Aargauer Kunsthaus
Frauenpower für die Jahresausstellung

Im Aargauer Kunsthaus kuratiert Simona Ciuccio erstmals die «Auswahl». Gast ist Bildhauerin Simone Holliger.

Sabine Altorfer
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Simone Holliger (rechts) baut riesige Skulpturen aus Papier, Kuratorin Simona Ciuccio kuratiert ihre erste Ausstellung im Aargauer Kunsthaus.

Simone Holliger (rechts) baut riesige Skulpturen aus Papier, Kuratorin Simona Ciuccio kuratiert ihre erste Ausstellung im Aargauer Kunsthaus.

Foto: Claudio Thoma / Aargauer Z

Das Aargauer Kunsthaus ist noch eine Grossbaustelle: Im Unter- wie im Obergeschoss wird gehämmert, gemalt und gehängt – werden Beamer und Verdunklungsvorhänge montiert, überall liegen Zettel mit Namen und Skizzen, wie die Werke anzuordnen sind. Hier entsteht die Ausstellung «Auswahl 18» – das alljährliche, grosse Heimspiel der Aargauer Künstlerinnen und Künstler.

Mittendrin, im oberen Stock, ist ein Raum für die diesjährige Gastkünstlerin reserviert: Simone Holliger. Überrascht bleibt man am Eingang stehen. Riesige rote, grüne, weisse Skulpturen füllen den Raum: schief, bewegt, weder Figur noch abstrakte Schönheit. Simone Holliger kniet am Boden über einem weissen Gebilde, trägt mit einer Pistole Heissleim auf eine Kante auf, presst ein Stück Papier an die Klebstelle. «Entschuldigung, ich muss das erst anpressen, sonst hält es nicht», entschuldigt sie sich. Und nein, es gehe nicht darum, ihre Skulpturen zu flicken oder so, sondern sie zu bauen. Hier und jetzt in der Ausstellung. «Mein Atelier in Genf ist zu klein, um solch grosse Werke herzustellen – und sie wären auch viel zu fragil für einen Transport», erklärt sie. Tatsächlich baut sie ihre Skulpturen aus Papier, genauer aus Kulissenkarton. Das Material kauft sie in Rollen von 2 mal 20 Metern.

Monumentales aus Papier

Das klingt ziemlich verrückt – für Aussenstehende. Nicht aber für Simone Holliger, 32, aufgewachsen in Lenzburg. Sie hat an der Akademie in Genf erst gemalt, dann vor allem gezeichnet. «Daraus haben sich die Papierskulpturen organisch ergeben», erklärt sie. Aus Zeichnungen, denen sie zusätzliche Flächen angeleimt hat, um sie ins Räumliche zu erweitern. So gross und dreidimensional habe sie aber erst für die «Auswahl 17» gearbeitet. Das aber gleich so gut, dass die Jury sie als Gast für 2018 einlud.

Auswahl 18: Aargauer Kunsthaus, bis 6. Januar. Vernissage Freitag, 30. November, 18 Uhr.

«Auch heute noch stehen am Anfang Zeichnungen», erzählt sie und öffnet ihr Skizzenbuch. Darin hat sie die überlebensgrossen Figuren als einfache, nur zweidimensionale Schemen entworfen. «Das stimmt, ihre genaue Form, auch gewisse Überlagerungen ergeben sich während der Arbeit. Und ich belasse sie bildhaft, mit klarer Ausrichtung, mit breiter Front und schmaler Seite.» Schwieriger planbar sei die Stabilität. «Am Anfang hatte ich Albträume, dass sie auseinanderbrechen oder umstürzen.» Simone Holliger lacht. Das habe sich mit der Erfahrung gelegt.

Versteht sie sich als Bildhauerin? «Ungern», meint sie zögernd. «Aber ja, eigentlich mache ich Skulpturen.» Allerdings sind ihre Skulpturen nicht für die Ewigkeit gemacht. Sollen sie auch nicht sein. Nach der Ausstellung nehme sie sie wieder auseinander, verwende das Material später für neue Arbeiten. «Das Flüchtige, Vergängliche, Verwandelbare gefällt mir.»

Einige der Figuren stehen breitbeinig und fertig bemalt da: einheitlich schwarz oder grün die einen, zweifarbig changierend rot die andere Skulptur. Signalhaft. Das gehöre für sie dazu. «Letztes Jahr haben die weissen Arbeiten zu sehr wie Eisberge gewirkt» sagt sie. «Das sollten sie zwar, weil ich diese Form assoziativ übernommen hatte. Aber zu eindeutig soll es nicht sein.» Der Titel der Arbeit sei übrigens «Fremde im Raum». Wie sie die einzelnen Objekte stelle und ordne, wisse sie noch nicht. «Darauf bin ich selber gespannt.»

Die neue Kuratorin

Nicht nur sie. Gespannt ist auch Simona Ciuccio, die während unseres Gesprächs den Raum betreten hat. Sie ist die neue Sammlungskuratorin am Aargauer Kunsthaus. Nach ihrem Stellenantritt im September hat sie gleich mit Volldampf losgelegt: Sie leitete die Jury der «Auswahl 18» und hat nun die knifflige Aufgabe, zusammen mit dem Technikteam aus den 53 unterschiedlichsten Werkgruppen eine schöne Ausstellung zu gestalten. Die Arbeit macht ihr offensichtlich Spass, und gerne erklärt sie auch das spezielle Aargauer Prozedere. Neben – ja sogar vor ihrer Jury – wählt das Aargauer Kuratorium aus den Bewerberinnen und Bewerbern für Werkbeiträge und Atelieraufenthalte seine Künstlerinnen und Künstler aus.

Für die 39-jährige Kuratorin ist eine Jahresausstellung kein Neuland, das hat sie zuvor am Kunstmuseum Winterthur auch gemacht. «Aber die Auswahl hier ist grösser, und es steht mehr Platz zur Verfügung». Zwei volle Geschosse: «Ich möchte jeder Arbeit genügend Raum, die richtigen Nachbarschaften geben. Das braucht ziemlich viel Hin- und Herschieben.» Wie findet sie die Aargauer Kunst? «Ich bin erstaunt über die hohe Qualität.» Und sie fügt an: «Fremd ist sie für mich ja nicht. Ich habe die ‹Auswahl› regelmässig angeschaut, auch andere Ausstellungen im Haus.» Das sei ihr Heimvorteil.

Simona Ciuccio ist in Baden aufgewachsen, ihr Vater hat gemalt. «Für unsere Familie war das Kunsthaus das Ziel vieler Sonntagsauflüge.» Hier im Haus habe sie Kunst als Kind physisch, sinnlich, visuell kennen gelernt. Bereits als Kantischülerin hat sie in der städtischen Galerie und im Trudelhaus Baden mitgearbeitet. «Es sind jetzt tatsächlich Künstler dabei, die ich von damals kenne. Das finde ich sehr schön.»

Leidenschaft für die Sammlung

«Mein Traum war es immer, in einem Museum zu arbeiten», erklärt Simona Ciuccio. Während des Studiums machte sie 2003 im Kunstmuseum Winterthur ein Praktikum, arbeitete dann für die Mario-Merz-Stiftung in Turin, war Volontärin im Kunstmuseum Luzern und ab 2009 wissenschaftliche Mitarbeiterin, später Kuratorin in Winterthur. Die Stelle in Aarau habe sie gereizt, weil eine Sammlungskuratorin gesucht war. «Ich finde die Arbeit mit einer Sammlung hochinteressant. Darin einen Kern, ein Thema zu finden, um das herum man Werke gruppiert, Aspekte herausschält, das liebe ich.»

Wenn die Auswahl Ende Woche eröffnet ist, steht das nächste Projekt an. Ihr Vorgänger Thomas Schmutz habe noch das Thema gesetzt: «Big Picture». Da will sie grossformatige Werke zeigen, etwa den Paravent von Hugo Suter oder die «flachen Arbeiten» von Adrian Schiess. Im März verantwortet sie dann «Blumen für die Kunst». Die populärste Schau des Hauses. «Eine schöne Idee», findet Simona Ciuccio. Auch noch 1919 wird sie eine Ausstellung zum Jubiläum 75 Jahre Verein der Freunde der Aargauischen Kunstsammlung machen, Ende Jahr die «Auswahl 19».

Wie gut kennt sie die Sammlung? «Gut und nicht gut. Gut, weil ich oft hier war. Nicht gut, weil ich nicht wusste, wie gross sie wirklich ist und wie stark man auch zeitgenössisch gesammelt hat.» Die Sammlung biete enormes Potenzial, um sie immer wieder neu zu zeigen. «Aber dazu muss ich mich noch vertiefter einarbeiten», sagt sie und eilt zurück an die Arbeit, weil die Techniker mit Fragen zur genauen Platzierung auf die Ausstellungs-Chefin warten.

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