Brugg/Windisch

Fahrende sind eine anerkannte Minderheit – und geraten doch immer mehr unter die Räder

Noch ein paar Tage geduldet, dann müssen sie weiter: Der Winter-Durchgangsplatz für Schweizer Fahrende auf dem Parkplatz des Freibads Heumatte am Rand der Agglomeration Brugg/Windisch.

Eine Aargauer Stadt findet einen Trick, die Pläne eines Areals für Wohnwagen zu begraben. Wie die Fahrenden bei diesem Vorgehen unter die Räder geraten.

Mit dem Frühling zieht es sie wieder auf die Strasse. Doch nach der Abfahrt von ihren Winterquartieren beginnt für die Fahrenden in der Schweiz eine mühsame Suche nach Stellplätzen für ihre Wohnwagen. Auf dem Parkplatz vor dem Freibad in der Aargauer Gemeinde Windisch sind einige fündig geworden. Zehn Wohnwagen stehen zur Mittagszeit auf dem Asphalt. Die Vordächer sind ausgerollt, schützen Mobiliar und Kindervelos vor dem Regen. Stromkabel schlängeln sich über das Gelände, Wasserschläuche stecken in den Anschlüssen der Wohnwagen. Ihre Bewohner sind ausgeschwärmt, auf der Suche nach Arbeit.

Nur Frau Waser ist mit ihren Kindern da geblieben. In der wärmeren Jahreszeit, wenn die Familie auf Achse ist, unterrichtet die Jenische den Nachwuchs selbst. Ihr Mann ist unterwegs. Auf Kundenbesuch bietet er seine Arbeit feil. Scheren oder Messer schleifen gehört immer noch ins StandardRepertoire eines Fahrenden. Andere bringen ihre Korbwaren an die Leute.
Nächste Woche müssen die Fahrenden den Parkplatz in Windisch räumen und weiterfahren. Welchen Durchgangsplatz sie danach ansteuern, weiss Frau Waser nicht.

Im Sommerhalbjahr, wenn die Badi-Gäste ihre Autos auf dem Parkplatz abstellen, steht die gesamte Region Brugg/Windisch ohne Stellplätze für Fahrende da. Und damit sind die beiden Gemeinden nicht allein: Offizielle Halteplätze sind rar in der Schweiz, noch immer gibt es viel zu wenige Platzangebote für die Fahrenden, deren Lebensstil die Schweiz offiziell anerkennt und damit auch schützen muss (Grafik unten). Und diejenigen Plätze, die es gibt, sind meist Schweizer Fahrenden vorbehalten. Wie derjenige in Windisch.

Mit geringfügigen Änderungen ist das Bild bis heute das gleiche: Es mangelt an Standplätzen (hier «überwintern» die Fahrenden, in der Regel werden sie ganzjährig gemietet und in den Standplatzgemeinden sind die Fahrenden angemeldet) als auch an Durchgangsplätzen (sie dienen den Fahrenden im Sommerhalbjahr zum kurzfristigen Aufenthalt). Manche Durchgangsplätze stehen auch ausländischen Fahrenden offen, zum Beispiel jener der Kaiseraugst AG. Plätze ausschliesslich für ausländische Fahrende werden Transitplätze genannt. Quelle: Stiftung Fahrende Schweiz, Stand 2015

Mit geringfügigen Änderungen ist das Bild bis heute das gleiche: Es mangelt an Standplätzen (hier «überwintern» die Fahrenden, in der Regel werden sie ganzjährig gemietet und in den Standplatzgemeinden sind die Fahrenden angemeldet) als auch an Durchgangsplätzen (sie dienen den Fahrenden im Sommerhalbjahr zum kurzfristigen Aufenthalt). Manche Durchgangsplätze stehen auch ausländischen Fahrenden offen, zum Beispiel jener der Kaiseraugst AG. Plätze ausschliesslich für ausländische Fahrende werden Transitplätze genannt. Quelle: Stiftung Fahrende Schweiz, Stand 2015

Ein neuer Durchgangsplatz extra für ausländische Fahrende soll dagegen in wenigen Tagen in der Berner Gemeinde Brügg in Betrieb gehen. Schweizweit gibt es nur fünf weitere Plätze exklusiv für ausländische Fahrende. Doch insgesamt sieht es für Fahrende – egal ob aus dem Ausland oder dem Inland – düster aus. Das beweist die Region Brugg/Windisch exemplarisch. Windisch ist längst mit dem grösseren Brugg zusammengewachsen. Nun geben sich die Gemeinden eine gemeinsame Nutzungsordnung. Diese lag bis diese Woche öffentlich auf.

Brugg sieht keine Möglichkeit

Nachdem die Fahrenden-Organisationen Radgenossenschaft und Stiftung Fahrende Schweiz die Dokumente gesehen hatten, schlugen sie Alarm. In Brugg waren die Vorarbeiten für einen ganzjährigen Durchgangsplatz bereits weit vorangeschritten. Doch nun, in der gemeinsamen Planung mit dem Nachbarn Windisch, steht: «Mit dem Durchgangsplatz in Windisch ist das Angebot im Raum Brugg/Windisch für Fahrende abgedeckt.»

Das stösst bei den Fahrenden-Organisationen auf Unverständnis. Der Exekutive der Stadt Brugg schickten sie deshalb ihre Einwände mit der Bitte, in Brugg doch noch eine geeignete Zone für einen Platz auszuscheiden. Der «Nordwestschweiz» liegen die Schreiben vor: Das auf die Wintermonate beschränkte Angebot bei der Badi Windisch decke die Bedürfnisse «bei weitem nicht ab». In der Agglomeration Brugg/Windisch mangle es sowohl an einem «vollwertigen Standplatz» wie auch an einem Durchgangsplatz im Sommerhalbjahr.

Die Stiftung Fahrende Schweiz argumentiert, dass auf kantonaler Ebene bereits seit längerem ein ganzjähriges Angebot für Fahrende in der Region Brugg/Windisch angestrebt werde. «Wir sehen den neuen Platz primär in der Stadt Brugg, da raumplanerisch dort bereits auf die Schaffung eines dauerhaft nutzbaren Platzes hingearbeitet worden ist», schreibt die Stiftung.

Zwar gilt der Aargau schweizweit als vorbildlich im Umgang mit den Fahrenden, jetzt stellt sich jedoch die Frage: Stiehlt sich die Zentrumsgemeinde Brugg in einer von Fahrenden beliebten Region aus der Verantwortung? Die Frage geht an die Brugger Stadtpräsidentin Barbara Horlacher. Diese verneint: In einer Evaluation sei man zum Schluss gekommen, dass keiner der geprüften Standorte als Stellplatz für Fahrende infrage komme. «Die Behörden von Windisch und Brugg haben sich aber darum bemüht, einen tauglichen Platz zu finden.»

Doch was waren die Gründe für diesen Entscheid? Für den Standort, der am ehesten infrage gekommen wäre, nennt Horlacher drei: Erstens bestehe dort teilweise ein Hochwasserrisiko. «Zweitens gehört nur der kleinere Teil des Areals der Einwohnergemeinde. Der Rest ist in Privatbesitz und hätte aufwendige Verhandlungen nach sich gezogen.» Drittens nennt Barbara Horlacher die schlechte Zugänglichkeit des Areals mit Autos und Wohnwagen. «Das Areal ist lediglich von Nordosten her gut erreichbar. Für den Anschluss nach Süden müssen die Ortskerne Brugg und Windisch durchfahren werden.»

Auch Barbara Horlacher anerkennt das kantonal festgestellte Bedürfnis auf einen Platz für Fahrende in der Region Brugg. «Doch eben, wir mussten mangels Eignung sämtliche Optionen verwerfen.»

Wie geht es nun weiter? Die Fahrenden-Organisationen weisen auf die Verantwortung hin, welche Brugg als grösste Gemeinde in der Region trägt. Nur: Noch ist nicht einmal klar, ob die Einwände der Fahrenden-Organisationen überhaupt geprüft werden müssen, da im Aargau bei Zonenänderungen nur direkte Nachbarn einwendeberechtigt sind. Mangels dauerhaftem Standplatz in der Region werden also kaum Fahrende für ihre eigenen Interessen einstehen können.

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