«Ich habe dieses Urteil erwartet. Unsere 13-jährige Anna* hat einen sehr starken Willen und eine klare Meinung. Deshalb hat das Bundesgericht auch entschieden, dass sie hier bleiben darf: sie wollte nie zurück.» Das sagt ein erleichterter Beni Hess heute gegenüber der AZ. Gestern wurde bekannt, dass der langjährige Sorgerechtsstreit, der in der Schweiz als «Fall Anna» bekannt wurde, entschieden ist.

Fall Anna geklärt

Rückblende: 2015 sollte die damals neunjährige Anna nach Mexiko zu ihrer Mutter zurückgeführt werden. Die dort geborene Tochter einer Einheimischen und des Aargauers Beni Hess hatte nach der Trennung der Eltern bei der Mutter in Zentralamerika gelebt. Später nahm der Vater seine Tochter Anna für einen Ferienaufenthalt in die Schweiz – und behielt sie bei sich. Die Obhut war zwar der Mutter zugesprochen worden, Beni Hess betonte aber, die Tochter selbst wolle nicht zurück nach Mexiko.

Annas Grossmutter, die Aargauerin Martina Hess, musste mit ihrer Enkelin schliesslich untertauchen, um der Rückführung nach Mexiko zu entgehen. Doch nach mehreren Tagen Flucht wurde sie in Südfrankreich verhaftet und in die Schweiz zurückgebracht. Mehrere Vermittlungsversuche zwischen den beiden Elternteilen scheiterten, das Mädchen flog mit seiner Mutter zurück nach Mexiko.

«Anna reagierte mit wahnsinniger Angst»: Nachdem sie mit ihrer Enkelin untergetaucht ist, erzählt Martina Hess via Skype von der Verhaftung. (Tele M1, 26.5.2015)

«Anna reagierte mit wahnsinniger Angst»: Nachdem sie mit ihrer Enkelin untergetaucht ist, erzählt Martina Hess via Skype von der Verhaftung. (Beitrag vom 26.5.2015)

Martina Hess bereut es nicht, dass sie mit ihrer Enkelin geflüchtet ist. Sie berichtet im Skype-Interview über ihre Verhaftung in Frankreich.

Beni Hess reiste seiner Tochter bald nach. Mit seiner neuen Partnerin und einem gemeinsamen Baby lebte er wieder in Mexiko, um Anna nahe zu sein. Ende Februar 2018 flüchtete Hess schliesslich mit seiner Tochter aus Mexiko und brachte sie in einer Vierzimmer-Wohnung im Kanton St. Gallen unter. Der Sorgerechtsstreit um das kleine Mädchen wurde ein Fall für das Bundesgericht. 

Tochter wurde nicht manipuliert

Dieses gab in seinem Urteil besonders Annas Wünschen grosses Gewicht. Diese hatte die Mutter wiederholt inständig darum gebeten, sie in die Schweiz gehen zu lassen. Sie hatte das auch gegenüber einem mexikanischen Gericht geäussert und sogar dem Richter diverse Briefe geschrieben. Schliesslich war Anna nach eigener Darstellung nach dem Besuchswochenende beim Vater nicht mehr zur Mutter zurückgekehrt und auch nicht mehr zur Schule gegangen.

Die Mutter hatte befürchtet, die Tochter werde vom Vater manipuliert. Das Bundesgericht hält in seinem Urteil fest, dass es verschiedene Gründe gebe, die dagegen sprechen. So etwa, dass Anna «bereits in Mexiko, wo sie überwiegend bei der Mutter lebte, den Wunsch äusserte, in der Schweiz leben zu dürfen». Zudem habe sie zu beiden Elternteilen eine gute Beziehung und verteufle Mexiko keineswegs, sondern wolle in den Ferien dahin zurückkehren. Trotzdem fühlt sich Anna in der Schweiz wohler und sicherer.

«Es ist ein schönes Urteil, es gibt Anna eine starke Stimme», erklärt Beni Hess. Er hoffe, dass der Entscheid wegweisende Wirkung habe und der Wille des Kindes künftig ein stärkeres Gewicht erhalte. 

Auch Anna selbst sei erleichtert und glücklich. «Sie hat sich allerdings nie einschüchtern lassen, sie ist wirklich erwachsen mit der Sache umgegangen», sagt Hess, und in seiner Stimme schwingt Stolz mit. Er hofft, dass Annas Mutter sie künftig in der Schweiz besuchen komme, denn das ist auch der Wunsch der Tochter. «Ziel ist, dass wir einen guten Kontakt haben, soweit das möglich ist.»

Gegen Hess wird im August Anklage erhoben

Im März waren noch je ein Strafverfahren gegen Beni Hess und Grossmutter Martina Hess hängig. Dabei wurde etwa wegen versuchter Nötigung, Freiheitsberaubung, Entführung und Entziehung von Minderjährigen ermittelt. Beantragt ist eine bedingte Freiheitsstrafe von 20 Monaten. Wie steht es um die Verfahren? «Die Grossmutter wurde im Herbst 2017 angeklagt, das Verfahren ist vor dem Bezirksgericht Baden hängig, es gibt noch keinen Verhandlungstermin», sagt Daniel von Däniken, stv. Leiter Oberstaatsanwaltschaft. «Gegen den Sohn wird die Staatsanwaltschaft voraussichtlich im August Anklage erheben. Das Prozedere verzögerte sich, weil er sich noch in Mexiko aufhielt. Weil er das Kind dieses Frühjahr von Mexiko in die Schweiz nahm, gibt es erneut ein Verfahren wegen Entführung.» Das alles werde aber vom Bundesgerichtsurteil nicht beeinflusst.

Dazu sagt Hess: «Recht und Gesetz ist halt nicht immer dasselbe – das Gesetz hinkt hier noch etwas hinterher. Entscheidend ist aber, dass Anna in Sicherheit ist und hier zu ihrer gewünschten Schulbildung kommt. Alles andere ist im Moment nicht so wichtig.» (kob/mwa/az)

* Name geändert