternehmen führen, das sich im Markt behaupten muss. Natürlich gab es jeweils Diskussionen um die Dividende.

Wollte der Kanton zuviel Geld?

Wir konnten uns immer einigen. Er weiss, was er an diesem Unternehmen hat. Dieses investiert jährlich rund 80 Millionen Franken, meist im Aargau. In den letzten 20 Jahren erwirtschaftete es 1,2 Milliarden Franken, über 300 Millionen gingen als Dividende an den Kanton.

Der Bundesrat will den Strommarkt ganz öffnen, auch für die kleinen Kunden. Einverstanden?

Ja. Firmen wie der AEW wird ja immer wieder vorgeworfen, sie lebe von den «gefangenen» Kunden, die sich bislang ihren Energieversorger nicht selbst aussuchen können. Ihr Anteil an unserem Absatz beträgt hier aber nur 25 Prozent, 75 Prozent verkaufen wir auf dem freien Markt. Die AEW ist bereit für diesen Schritt, das darf ich auch als mittlerweile ehemaliger Präsident sagen.

Sie erwarten viel von der Elektromobilität. Woher soll der Strom dafür kommen, wenn dereinst die letzten AKW abgeschaltet werden?

Ich habe schon gesagt, dass die AEW in vielen Bereichen investiert. Die Photovoltaik etwa ist heute breit akzeptiert, bringt aber vergleichsweise wenig und leider unregelmässigen Ertrag. Die Batteriespeicherung ist aber noch in den Anfängen. Windenergie wäre ertragreicher, doch es gibt enormen Widerstand. Mittlere Tiefen haben für die Geothermie ihre Berechtigung, die tiefe Geothermie, auf der so viele Hoffnungen ruhten, ist meines Erachtens aber tot. Und der Ausbau bei der Wasserkraft kommt nicht voran.

Darauf und auf Geothermie baut aber die Energiestrategie 2050 des Bundes wesentlich, nebst Sparen.

Beim Energiesparen sind wir auf Kurs. Das ist gut, doch es reicht nicht. Deshalb bin ich dafür, die Lebensdauer der Kernkraftwerke von 50 auf 60 Jahre zu verlängern, wenn sie solange sicher betrieben werden können.

Darüber wird heftig gestritten. Aber auch, falls das mehrheitsfähig würde, ist das sukzessive Abschalten der AKW nicht mehr fern.

Ja, und weil wir im ganzen Land beim Ausbau von Wasserkraft und erneuerbaren Energien massiv hintendrein sind, braucht es dereinst Gaskombikraftwerke als Übergangslösung. Die sollen aber nur laufen, um Engpässe zu überbrücken.

Dadurch würde die Schweizer CO2-Bilanz massiv schlechter. Ist der Preis dafür nicht viel zu hoch?

Diesen Preis müssten wir bezahlen. Denn die Sicherheit der Stromversorgung müssen wir gewährleisten.

Aber warum selbst? Wir hab viel günstigen Strom aus dem Ausland.

Stimmt, aber wie lange geht das gut? Über das ganze Jahr haben wir noch genügend Strom, doch im Winter müssen wir seit vielen Jahren netto importieren. Das ist entscheidend. Die Übertragungsleitungen sind im Winter immer mehr am Anschlag, unsere Auslandabhängigkeit steigt.

Das ging bisher aber gut.

Die Coronakrise hat deutlich gemacht, wie sehr die Länder in Europa – auch innerhalb der EU – in der Krise zuallererst für sich schauen. Es wäre im Fall einer allfälligen Stromknappheit nicht anders. Deshalb unterstütze ich den Aufruf der Schweizerischen Elektrizitätskommission sehr, auch künftig eine genug hohe Eigenproduktion sicherzustellen.

Sie haben enge Geschäftsbeziehungen nach China. Es gibt Befürchtungen, Stromproduktionskapazität könnte ins Ausland verkauft werden, etwa nach China. Was sagen Sie dazu?

Ich verstehe sie ein Stück weit. Aber solche Anlagen können ja nur hier produzieren, und jeder Käufer will Produktion und Rendite. Trotzdem bin auch ich dafür, beim Verkauf so wichtiger Infrastruktur ins Ausland eine gewisse Kontrolle zu behalten, etwa indem man mindestens 51 Prozent der Aktien behält, oder sich ein Vetorecht ausbedingt.

Sind wir gegenüber chinesischen Firmenkäufern nicht naiv? Das sind ja oft Staatskonzerne, die nicht nach Marktgesetzen funktionieren.

China wandelt sich rasend schnell. Wir haben noch ein Bild von China, das vor 20 Jahren galt. Längst funktionieren jene Firmen in China, die ich persönlich kenne, nach marktwirtschaftlichen Prinzipien. Und es wird enorm in modernste Infrastruktur investiert.

Aber bekommen die Chinesen mit den vielen Zukäufen nicht zu viel Einfluss auf andere Länder?

Auch Schweizer Firmen kaufen oder gründen seit jeher in anderen Ländern Firmen, auch in China. Die schweizerische Ferrum AG, deren Vizepräsident ich bin, hat eine Niederlassung in China, das geht gut. Ich will dieses Land nicht verherrlichen, es hat gerade bei Menschenrechten und Umwelt grosse Defizite. Aber der Wandel ist wirklich frappant. Die Kommunikationstechnologie bis 4G kam aus den USA. 5G kommt jetzt aus China.

So wie Sie sich engagieren, kommt das Wort Ruhestand in ihrem Wortschatz noch nicht vor?

Ich bin bald 71 Jahre alt, ich weiss. Ich habe aber weiterhin ein Dutzend Mandate. Solange man mich will, solange ich Freude daran habe – was der Fall ist – , und ich den Firmen etwas geben kann, mache ich das gern noch eine Weile. Ich bin aber nirgendwo mehr operativ tätig.

Sie brechen familienmässig gar zu neuen Ufern auf, sind kürzlich Papi geworden.

Ja, das ist sehr ungewöhnlich. Mit meiner ersten Frau, die leider vor vier Jahren gestorben ist, konnte ich keine Kinder haben. Wir haben damals zwei Mädchen adoptiert. Die ärztliche Auskunft war einst, dass es an mir liege. Vor zwei Jahren habe ich wieder geheiratet. Zu meiner Überraschung sind meine Frau und ich jetzt glückliche Eltern eines neun Monate alten Buben.

Ihre Frau ist Chinesin. Wie reden Sie miteinander?

Mein Chinesisch ist ganz schlecht, meine Frau lernt deutsch, derzeit reden wir englisch miteinander.

Und Ihr Sohn?

Er wächst dreisprachig auf: Mit Schweizerdeutsch, Englisch und Chinesisch.

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