Gesundheit
Ex-Stadtpräsidentskandidatin Fehlmann gehört zu den Risikogruppen für Burnout

Mit 48 Jahren gehört Aaraus erste Stadtpräsidiumskandidatin Lotty Fehlmann Stark zur Risikogruppe «Burnout». Es ist ein weiterer Fall einer Führungsperson mit (zu) hohen Ansprüchen. Psychiaterin Melitta Breznik beantwortet im Interview offene Fragen.

Sabine Kuster
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Lastete da schon zu viel Druck auf ihren Schultern? Lotty Fehlmann Stark bei einer Wahlveranstaltung im Gönhardquartier. zvg/Heiner Lüscher

Lastete da schon zu viel Druck auf ihren Schultern? Lotty Fehlmann Stark bei einer Wahlveranstaltung im Gönhardquartier. zvg/Heiner Lüscher

Frau Breznik, wie lange dauert es normalerweise, bis man sich von einem Burnout erholt hat?

Melitta Breznik: Es kann ein paar Wochen dauern, aber auch ein paar Monate. Wenn die belastende Situation anhält, dauert die Erholung länger.

Die erste Stadtpräsidiumskandidatin Lotty Fehlmann war bestens qualifiziert für das Amt. Dann hatte sie ein Burnout. Wie erklären Sie sich das?

Ich kann mich nicht zum konkreten Fall äussern. Allgemein muss man festhalten, dass Burnout keine offizielle Diagnose ist. Es ist ein Symptomenkomplex, der meist in eine Depression mündet. Man hat keine Energie mehr. Damit schwindet auch das Selbstvertrauen.

Melitta Breznik ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH und Oberärztin der Abteilung für individuelle Psychotherapie in der Klinik Schützen in Rheinfelden.

Melitta Breznik ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH und Oberärztin der Abteilung für individuelle Psychotherapie in der Klinik Schützen in Rheinfelden.

Aargauer Zeitung

Ein Burnout entsteht also nicht wegen zu wenig Selbstvertrauen, sondern der Zustand führt dazu?

Ja. Burnouts gründen im heutigen Druck der Arbeitswelt und in den gesellschaftlichen Erwartungen, vor allem jenen, die man selbst an sich stellt. Burnout ist meist ein Problem des mittleren Kaders, wo die Leute Druck von allen Seiten aushalten müssen. Lange merkt man nichts, aber im Alter zwischen 40 und 50 Jahren zeigen sich die ersten Belastungserscheinungen. Oft tauchen gleichzeitig familiäre Krisen oder Krankheiten auf, die das Fass zum Überlaufen bringen. Man beginnt schlecht zu schlafen und die Gefahr des Alkohol- und Tablettenkonsums steigt, weil man Entspannung sucht. Bei Frauen mit Kindern kommt in diesem Alter hinzu, dass die Kinder in der Pubertät besonders anstrengend sind. Die Frauen fühlen sich für die Kinder immer noch mehr verantwortlich, sie bekommen schneller ein schlechtes Gewissen als Männer. Auch das begünstigt eine Erschöpfung.

Lotty Fehlmann Stark fehlte an der letzten Einwohnerratssitzung – sie ist noch nicht gesund

Sie war bestens qualifiziert als Kandidatin der SP fürs Aarauer Stadtpräsidium. Doch dann musste sich Lotty Fehlmann Stark wegen eines Burnouts anfangs Sommerferien zurückziehen. Jetzt, nach der Wahl der zweiten Kandidatin Jolanda Urech kann die SP aufatmen: Der überraschende Wechsel mitten im Wahlkampf hat der Partei offenbar nicht geschadet. Parteipräsident Christoph Schmid sagt dazu: «Wir haben es intern und extern gut kommuniziert und wir hatten eine gute zweite Kandidatin. Das hat die Wähler überzeugt.» Noch kein Happy End gibt es für Lotty Fehlmann Stark. Sie ist noch nicht zurück im öffentlichen Leben. An der Wahlfeier von Jolanda Urech fehlte sie, die Partei sammelte stattdessen auf einer Karte mit guten Wünschen Unterschriften für sie. Lotty Fehlmann Stark konnte ihre Arbeit als stellvertretende Generalsekretärin beim kantonalen Departement Volkswirtschaft und Inneres noch nicht wieder aufnehmen. Immerhin ist sie jetzt meist wieder zu Hause. Doch an der ersten Einwohnerratssitzung nach den Sommerferien fehlte sie - und auch auf der Liste der Kandidaten für die neue Einwohnerrats-Amtsperiode. Fehlmann Stark tritt nicht wieder an. Dies sei schon lange vor dem Burnout klar gewesen, teilt Fehlmann mit, «16 Jahre sind genug». Im Moment ziehe sie sich aus der städtischen Politik zurück. Zur Stadtpräsidiumskandidatur möchte sie sich nicht äussern, das Thema sei für sie abgeschlossen. (kus)

Kommen Burnouts bei Frauen häufiger vor?

Das kann man nicht sagen. Frauen warten weniger lang, bis sie in Behandlung gehen. Sie sorgen mehr für sich selbst. Männer reden nicht darüber oder wenn, mit Zynismus. Oder sie machen fanatisch Sport. Sie warten eher, bis es psychisch kracht.

Wie ist es, wenn eine Person nach dem Burnout wieder ins öffentliche Leben zurückkehren muss?

Das ist schwierig. Man ist empfindlich und unsicher, wie das Umfeld reagiert. Die Fälle von bekannten Personen in letzter Zeit haben gezeigt: Es ist gut, darüber zu reden und sich zu erklären. Aber das fällt manchmal schwer.

Soll man jemanden, der ein Burnout hatte, darauf ansprechen?

Das kann individuell sehr unterschiedlich sein. Es ist sicher gut, wenn man Verständnis zeigt. Die Frage «Geht es besser?», ist aber eine Floskel, die eher Druck erzeugt, weil sie eine positive Antwort impliziert. Besser ist: «Wie geht es?», «Sag es, wenn ich helfen kann» oder die Frage, ob man darüber reden wolle.

Aarau hat jetzt trotzdem seine erste Stadtpräsidentin. In meinem Umfeld stelle ich aber immer noch fest: Frauen wollen oft nicht Chef werden, sie müssen nicht selten zu Führungspositionen überredet werden.

Das Selbstverständnis, das Frauen haben, ist noch ungenügend. Entweder sagen sie Nein, weil ihnen anderes wichtiger ist – die Familie, Freunde, Freizeit. Oder sie trauen sich den Job nicht zu.

Warum haben Frauen mehr Selbstzweifel?

Das ist zum Teil noch immer im Rollenbild verankert. Und die Entlastungsmöglichkeiten für Frauen reichen nicht, um sie in der Doppelfunktion zwischen Familie und Beruf zu unterstützen.

Ist das Zweifeln nicht eine typisch weibliche Veranlagung?

Das ist in der Genderdebatte noch nicht abschliessend beantwortet. Leitungsposten sind meist für Männer gemacht. Frauen mögen es weniger hierarchisch. Sie bevorzugen Teamarbeit und vernetzte Systeme. Frauen bewerben sich inzwischen auch zu zweit für Führungspositionen, was in der Männerwelt belächelt wird. Doch es ist sinnvoll – warum muss ein Chef alleine entscheiden? Der Bundesrat entscheidet ja auch als Gremium – die Schweizer Politik ist dafür ein gutes Beispiel.

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