Sozialhilfe

«Erschrocken, enttäuscht, verzweifelt» – was eine ehemalige Sekretärin und andere ihren Gemeinden vorwerfen

Elisabeth Brochetti aus Beinwil arbeitete 40 Jahre als Sekretärin und lebt jetzt von Sozialhilfe.

Elisabeth Brochetti aus Beinwil arbeitete 40 Jahre als Sekretärin und lebt jetzt von Sozialhilfe.

Altersguthaben für Sozialhilfe: Kurz vor der Pensionierung geht Geld, das zeitlebens gespart wurde, an die Gemeinde. Der «Kassensturz» schildert drei Fälle aus Beinwil, Oberentfelden und Wettingen.

Die SRF-Sendung «Kassensturz» prangerte in ihrem Beitrag vom Dienstagabend namentlich drei Gemeinden an, die «Altersguthaben von Menschen einkassieren, die auf dem Existenzminimum leben».

Fall Beinwil: Ganzes Altersguthaben gefordert

Elisabeth Brochetti arbeitete 40 Jahre in diversen Unternehmen als Sekretärin. Dann verlor die alleinerziehende Mutter ihren Job und kam mit knapp 60 Jahren in ihrer Wohngemeinde Beinwil in die Sozialhilfe. Diesen Sommer sei sie von der Gemeinde zu einer Sitzung eingeladen worden, erzählt sie im TV-Interview. Man habe ihr vorgeschlagen, sich von der Sozialhilfe zu lösen und in Frührente zu gehen. Mit Hilfe ihres Vorsorgeguthabens, das sie sich ausbezahlen lassen soll.

Schriftlich liess man sie nachträglich wissen, sie müsse 50 Prozent der Sozialhilfe zurückzahlen – 40'000 Franken, die Hälfte ihres Altersguthabens. «Ich war so erschrocken, enttäuscht, verzweifelt», sagt Brochetti. «Ich habe das Vertrauen verloren.» Sie wohne seit 18 Jahren in dieser Gemeinde. Im Oktober bekam Brochetti nach eigenen Angaben einen neuen Bescheid. Nun bestand Beinwil darauf, dass sie 100 Prozent zurückzahlt. «Dann lebe ich an der Armutsgrenze mit AHV und EL», so Brochetti. Die Gemeinde Beinwil wollte gegenüber «Kassensturz» keine Stellung nehmen.

Monika Senn aus Oberentfelden bezieht seit neun Jahren Sozialhilfe.

Monika Senn aus Oberentfelden bezieht seit neun Jahren Sozialhilfe.

Fall Oberentfelden: 66'565 Franken zurückverlangt

Monika Senn zahlte 20 Jahre lang Steuern in Oberentfelden. Seit neun Jahren bezieht sie Sozialhilfe. Auch ihr wurde die Frühpensionierung empfohlen. «Man sagte mir, ich müsse einen Teil der Sozialhilfe zurückzahlen. Die Gemeinde sagte, sie habe ein Recht darauf», so Senn. Sie habe dann der Gemeinde angeboten, 30'000 Franken ihres Altersguthabens zu zahlen. Die Gemeinde beharrte aber auf der Auszahlung von 66'565 Franken, der Hälfte ihres Altersguthabens. Monika Senn hat diesen Entscheid angefochten. Er ist beim kantonalen Sozialdienst hängig.

Fall Wettingen: Mehr verlangt als früher bezogen

Anonymisiert schildert «Kassensturz» einen Fall, bei dem die betroffene Person der Gemeinde die gesamte zweite Säule überwiesen sollte, um die Sozialhilfe zurückzuzahlen; 180'000 Franken und mehr als die Person je bezogen hatte. Wettingen drohte im Schreiben mit Sanktionen, wenn sie der Forderung nicht nachkomme. Zum konkreten Fall sagt Wettingen gegenüber «Kassensturz» nichts. Allgemein aber, dass Altersguthaben normales Vermögen sei, auf das bezüglich Sozialhilfeschulden zurückgegriffen werden dürfe. «Willkür» nennt Anwalt Tobias Hobi von der Fachstelle für Sozialhilfe dieses Vorgehen. Die Fachstelle hat nun beim Kanton eine Aufsichtsbeschwerde gegen die Gemeinde Wettingen eingereicht.

Rentengelder für die Sozialhilfe anzapfen? Der Kommentar zum Thema

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