Ausgequalmt
«Extreme Bevormundung»: Am Rauchverbot an Bahnhöfen scheiden sich im Aargau die Geister

Bald darf an Schweizer Bahnhöfen nur noch in speziell markierten Zonen geraucht werden – im Kanton Aargau sind die Meinungen dazu geteilt.

Kelly Spielmann
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Ab Juni 2019 darf auch an Bahnhöfen im Aargau – im Bild der Bahnhof Aarau – nur noch an speziell gekennzeichneten Zonen geraucht werden.

Ab Juni 2019 darf auch an Bahnhöfen im Aargau – im Bild der Bahnhof Aarau – nur noch an speziell gekennzeichneten Zonen geraucht werden.

Sandra Ardizzone

Seit letzter Woche ist klar: An Schweizer Bahnhöfen darf ab Juni 2019 grundsätzlich nicht mehr geraucht werden. Nur in speziell gekennzeichneten Zonen dürfen sich Raucher noch eine Zigarette anzünden. Was als Pilotversuch an einigen Standorten begann, hat sich offenbar bewährt. Der Verband öffentlicher Verkehr spricht von besserer Luft und weniger Verschmutzung, die zu einem angenehmeren Miteinander auf den Perrons beitragen sollen.

Die Lungenliga Aargau zeigt sich von der neuen Regel überzeugt. Man begrüsse den Entscheid, «gerade im Hinblick auf unsere jungen Leute, die viel an den Bahnhöfen anzutreffen sind», sagt Thomas Vielemeyer, Geschäftsführer der Lungenliga Aargau. Mit den Testläufen an verschiedenen Bahnhöfen hätten die SBB eine Vorreiterrolle übernommen, findet Vielemeyer.

Auch die speziellen Raucherzonen auf den Perrons überzeugen ihn: «Wir finden die Lösung mit gekennzeichneten Raucherzonen gut. Der Nichtraucher hat die Möglichkeit, diese Zonen zu meiden, und der Raucher hat die Gewissheit, dass er dort ungestört rauchen kann.» Man müsse jedoch beachten, dass es offenere und geschlossenere Bahnhöfe gebe und diese auch unterschieden werden müssen.

«Extreme Bevormundung»

Jedoch wird das Rauchverbot nicht von allen Seiten als positiv gesehen. So beispielsweise SVP-Politiker Sandro Wächter. «Ich halte absolut nichts von einem Rauchverbot an öffentlichen Orten wie Bahnhöfen. Meiner Meinung nach würde dies einem allgemeinen Rauchverbot gleichkommen», findet er. Der Tabakkonsum sei in unserer Gesellschaft fest verankert. «Ob das Rauchen gesund ist, ist eine andere Frage. Ein Verbot scheint mir aber eine sehr extreme Bevormundung des Bürgers zu sein.»

Die Entscheidung, das Rauchen am Bahnhof zu verbieten, habe sich seiner Meinung nach zwar schon über längere Zeit abgezeichnet. «Dass es jetzt doch so schnell kommt, ist für mich aber überraschend», so Wächter. Auch sei dies der erste Schritt zu einem generellen Rauchverbot. «Hier bestraft man ganz klar den Tabakkonsumenten.»

Probleme hat Wächter auch mit der Umsetzung der neuen Regel. «Es ist ja nicht so, dass Bahnhöfe geschlossene Räume sind. Der Rauch gelangt trotzdem in die Luft und in die Umgebung», sagt er. Ausserdem würden Bahnhöfe auch durch andere Schadstoffe in der Luft verschmutzt, beispielsweise Abgase.

Raucher vor dem Bahnhof?

Im Gegensatz zu anderen Meinungen glaubt Wächter auch, dass sich das Problem der achtlos weggeworfenen Zigarettenstummel durch das Verbot nicht lösen wird. «Es wird so sein, dass sich alle Raucher vor dem Bahnhof ‹versammeln› werden und auch dort die Zigarettenstummel auf den Boden werfen werden», denkt er.

Umfrage: Was halten Sie von einem Rauchverbot am Bahnhof?

Jenifer Zgheib, 24 «Ich rauche nur selten, aber ich bin es gewohnt, an Bahnhöfen nicht rauchen zu dürfen. Das ist ja bereits in vielen Ländern so, zum Beispiel in Deutschland. Ich bin noch nicht lange in der Schweiz, aber wenn ich hier am Bahnhof rauche, achte ich darauf, Nichtrauchern aus dem Weg zu gehen. Vorhin war ein kleines Mädchen neben mir, da bin ich sofort weggegangen. Das Verbot macht mir also nichts aus.»
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Dimitri Eberhard, 22 «Mit der Entscheidung, dass das Rauchen nur noch in speziellen Zonen auf den Perrons erlaubt ist, habe ich kein Problem. Ich finde nicht, dass das für Raucher eine grosse Einschränkung ist. Vom Rauch auf den Perrons fühle ich mich zwar nicht gestört, ich denke aber, dass ein Verbot besonders für die Umwelt gut ist. Das Hauptproblem sind die Raucher, die ihre Zigaretten auf dem Gleis entsorgen.»
Alexander Macht, 29 «Als Raucher stehe ich dem Verbot zwiespältig gegenüber. Es ist zwar wichtig, diejenigen zu schonen, die nicht rauchen. Aber gleichzeitig wird man als Raucher immer mehr vertrieben. Wenn die Raucherzonen gross genug werden, finde ich das aber in Ordnung. Bei diesen Zonen sollten die Raucher aber auch ein Mitspracherecht haben, da es so viele gibt.»
Benjamin Ribeiro, 23 «Als Raucher halte ich gar nichts von dieser Entscheidung. Dass man in den Bahnhofhallen nicht rauchen darf, verstehe ich ja, aber an offenen Orten wie Perrons überhaupt nicht. Ich nehme immer Rücksicht auf Kinder, wenn ich am Bahnhof rauche. Auch versuche ich immer, meine Zigarette im Aschenbecher zu entsorgen. Ein solches Verbot braucht es nicht.»
Alexander Egli, 25 «Für Nichtraucher ist es sicher angenehmer, jedoch werden wir Raucher immer mehr eingeschränkt. Bestes Beispiel ist in den Restaurants, da sollte jeder Besitzer selber entscheiden können, wie es für ihn stimmt. Trotzdem stört mich die neue Regel eigentlich nicht, da ich nur selten öffentliche Verkehrsmittel benutze.»
Severin Hürzeler, 25 «Ich bin Gelegenheitsraucher und kann das Anliegen der nichtrauchenden Bevölkerung schon nachvollziehen. Ich hoffe aber auch, dass bei der Einzonung an den Bahnhöfen auch die Raucher angemessen berücksichtigt werden.»

Jenifer Zgheib, 24 «Ich rauche nur selten, aber ich bin es gewohnt, an Bahnhöfen nicht rauchen zu dürfen. Das ist ja bereits in vielen Ländern so, zum Beispiel in Deutschland. Ich bin noch nicht lange in der Schweiz, aber wenn ich hier am Bahnhof rauche, achte ich darauf, Nichtrauchern aus dem Weg zu gehen. Vorhin war ein kleines Mädchen neben mir, da bin ich sofort weggegangen. Das Verbot macht mir also nichts aus.»

Kelly Spielmann

Interpellation von acht Politikern: Grossräte wollen Kinder vor E-Zigaretten schützen

Während sie in der Schweiz zwar seit ungefähr 2005 bekannt sind, hat der Hype um die E-Zigarette erst in den letzten Jahren richtig begonnen. Es hat einige Jahre gedauert, aber mittlerweile sind sogar Nachfüllflüssigkeiten, sogenannte Liquids, erlaubt, die nikotinhaltig sind.

Dies seit April 2018, gestützt auf das Cassis-de-Dijon-Prinzip. Darüber machen sich die Grossräte Thomas Leitch-Frey (SP), Maya Bally Frehner (BDP), Jürg Baur (CVP), Kathrin Hasler (SVP), Ruth Müri (Grüne), Dominik Peter, (GLP), Maja Riniker (FDP) und Uriel Seibert (EVP) Sorgen. In einer Interpellation wenden sie sich deshalb an den Regierungsrat und fordern Präventionsmassnahmen und Jugendschutz vor nikotinhaltigen E-Zigaretten, E-Shishas, E-Pens oder Vaporizern.

«Durch fruchtige, süsse Aroma-Substanzen sowie die attraktive Gestaltung von E-Zigaretten und E-Shishas werden vermehrt Kinder und Jugendliche angesprochen», begründen sie ihre Forderungen. Auch, dass das Gadget aussehe wie ein längerer USB-Stick und am Laptop aufgeladen werden kann, mache es besonders für Jugendliche attraktiv.

Da die nikotinhaltigen Liquids das Kratzen im Hals und den Nikotinflash einer Zigarette simulieren, sei die Gefahr gross, schnell nikotinabhängig zu werden, so die Grossräte. Werden die Liquids ausserdem nicht sachgerecht eingesetzt oder inhaliert, könne dies zu Vergiftungen führen. «Es geht nicht an, dass wir untätig zusehen, wie eine ganz neue Generation von Kindern und Jugendlichen in die Nikotinabhängigkeit getrieben wird», fassen die Grossräte zusammen.

Bundesgesetz erst 2022

Bereits 2015 wurde eine Motion zum Thema E-Zigaretten von Grossrätin Maja Riniker (FDP) eingereicht. Damals waren nikotinhaltige Liquids zwar noch nicht erlaubt, doch Riniker war der Meinung, dass E-Zigaretten den Einstieg in ein Suchtverhalten erleichtern.

Die Motion blieb jedoch erfolglos: Der Regierungsrat verwies auf die Ausarbeitung eines Bundesgesetzes über Tabakprodukte und wollte diese abwarten. Mit dem Inkrafttreten des Tabakproduktegesetzes ist erst auf Mitte 2022 zu rechnen.

Fragen an Regierungsrat

Darauf wollen die Grossräte nicht warten. Deshalb die Interpellation: Sie wollen beispielsweise wissen, ob der Regierungsrat die Ansicht unterstütze, dass E-Zigaretten anderen Tabakwaren gleichgestellt werden sollen. In diesem Zusammenhang sei auch zu beantworten, ob er ein Verkaufsverbot an Jugendliche unterstütze und wo die Altersgrenze zu ziehen sei. Weiter erkundigen sich die Grossräte nach einem Werbeverbot und nach Präventionsmassnahmen.

Schliesslich wollen sie wissen, ob der Regierungsrat bereit wäre, die notwendigen gesetzlichen Anpassungen vorzunehmen, sodass Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren keine E-Zigaretten, E-Shishas, E-Pens oder Vaporizer erwerben können.

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