«Frauenstimmen»
«DIE Mutter gibt es nicht» – Wie das Buch ‹Mutterliebe› Margrit Stamm zur Feministin gemacht hat

Serie zu 50 Jahre Frauenstimmrecht – heute mit Margrit Stamm, emeritierte Professorin der Universität Fribourg und Direktorin des Forschungsinstituts Swiss Education Aarau.

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Bildungs- und Erziehungsexpertin Margrit Stamm: «Mütter haben in verschiedenen Kulturen ganz unterschiedliche Rollen.»

Bildungs- und Erziehungsexpertin Margrit Stamm: «Mütter haben in verschiedenen Kulturen ganz unterschiedliche Rollen.»

Iris Krebs /
Aargauer Zeitung

Vor 50 Jahren wurde das Frauenstimmrecht eingeführt. Aus diesem Anlass stellt die AZ unter dem Titel «Frauenstimmen» jede Woche eine Frau aus dem Kanton Aargau vor.

Als Gründerin und Direktorin des Forschungsinstituts Swiss Education in Aarau widmet sich Margrit Stamm, emeritierte Professorin an der Universität Freiburg, weiterhin ihrer grossen Leidenschaft: der Er-ziehungs- und Bildungswissenschaft und allem, was damit zu tun hat. «Ich war ein Mädchen, das lernen musste, durchzuhalten», sagt sie, «und ich bin eine Frau geworden mit Kerben, Verlusten und Selbstzweifeln, aber auch eine Frau, für die sich Träume erfüllt haben.»

Margrit Stamms Lebensgeschichte spricht von ihrem Durchhaltewillen, von einer steten Neugier und dem Drang, zu lernen, zu wachsen, und sich auch zu verändern. Dass sie früh schon als «Versliaufsagerin» an Familienfesten gefragt war und auch gut und gerne referieren und erzählen konnte, kam ihr zuerst als Lehrerin und später als Wissenschafterin zugute. Und doch sagt Margrit Stamm heute:

«Es hat von mir geheissen, ich sei eine Querulantin, ein sogenannt schwieriges Kind, weil ich gar nicht anders konnte, als meine eigene Meinung zu sagen, zu provozieren.»

Die Herausforderung, in einer Arbeiterfamilie aufzuwachsen und den langen Weg bis zur Professur zu bewältigen, hat Margrit Stamm schon früh für das Thema Chancengleichheit sensibilisiert. Doch halt: «Chancengleichheit», sagt sie bestimmt, «ist passé. Es geht um Chancengerechtigkeit.» Allen Menschen sollen faire Chancen bei der Überwindung von Nachteilen ermöglicht werden, damit sie, egal welcher Herkunft und welchen Geschlechts gleiche Lebensaussichten haben.

«Das Bildungssystem ist ungerecht», sagt Stamm

Am Forschungsinstitut Swiss Education hat sie in diesem Jahr das Forschungsprojekt «Arbeiterkinder als Bildungsaufsteiger» lanciert. «Das Bildungs-system ist ungerecht», sagt sie im Video auf ihrer Homepage, mit dem sie einlädt, eigene Erfahrungen zu teilen. Sie schätzt, dass in der Schweiz viermal mehr Kinder aus Akademiker­familien studieren, während Arbeiterkindern dieser Schritt seltener gelingt, auch wenn sie gleiche Noten haben.

Den Anfang zur Erfüllung ihrer Träume machte sie als Lehrerin. Absorbiert von der Arbeit, als junge Frau in einem Aargauer Bauerndorf, wo sie sich nicht nur den Schulpflegern unter Beweis stellen musste, nahm sie 1971 die Einführung des Frauenstimmrechts eher beiläufig wahr. «Ich habe es begrüsst, aber das musste ja einfach kommen. Erst in meinem Studium, das ich mit der Unterstützung meines Partners mit 35 Jahren begann, hat mich die Lektüre von Élisabeth Badinters Buch ‹Mutterliebe› zur Feministin gemacht. Als Frau mit zwei Kindern, die an die Universität ging, hatte ich zuerst das Gefühl, ich täte etwas Verbotenes.

Badinter zeigt, wie Mütter in verschiedenen Kulturen ganz unterschiedliche Rollen haben, dass es DIE Mutter nicht gibt, auch nicht DAS Kind und nicht DIE Mutterliebe. Das war für mich Erleuchtung und Erleichterung zugleich. Heute bin ich stolz auf unsere Kinder und meine Familie, und dass es meinem Partner und mir gelungen ist, die eigene Karriereplanung nie isoliert wahrzunehmen, sondern immer mit Blick auf das Du. Dafür, dass wir auf diese Weise gemeinsam Gleichberechtigung entwickeln konnten, was vielen Frauen verwehrt bleibt, bin ich sehr dankbar.» (az)

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