Täusche ich mich oder sind Sie mit Ihrem Quartett noch mehr unterwegs als 2011?

Andreas Fleck: Es stimmt. Dieses Jahr hatten wir sicher schon 50 Konzerte – von Wien bis Hamburg.

Das Quartett wird demnach neben der Chaarts-Leitung, dem Boswiler Sommer und Ihrer Arbeit bei der Zürich-Versicherung ein Pfeiler Ihres Schaffens bleiben?

Für mich ergänzen sich die Dinge ideal, die Balance aber bleibt eine ständige Herausforderung.

Wie lange bleiben Sie dem Boswiler Sommer noch treu?

Einerseits ist da die Frage, wie lange ich die Fantasie habe, Dinge zu erfinden. Andererseits gibt es die Vision, die Liegenschaften um die Alte Kirche noch mehr miteinander zu verknüpfen, zum Beispiel die Aussicht auf ein Foyer zwischen der Kapelle und der Kirche: ein Neubau, quasi eine Winterlösung. Vielleicht steht das in vier, fünf Jahren. Diesen Kraftakt möchte ich mit Michael Schneider noch gemeinsam erleben.

Was ist neben dem Neubau Ihre Motivation für Boswil?

Der Ort ist unheimlich attraktiv, ja magisch, ein Wunder in sich – und darum habe ich das «Wunder» auch zum Festivalthema gemacht. Diese Sehnsucht nach dem nicht mehr Erklärbaren treibt die Leute doch nach Boswil. Auch mich. Die Menschen, die dem Ort treu sind, sind mir wichtig – und ich merkte, dass man mich noch nicht gehen lassen will. Ich habe mich auch gefragt, ob mich die vakante Intendanz der Tonhalle Zürich interessieren würde. Ich fühle mich aber noch zu jung und habe Sorge, dann als Musiker aufhören zu müssen. Ich will noch spielen, nächste Woche etwa mit unserer Festival Artiste Vilde Frang im Trio. Da brauche ich Zeit und Ruhe zum Üben.

2010 zählte man 4000 Besucher, 2011 nur noch 3000. Warum dieser Einbruch?

3200, wir hatten 800 weniger, der Grund ist leicht erklärbar. Wir haben 33 000 weniger Prospekte verschickt, halb so viel wie 2010. Und dann hatten wir zwei Wochen vor dem Festival ein intensives Schubert-Wochenende – beides war wohl zu viel auf einmal: Das Sommerfeeling konnte da schon abgeholt werden. Da wir den Versand nicht gemacht haben, haben wir allerdings auch Geld eingespart – der Verlust war klein.

Ihrem Programm 2011 geben Sie keine Schuld?

Man hat seinen Stil, den habe ich ja nicht geändert. Und jedes Jahr ist eine Neuerfindung.

Sie haben ihn aber letztes Jahr ausgereizt. Die Konzerte waren zu originell, Sie überforderten die Leute.

(Zögerlich) Das kann sein. Vielleicht habe ich zu viel gesponnen. Dieses Jahr bin ich noch sorgfältiger ins Detail gegangen.

2012 ist das Programm dennoch viel weniger experimentell.

Wenn es so ist, geschah das unbewusst: Ich habe mit dem Programm nicht auf die Besucherzahlen 2011 reagiert. Man kann Publikumsandrang wohl bedingt steuern, aber das wäre gestalterisch sehr einschränkend. Schauen wir, wie es bei Festivalende ausgeht. Es ist auch eine Chance, wenn es so eine Delle gibt. Die Besucherzahlen des Boswiler Sommers zeigten immer nach oben, plötzlich fielen sie um 20 Prozent. Da denkt man nochmals über alles nach, bereitet gewisse Dinge, etwa das Marketing, anders auf.

Trotz einer Wanderung und des Besuchs eines Mentalisten: Ich sehe im Programm 2012 sichere Werte.

Wir machen das Festival natürlich nicht für leere Reihen. Allgemein beobachte ich bei Programminhalten vieler Konzertveranstalter, dass die Experimentierfreudigkeit abnimmt. Man sagt: «Unser Publikum will das nicht.» Das will das Klassische und sucht die Oasen des Traditionellen. Und vielleicht hat ein Sicherheitsdenken unterbewusst mitgespielt. Aber ich nehme mir nach wie vor eine Freiheit heraus, die manche erst wahrnehmen, wenn sie in der Kirche sitzen. Ich wollte die Leute noch nie schockieren oder belehren, habe sie aber wohl auch mal mit der Konzertlänge überfordert. Das, was passiert, kann man in keiner Hochglanzbroschüre vorwegnehmen. Für den Gang nach Boswil ist der Inhalt entscheidend. Es sind die Komplexität, die Themen und die Querverbindungen, die uns vom Solsberg Festival unterscheiden, das seinen Erfolg eher an Personen festmacht.

Wie zeigt sich das Thema «Wunder» im Programm?

Wir haben eine Märchenebene, Wunderwesen tauchen auf: Engel und Teufel, allen Programmen liegt Poesie zugrunde, das wunderliche Jiddisch ist zu hören, wir haben einen Mentalisten, er wird den Leuten vormachen, dass er ihre Gedanken lesen kann. Wir alle wollen doch an Wunder glauben und sind deswegen verführbar.

Vilde Frang ist Festival Artiste. Sie ist eine Künstlerin, die perfekt in Ihr Konzept passt: Sie wollen Musiker nach Boswil bringen, bevor sie in die Welt abheben. Warum schaffen Sie das fast jedes Jahr?

Mein Glück ist, dass ich entweder gute Tipps erhalte oder Potenziale erkenne. Auch gibt es in Boswil diesen unbezahlbaren Spirit, die Aufgehobenheit durch das Team und die Programme, die attraktiv sind für Musiker. Aber der Markt teilt sich auf in Veranstalter, die es sich noch leisten können, und die anderen, die nur noch die Krümel vom Teller haben. Ich kann ja nicht Honorare wie für vier Solistenabende bieten, wenn jemand bei uns in vier Kammerkonzerten mitwirkt. Sonst wäre Vilde Frang unerreichbar. Selbstloses Mäzenatentum ist praktisch ausgestorben und Sponsoren wissen, dass sie den Gegenwert mitbestimmen. Aber ich bin zuversichtlich für die Zukunft.