Milizsystem

Erweiterter Horizont und viel Lehrreiches: Deshalb lohnt es sich im Aargau, ein junger Gemeinderat zu sein

Adrian Schoop (Gemeindeammann von Turgi) und Roger Fessler (Gemeinderat in Mellingen) erzählen, was sie an ihren Ämtern reizt.

Adrian Schoop (Gemeindeammann von Turgi) und Roger Fessler (Gemeinderat in Mellingen) erzählen, was sie an ihren Ämtern reizt.

Die Aargauer Gemeinderäte sind überaltert, unter 40-Jährige hat es kaum. Zwei Ausnahmefälle erzählen, was sie am Job reizt.

Der Aargau wird zunehmend von Rentnern regiert: Die Zahl der über 60-Jährigen in Gemeinderäten hat in den letzten Jahren zugenommen. Während 2013 noch 20 Prozent aller Aargauer Gemeinderäte 60 Jahre oder älter waren, sind heute bereits 24 Prozent der Gemeinderatsmitglieder über 60-jährig, wie der aktuellste Gemeindestrukturbericht von 2017 zeigt.

In den jüngeren Altersgruppen herrscht dagegen ein Mangel. Zwar haben mehr 30- bis 39-Jährige ein Amt im Gemeinderat als noch 2013; mit nicht einmal acht Prozent ist deren Anteil aber noch immer sehr klein.

So alt sind die Aargauer Gemeinderäte im Durchschnitt

Dennoch: Es gibt sie – die Beispiele von jenen, die unter 40 sind und die, entgegen dem Trend, in einem Kommunalamt mitwirken. Einer von ihnen ist Roger Fessler, 38-jährig. Fessler sass in Mellingen schon zwölf Jahre lang in der Finanzkommission, seit Anfang 2018 ist er im Gemeinderat.

«Ich will meinem Heimatort etwas zurückgeben», sagt der SVP-Mann über seine Motivation. Er sei überzeugt, dass ihn das Amt weiterbringen werde. «Es erweitert meinen Horizont.» Als Vater könne er sich zudem von Grund auf für Interessen seiner zwei kleinen Kinder einsetzen und etwa in der Schulraumplanung Akzente setzen, sagt Fessler.

Es braucht eine Verwaltung, die den Rücken freihält

Fessler ist Leiter des Regionalen Betreibungsamts Heitersberg-Reusstal. Das oft hervorgebrachte Argument, wonach man als Vollberufstätiger nebenbei nicht Gemeinderat sein kann, lässt Fessler nicht gelten: «Wenn man seinen Kalender sorgfältig führt, geht das.»

Er räumt aber ein, dass es auch stark auf die Verwaltung ankomme: «In Mellingen können wir auf eine Verwaltung zählen, die uns Gemeinderäten den Rücken freihält.» In kleineren Gemeinden sei das vermutlich schwieriger, meint Fessler.

Eine solche kleine Gemeinde führt Adrian Schoop (FDP), der nach wie vor als Prototyp eines jungen Kommunalpolitikers gilt. Im Alter von 26 Jahren wurde er in den Gemeinderat von Turgi gewählt, seit 2017 ist er Gemeindeammann – mit 34 der jüngste im Kanton.

Die Entscheidung für das Amt bereue er keine Sekunde, sagt Schoop. «Ich habe extrem viel gelernt und lerne immer noch ständig dazu.» Auch Schoop arbeitet 100 Prozent, als Geschäftsführer im Familienunternehmen ist er sein eigener Chef und teilt sich die Arbeitswoche selber ein. «Das ist ein enormes Privileg», findet Schoop.

Arbeitgeber müssten flexibler werden

Ihm sei bewusst, dass in vielen Berufen aber fixe Präsenzzeiten gelten. «Das lässt sich mit einem Gemeinderatsmandat nicht immer gleich gut vereinbaren.»

Kommt hinzu: Bei vielen Jungen steht ein politisches Amt nicht zwingend zuoberst auf der
Prioritätenliste. Schoop hat Verständnis dafür: «Wenn man zum Beispiel länger ins Ausland will, kann ein Posten im Gemeinderat im Weg sein.»

Der Turgemer Ammann ist der Meinung, dass man die Kommunalpolitik besser verkaufen sollte. Einerseits müssten Arbeitgeber flexibler werden, doch auch bei der Entschädigung müsse etwas passieren.

«In Turgi bekomme ich als Gemeindeammann rund 30'000 Franken pro Jahr, bei all dem Aufwand ist das ein Stundenlohn von nicht einmal 20 Franken.» Er stehe hinter dem Milizsystem, betont Schoop. Es dürfe aber nicht sein, dass sich jemand nicht leisten könne, für ein Amt zu kandidieren.

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